Lucien Favres erster Arbeitstag in Dortmund Die Quadratur des BVB

Der neue BVB-Trainer Lucien Favre soll den Kader stabilisieren, den Dortmunder Konterfußball wiederbeleben - und Konflikte befrieden. Kann er das schaffen?

Lucien Favre
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Lucien Favre

Aus Dortmund berichtet


Umweht von einer sommerlichen Leichtigkeit sank Lucien Favre auf genau den Stuhl nieder, der in den vergangenen Monaten diverse, ziemlich angespannte Kollegen getragen hatte.

Thomas Tuchel, Peter Bosz und Peter Stöger haben hier schwere Rückschläge erlebt, nun saß dort dieser Grandseigneur aus dem Schweizer Alpendorf Saint-Barthélemy. Gut erholt, sanft gebräunt, das Hemd genau an der richtigen Stelle aufgeknöpft um locker, aber nicht unseriös zu wirken.

Es sei ja "kein Geheimnis", dass der BVB schon früher versucht habe, Favre ins Revier zu locken, erläuterte Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke zufrieden. Bereits im Vorjahr war der Schweizer der "Wunschtrainer", konnte sich damals aber nicht aus seinem Vertrag mit OGC Nizza befreien.

Seit vielen Jahren haben sie in Dortmund keinen Trainer mehr mit so viel innerer Überzeugung vorgestellt.

Schon immer hätten die Teams des 60-Jährigen "eine gute Balance zwischen Offensive und Defensive" gehabt, hob Sportdirektor Michael Zorc hervor. Außerdem habe der neue Trainer in der Schweiz, bei Hertha BSC Berlin, bei Borussia Mönchengladbach und bis zum Sommer bei OGC Nizza immer "Tabellenplätze erreicht, die sich sehen lassen können". Und nicht zuletzt sei Favre ein Fußballlehrer mit feinem Händchen für die Entwicklung junger Spieler.

Solche Hymnen gehören zum Ritual bei Trainervorstellungen, und doch war dieser Vortrag anders. Watzke und Zorc mussten weder irgendwelche Skeptiker bekehren, noch redeten sie gegen eigene Selbstzweifel an. Alle aufmerksamen Beobachter des Bundesligageschehens haben in den zurückliegenden Jahren mit eigenen Augen gesehen, dass Favre all die Dinge, die ihm nachgesagt werden, wirklich kann.

Er selbst sprach von einer "großen Herausforderung", blieb ansonsten aber eher wortkarg. Das Team müsse lernen, "sehr hoch zu stehen", aber auch das Element des Konterns werde wieder bedeutsamer werden. "Eine Mannschaft, die nicht kontern kann, ist keine große Mannschaft", verkündete Favre, jeder Gegner müsse Angst vor den schnellen Gegenangriffen des BVB haben. Das klang ein wenig nach Jürgen Klopp.

Die Rückkehr zum "Dortmund-Gefühl"

Unklar ist allerdings, wie sich Favre wohl in diesem speziellen, womöglich noch von den Erinnerungen an den Übertrainer Klopp geprägten BVB-Milieu fühlen wird. Zuletzt kamen hier ja weder Thomas Tuchel, Peter Bosz noch Peter Stöger wirklich klar, und Favre ist ein sensibler Mann. Ein Selbstzweifler, der mitunter etwas Aufmunterung braucht. Der Job des Zuhörers und Unterstützers könnte Sebastian Kehl zufallen, der am Dienstag als Leiter der Lizenzspielerabteilung vorgestellt wurde und den Wunsch geäußert hatte, wieder ein "Dortmund-Gefühl" zu entwickeln.

Diese Versuche gab es zwar auch während der beiden zurückliegenden Jahre, doch da war das Klima belastet durch Ereignisse wie den Sprengstoffanschlag und vergiftet durch interne Konflikte auf unterschiedlichen Ebenen. Dieser Sommer steht für einen Neubeginn.

Favre sei auch in seinen Ex-Klubs noch hoch geschätzt, das spreche für seine menschlichen Qualitäten, sagte Watzke und rief in Erinnerung, dass dieser Trainer bei "allen Stationen nicht nur immer sehr erfolgreich gearbeitet, sondern auch das Potenzial, das jeweils vorhanden war, voll ausgeschöpft" habe.

Fans von Borussia Mönchengladbach bedanken sich 2015 bei ihrem Ex-Coach.
REUTERS

Fans von Borussia Mönchengladbach bedanken sich 2015 bei ihrem Ex-Coach.

Zunächst wird die Grundlagenarbeit der kommenden Wochen allerdings nicht nur auf dem Trainingsplatz stattfinden, sondern auch auf dem Transfermarkt, und an dieser Stelle hakt es noch. "Wir werden zwei Transferperioden brauchen, um das Gerüst der Mannschaft so abzubilden, wie wir uns das vorstellen, der Markt ist sehr diffizil", sagte Watzke.

Auf der Suche nach dem Aubameyang-Ersatz

Die Dortmunder haben ja bereits den Mainzer Innenverteidiger Abdou Diallo zum zweitteuersten Spieler der Vereinsgeschichte gemacht und den Bremer Mittelfeldspieler Thomas Delaney für 20 Millionen Euro geholt. Dazu verpflichteten sie den Augsburger Torhüter Marvin Hitz, Marius Wolf (Eintracht Frankfurt) und den marokkanischen Außenverteidiger Achraf Hakimi aus dem Nachwuchs von Real Madrid. Gesucht wird noch ein Mittelstürmer, wobei die BVB-Leitung bereits dabei ist, an dieser Stelle Erwartungen zu dämpfen.

Der zuletzt vom FC Chelsea ausgeliehene Michy Batshuayi wird nach England zurückkehren, Álvaro Morata ist aufgrund der Ablöseforderung des FC Chelsea von angeblich 70 Millionen Euro wohl zu teuer. Bremens Max Kruse zählt noch zu den Kandidaten, aber auch Maximilian Philipp, der im vorigen Jahr aus Freiburg kam, wird zugetraut, die Lücke im Angriff zu schließen, die der Wintertransfer von Pierre-Emerick Aubameyang gerissen hat.

Wenn es Favre aber gelänge, das bereits vorhandene Potenzial dieses mit Nationalspielern, Weltmeistern und aufregenden Talenten bestückten BVB-Kaders auszuschöpfen, könnte die Zeit der Rückschläge und der inneren Zerwürfnisse tatsächlich ein Ende finden.

insgesamt 4 Beiträge
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Seite 1
Papazaca 07.07.2018
1. Viel Hoffnung, viel Arbeit. Es braucht aber seine Zeit!
Wenn man über Zugänge und Abgänge beim BVB nachdenkt, wird klar: Eine Riesenbaustelle. Und "Work in Progress". Und auf die Arbeit der letzten Trainer Stöger und Bosz kann Fabre kaum aufbauen. Viele der Infos um den BVB machen Hoffnung. Aber es ist noch vieles im unklaren: welcher Torjäger, Führungsspieler, Götze etc. ... Das braucht alles Zeit, mindestens zwei Spielzeiten. Wer jetzt sofort Wunder erwartet, hat unrealistische Vorstellungen. Erstmal muss Fabre die Mannschaft stabilisieren, Wunder kommen später.
immerfroh 07.07.2018
2.
Zudem ist noch völlig offen, wie der Kader am 31.August aussehen wird. Prognosen über die kurzfristige sportliche Entwicklung sind auch deshalb unmöglich. Und genau deshalb machen diese Hoffnungen und Wünschen Platz. Auch wenn man es ihm wünscht und gönnt, sehr viel Zeit wird auch Favre nicht haben, den Kader auf Vordermann zu bringen. Zumindest findet er ein neugieriges und auch geduldigeres Umfeld vor als bei manch anderen Klubs dieser Größenordnung. Die seit Jahren wirtschaftliche Stabilität des BVB ist dabei auch nicht von Nachteil .
Sal.Paradies 07.07.2018
3. Wunder müssen nicht kommen
Zitat von PapazacaWenn man über Zugänge und Abgänge beim BVB nachdenkt, wird klar: Eine Riesenbaustelle. Und "Work in Progress". Und auf die Arbeit der letzten Trainer Stöger und Bosz kann Fabre kaum aufbauen. Viele der Infos um den BVB machen Hoffnung. Aber es ist noch vieles im unklaren: welcher Torjäger, Führungsspieler, Götze etc. ... Das braucht alles Zeit, mindestens zwei Spielzeiten. Wer jetzt sofort Wunder erwartet, hat unrealistische Vorstellungen. Erstmal muss Fabre die Mannschaft stabilisieren, Wunder kommen später.
Moin @Papazaca.....die von dir erwähnten "Wunder" sind eigentlich nicht wirklich nötig. Wenn L.Favre und seine Mannschaft die von dir avisierte "Zeit" bekommen, um z.B. die vorhandenen Qualität zu stabilisieren, werden Erfolge auch so kommen. Wobei Erfolge natürlich auch eine Sache der Interpretation sind. Meine wäre, wieder schönen Angriffsfussball zu sehen, der den BVB in Europa so bekannt und beliebt machte. Auf Wunder sollten wir eher nicht hoffen, da diese extrem "temporärer" Natur sind, wir aber von langfristigen Erfolgen träumen... ;-)
andreasm.bn 08.07.2018
4. sehe ich genau so!
Zitat von Sal.ParadiesMoin @Papazaca.....die von dir erwähnten "Wunder" sind eigentlich nicht wirklich nötig. Wenn L.Favre und seine Mannschaft die von dir avisierte "Zeit" bekommen, um z.B. die vorhandenen Qualität zu stabilisieren, werden Erfolge auch so kommen. Wobei Erfolge natürlich auch eine Sache der Interpretation sind. Meine wäre, wieder schönen Angriffsfussball zu sehen, der den BVB in Europa so bekannt und beliebt machte. Auf Wunder sollten wir eher nicht hoffen, da diese extrem "temporärer" Natur sind, wir aber von langfristigen Erfolgen träumen... ;-)
Das mit dem schönen Angriffsfußball würde mir auch schon reichen, egal was da am Ende bei raus kommt. Von mir aus können die Barzis auch die nächsten 5 Jahre Meister werden, interessiert eh keinen. Aber wenn wir die wenigstens einmal 5:2 (damit haben sie ja Erfahrung) aus dem Kessel fegen, wär schon geil....
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