Luhukay vs. Thurk: Augsburg schwächt sich selbst

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In Augsburgs Stürmer-Posse ist Jos Luhukay der Verlierer: Mit dem Verzicht auf Toptorjäger Michael Thurk stößt der Coach die eigenen Fans vor den Kopf, riskiert den Klassenerhalt und hinterlässt durch die fadenscheinige Begründung lauter Rätsel. Jetzt ist er zum Siegen verdammt.

Michael Thurk: Unbequemer Torjäger Fotos
DPA

Es war eines seiner wichtigsten Tore für den FC Augsburg: Im letzten Heimspiel der vergangenen Saison gegen den FSV Frankfurt erzielte Michael Thurk den zwischenzeitlichen Ausgleich zum 1:1, legte den Grundstein für den späteren 2:1-Erfolg und hatte damit maßgeblichen Anteil am ersten Augsburger Bundesliga-Aufstieg der Vereinsgeschichte. Wahrscheinlich war es auch Thurks letztes Pflichtspieltor.

In der höchsten deutschen Spielklasse wird der ehemalige Profi von Mainz 05 und Eintracht Frankfurt wohl nie mehr spielen. Am Montag, nicht einmal eine Woche vor dem Liga-Auftakt gegen den SC Freiburg (Samstag, 15.30 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) gab sein Verein bekannt, dass für den 35-Jährigen im Team kein Platz mehr sei. Thurk, der noch einen Vertrag bis zum 30.6.2012 besitzt, wird mit sofortiger Wirkung freigestellt. "Es sind in erster Linie sportliche Gründe, die uns zu dieser Entscheidung veranlasst haben", wird Trainer Jos Luhukay auf der Website des Vereins zitiert.

Schon der Schritt, überhaupt auf Thurk verzichten zu wollen, überrascht. Die Begründung verwundert allerdings noch mehr. Dabei spielt es keine Rolle, ob die Entscheidung unausweichlich war. Luhukay pokert hoch.

Denn die sportlichen Qualitäten des Stürmers sind unbestritten. Für den FCA erzielte Thurk in vier Zweitliga-Jahren 51 Tore. In der Saison 2009/10 wurde er mit 23 Treffern Torschützenkönig, in der vergangenen Spielzeit kam er auf neun Tore und neun Vorlagen. Das reichte, um nach Nando Raffael (14 Treffer, sechs Vorlagen) bester Scorer zu sein. Pikant: Auch in der Vorbereitung war Thurk bester Augsburger Schütze, traf genau wie Tobias Werner elfmal.

Gute Alternativen im Sturm gibt es kaum

Das veröffentlichte Statement ist deshalb nicht nur für die Medienabteilung des Clubs peinlich, sondern auch für den Trainer. Im neuen 4-2-3-1-System sei für Thurk kein Platz mehr, heißt es auf der Vereins-Homepage. Was Luhukay nicht sagt, aber sehr wohl weiß: Auch in dieser taktischen Formation, die nur einen Stürmer vorsieht, ist es hilfreich, qualitativ hochwertige Alternativen zu haben. Und die sind in Augsburg rar.

Zugang Sascha Mölders (kam vor der Saison vom FSV Frankfurt) zeigte beim mühsamen 2:1-Sieg nach Verlängerung in der ersten Pokalrunde beim Drittligisten Rot-Weiß Oberhausen wie die gesamte Mannschaft eine schwache Leistung. Patrick Mayer kam vom Drittligisten Heidenheim und hat wie Torsten Oehrl und Stephan Hain keine Bundesliga-Erfahrung. Bleibt Raffael, der nach seiner durchwachsenen Zeit bei Hertha BSC Berlin und Borussia Mönchengladbach zeigen muss, dass er das Zeug zu einem soliden Bundesliga-Stürmer hat. Diesen Nachweis wollte eigentlich auch Thurk antreten.

Für den Aufsteiger aus Bayerisch-Schwaben, der für die meisten Experten als Abstiegskandidat Nummer eins gilt, ist das Aus für Thurk ein gewagter Schritt - besonders für den Coach. Luhukay, der mit dem als schwierig geltenden Spieler bereits in der Vergangenheit aneinander geraten war (im März strich er ihn wegen angeblich schwacher Trainingsleistungen für das Spiel gegen Fortuna Düsseldorf aus dem Kader), riskiert das ohnehin schon schwierige Unternehmen Klassenerhalt.

Fans fordern Thurks Rückkehr

Thurks größte Qualität war es in der zweiten Liga, in den entscheidenden Spielen den Unterschied zu machen, wie gegen den FSV Frankfurt. Thurk hat ein gutes Stellungsspiel, einen starken linken Schuss und gilt vor dem Tor als kaltschnäuzig. Luhukays Vorgänger Holger Fach, der mit Thurk ebenfalls nicht sonderlich zurechtkam, rettete er im Oktober 2008 mit seinem Siegtor gegen den FC St. Pauli zumindest vorerst den Job. Augsburg, dem großen Außenseiter in der Bundesliga, der gerade gegen Spitzenteams auf Einzelaktionen seiner Offensivakteure angewiesen ist, wird Thurk fehlen.

Auch deshalb löst Luhukays Entscheidung bei den eigenen Fans Unverständnis aus. In einer eigens gegründeten Facebook-Gruppe fordern sie die Rückkehr ihrer Identifikationsfigur. An einen Abschied aus Augsburg denkt ihr Idol aber offenbar nicht. "Ich werde keinen Club für ihn suchen. Micha bekommt einen Trainingsplan für sich. Ihm und seiner Familie gefällt es in Augsburg, und er will auf seine Chance warten", sagte Thurks Berater in der "Augsburger Allgemeine".

Die wird er wohl nur bekommen, wenn irgendwann auch Luhukay freigestellt werden sollte.

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1. ohne
alchemist-n 02.08.2011
Ich kenne Thurk nur aus den Relegationsspielen gegen den Club (1. FCN) und kann nur sagen, dass ich ihn nicht vermissen werde. Nicht weil er ein guter Spieler des Gegners wäre, ganz im Gegenteil, in den beiden Partien war er nie gefährlich. Dafür fiel er durch ständiges Meckern und die Versuche auf, seine Gegenspieler zu provozieren. Einfach ein durch und durch unsympathischer Spieler.
2. Der Autor überschätzt Thurk
mgaul 02.08.2011
Herr Paul sollte sich vielleicht noch mal näher mit Michael Thurk beschäftigen, bevor er ihm "unbestrittene Qualitäten" attestiert, dessen Fehlen zur maßgeblichen Schwächung Augsburgs erklärt, und sich sogar zu dramatisierendem Boulevard-Geschrei wie "Luhukay riskiert denKlassenerhalt" versteigt. Thurks Erstligablanz liest sich wie folgt: 2007/08: 1 Tor in 12 Spielen 2006/07: 3/24 2005/06: 12/32 2004/05: 6/13 Das sind, in Thurks gesamter Karriere, 22 Erstligatore in 81 Partien. Selbst wenn man berücksichtigt, dass er im letzten Jahr in Frankfurt ein paar Mal spät eingewechselt wurde, ist das eine unterdurchschnittliche Quote. Und zu diesem Zeitpunkt war Thurk körperlich sicherlich leistungsfähiger als jetzt (er ist jetzt 35). In der zweiten Liga sieht es etwas besser aus - allerdings nur wegen der hervorragenden Saison 2009/10 (die Elfmeter hübschen die Statistik natürlich ebenfalls auf): 2010/11: 9 Tore in 26 Spielen 2009/10: 23/30 2008/09: 14/32 2003/04: 13/31 2002/03: 8/31 2001/02: 12/31 2000/01: 9/21 Fazit: Thurk ist ein ordentlicher Zweitligastürmer, der seine Erstligatauglichkeit nie nachgewiesen hat. Er ist inzwischen charakterlich reifer als früher, das dürfte aber die körperlichen Defizite nicht wettmachen. Ihn für quasi unverzichtbar zu erklären und zu behaupten, der Trainer riskiere den Klassenerhalt, wenn er auf Thurk verzichtet, halte ich für Meinungsmache ohne große Sachkenntnis. Thurk und der FC Augsburg haben sich gegenseitig viel zu verdanken. Thurk galt nach der katastrophalen Zeit in Frankfurt eigentlich schon als gescheitert, bei seinem schwierigen Charakter und gehobenen Alter (für einen Stürmer) schien schon das Karriere-Ende nahe. Augsburg hat ihm noch mal eine Chance gegeben. Die hat er genutzt und hat das Vertrauen mit Toren zurückgezahlt, insbesondere in der Saison 2009/10. Dass es jetzt am Ende wieder zu Misstönen kommt, ist schade für beide. Ein erfolgreiches Erstligajahr wäre für Thurk m.E. aber ohnehin nicht drin gewesen - allenfalls als Einwechselspieler hätte er Chancen gehabt, das wiederum widerspricht aber seinem Anspruch, und ein unzufriedener Thurk ist dem Mannschaftsfrieden nicht unbedingt förderlich.
3. Thurk
koom 02.08.2011
Thurk ist kein Schlechter. In erster Linie ist er aber ein Spieler für die Fans. Er zeigt viel Einsatz, lässt sich vor allem gern, schnell und oft fallen und reklamiert auch sehr viel. Dieser Spielertyp ist bei vielen eigenen Fans (die im Schiri und allem DEN Feind sehen) meist typischer Publikumsliebling, bei den Gegnerfans aber einfach ein Provokateur und Schwalbenkönig. Ein typisches anderes Beispiel wäre da vor allem Maik Franz: Sportlich eher durchschnittlich, auf dem Platz und vor allem medial sehr präsent. Was nun die nächste Frage bringt: Wie wichtig ist Thurk für Augsburg? Ich kann mir vorstellen, das er nicht unbedeutend ist. Gerade die Aufsteiger brauchen hin und wieder vorne einen, der nicht nur brav und vorschriftsmässig seinen Dienst macht, sondern der vielleicht mal nen Freistoß oder gar Elfmeter schindet. Aber sowas kann auch immer ins Gegenteil umschlagen. Idealfall wäre gewesen, wenn Thurk den Standby-Spieler gegeben hätte. Der wäre dann was für die heißen Momente in der Schlußphase.
4. Herr mgaul: erfreulicher Forumsbeitrag
webersi 02.08.2011
Zitat von mgaulHerr Paul sollte sich vielleicht noch mal näher mit Michael Thurk beschäftigen, bevor er ihm "unbestrittene Qualitäten" attestiert, dessen Fehlen zur maßgeblichen Schwächung Augsburgs erklärt, und sich sogar zu dramatisierendem Boulevard-Geschrei wie "Luhukay riskiert denKlassenerhalt" versteigt. Thurks Erstligablanz liest sich wie folgt: 2007/08: 1 Tor in 12 Spielen 2006/07: 3/24 2005/06: 12/32 2004/05: 6/13 Das sind, in Thurks gesamter Karriere, 22 Erstligatore in 81 Partien. Selbst wenn man berücksichtigt, dass er im letzten Jahr in Frankfurt ein paar Mal spät eingewechselt wurde, ist das eine unterdurchschnittliche Quote. Und zu diesem Zeitpunkt war Thurk körperlich sicherlich leistungsfähiger als jetzt (er ist jetzt 35). In der zweiten Liga sieht es etwas besser aus - allerdings nur wegen der hervorragenden Saison 2009/10 (die Elfmeter hübschen die Statistik natürlich ebenfalls auf): 2010/11: 9 Tore in 26 Spielen 2009/10: 23/30 2008/09: 14/32 2003/04: 13/31 2002/03: 8/31 2001/02: 12/31 2000/01: 9/21 Fazit: Thurk ist ein ordentlicher Zweitligastürmer, der seine Erstligatauglichkeit nie nachgewiesen hat. Er ist inzwischen charakterlich reifer als früher, das dürfte aber die körperlichen Defizite nicht wettmachen. Ihn für quasi unverzichtbar zu erklären und zu behaupten, der Trainer riskiere den Klassenerhalt, wenn er auf Thurk verzichtet, halte ich für Meinungsmache ohne große Sachkenntnis. Thurk und der FC Augsburg haben sich gegenseitig viel zu verdanken. Thurk galt nach der katastrophalen Zeit in Frankfurt eigentlich schon als gescheitert, bei seinem schwierigen Charakter und gehobenen Alter (für einen Stürmer) schien schon das Karriere-Ende nahe. Augsburg hat ihm noch mal eine Chance gegeben. Die hat er genutzt und hat das Vertrauen mit Toren zurückgezahlt, insbesondere in der Saison 2009/10. Dass es jetzt am Ende wieder zu Misstönen kommt, ist schade für beide. Ein erfolgreiches Erstligajahr wäre für Thurk m.E. aber ohnehin nicht drin gewesen - allenfalls als Einwechselspieler hätte er Chancen gehabt, das wiederum widerspricht aber seinem Anspruch, und ein unzufriedener Thurk ist dem Mannschaftsfrieden nicht unbedingt förderlich.
Das ist ja mal ein erfreulicher Forumsbeitrag, der sich mit Hilfe von Fakten kritisch mit einem Beitrag auseinandersetzt. Sieht man hier viel zu wenig, verdient aber Nachahmung.
5. Hmmm ...
mgaul 02.08.2011
Zitat von koomThurk ist kein Schlechter. In erster Linie ist er aber ein Spieler für die Fans. Er zeigt viel Einsatz, lässt sich vor allem gern, schnell und oft fallen und reklamiert auch sehr viel. Dieser Spielertyp ist bei vielen eigenen Fans (die im Schiri und allem DEN Feind sehen) meist typischer Publikumsliebling, bei den Gegnerfans aber einfach ein Provokateur und Schwalbenkönig. Ein typisches anderes Beispiel wäre da vor allem Maik Franz: Sportlich eher durchschnittlich, auf dem Platz und vor allem medial sehr präsent. Was nun die nächste Frage bringt: Wie wichtig ist Thurk für Augsburg? Ich kann mir vorstellen, das er nicht unbedeutend ist. Gerade die Aufsteiger brauchen hin und wieder vorne einen, der nicht nur brav und vorschriftsmässig seinen Dienst macht, sondern der vielleicht mal nen Freistoß oder gar Elfmeter schindet. Aber sowas kann auch immer ins Gegenteil umschlagen. Idealfall wäre gewesen, wenn Thurk den Standby-Spieler gegeben hätte. Der wäre dann was für die heißen Momente in der Schlußphase.
Das Problem ist, dass Thurk alles andere als ein Brecher ist, der in einer heißen Schlußphase was reißen könnte. Besonders durchsetzungsfähig war er nie, er ist eher schmächtig gebaut und auch kein Dribbler, der die Gegner austanzen könnte. Kopfbälle sind auch nicht so sein Ding. Thurks größte Waffe sind seine Passsicherheit und sein Spielverständnis. Er braucht Freiräume und Anspielstationen, idealerweise zwei andere Offensivspieler vor oder neben sich. Dann kann er glänzen, insbesondere gegen die taktisch etwas schwächeren Verteidiger der zweiten Liga - die stellen die Räume nicht so gut zu, und Thurk kann das sehr gut erkennen und dann einen gefährlichen Pass spielen oder selbst in Position laufen. In der ersten Liga sind aber nicht nur die Verteidiger besser - es kommt auch hinzu, dass Augsburg nun deutlich defensiver spielen wird, mit nur einer Spitze. Thurk als einzige Spitze hat _nie_ funktioniert, als einzige Spitze kann er seine Stärken (Passpiel) kaum einsetzen, während seine Schwächen (mangelnde Durchsetzungsfähigkeit, körperliche Defizite) doppelt zu Buche schlagen. "Einzige Spitze" war auch genau die Position, auf der er sich in Frankfurt nie durchsetzen konnte, er kam nie an Amanatidis vorbei (und der ist ja auch nicht gerade Weltklasse). Er hat in Frankfurt dann alles mögliche gespielt (Außen, zentrales offensives Mittelfeld), konnte sich aber nie durchsetzen. Meines Erachtens glänzt Thurk vor allem dann, wenn er in einem spielerisch überlegenen Team spielt, so wie in Mainz in der zweiten Liga. Das wird Augsburg in diesem Jahr aber gerade nicht sein. Augsburg wird meist unterlegen sein und spielt sogar die gleiche Taktik wie die, mit der Thurk in Frankfurt nie zurecht kam. Insofern ist Luhukays Aussage, dass Thurk nicht ins System passe, auch nicht halb so "fadenscheinig", wie der Autor des Artikels uns glauben machen will. Komisch ist nur, dass das den Augsburgern erst jetzt auffällt. Denn die kennen Thurks Schwächen ja nicht erst seit gestern.
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