Von Christian Paul
Es war eines seiner wichtigsten Tore für den FC Augsburg: Im letzten Heimspiel der vergangenen Saison gegen den FSV Frankfurt erzielte Michael Thurk den zwischenzeitlichen Ausgleich zum 1:1, legte den Grundstein für den späteren 2:1-Erfolg und hatte damit maßgeblichen Anteil am ersten Augsburger Bundesliga-Aufstieg der Vereinsgeschichte. Wahrscheinlich war es auch Thurks letztes Pflichtspieltor.
In der höchsten deutschen Spielklasse wird der ehemalige Profi von Mainz 05 und Eintracht Frankfurt wohl nie mehr spielen. Am Montag, nicht einmal eine Woche vor dem Liga-Auftakt gegen den SC Freiburg (Samstag, 15.30 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) gab sein Verein bekannt, dass für den 35-Jährigen im Team kein Platz mehr sei. Thurk, der noch einen Vertrag bis zum 30.6.2012 besitzt, wird mit sofortiger Wirkung freigestellt. "Es sind in erster Linie sportliche Gründe, die uns zu dieser Entscheidung veranlasst haben", wird Trainer Jos Luhukay auf der Website des Vereins zitiert.
Schon der Schritt, überhaupt auf Thurk verzichten zu wollen, überrascht. Die Begründung verwundert allerdings noch mehr. Dabei spielt es keine Rolle, ob die Entscheidung unausweichlich war. Luhukay pokert hoch.
Denn die sportlichen Qualitäten des Stürmers sind unbestritten. Für den FCA erzielte Thurk in vier Zweitliga-Jahren 51 Tore. In der Saison 2009/10 wurde er mit 23 Treffern Torschützenkönig, in der vergangenen Spielzeit kam er auf neun Tore und neun Vorlagen. Das reichte, um nach Nando Raffael (14 Treffer, sechs Vorlagen) bester Scorer zu sein. Pikant: Auch in der Vorbereitung war Thurk bester Augsburger Schütze, traf genau wie Tobias Werner elfmal.
Gute Alternativen im Sturm gibt es kaum
Das veröffentlichte Statement ist deshalb nicht nur für die Medienabteilung des Clubs peinlich, sondern auch für den Trainer. Im neuen 4-2-3-1-System sei für Thurk kein Platz mehr, heißt es auf der Vereins-Homepage. Was Luhukay nicht sagt, aber sehr wohl weiß: Auch in dieser taktischen Formation, die nur einen Stürmer vorsieht, ist es hilfreich, qualitativ hochwertige Alternativen zu haben. Und die sind in Augsburg rar.
Zugang Sascha Mölders (kam vor der Saison vom FSV Frankfurt) zeigte beim mühsamen 2:1-Sieg nach Verlängerung in der ersten Pokalrunde beim Drittligisten Rot-Weiß Oberhausen wie die gesamte Mannschaft eine schwache Leistung. Patrick Mayer kam vom Drittligisten Heidenheim und hat wie Torsten Oehrl und Stephan Hain keine Bundesliga-Erfahrung. Bleibt Raffael, der nach seiner durchwachsenen Zeit bei Hertha BSC Berlin und Borussia Mönchengladbach zeigen muss, dass er das Zeug zu einem soliden Bundesliga-Stürmer hat. Diesen Nachweis wollte eigentlich auch Thurk antreten.
Für den Aufsteiger aus Bayerisch-Schwaben, der für die meisten Experten als Abstiegskandidat Nummer eins gilt, ist das Aus für Thurk ein gewagter Schritt - besonders für den Coach. Luhukay, der mit dem als schwierig geltenden Spieler bereits in der Vergangenheit aneinander geraten war (im März strich er ihn wegen angeblich schwacher Trainingsleistungen für das Spiel gegen Fortuna Düsseldorf aus dem Kader), riskiert das ohnehin schon schwierige Unternehmen Klassenerhalt.
Fans fordern Thurks Rückkehr
Thurks größte Qualität war es in der zweiten Liga, in den entscheidenden Spielen den Unterschied zu machen, wie gegen den FSV Frankfurt. Thurk hat ein gutes Stellungsspiel, einen starken linken Schuss und gilt vor dem Tor als kaltschnäuzig. Luhukays Vorgänger Holger Fach, der mit Thurk ebenfalls nicht sonderlich zurechtkam, rettete er im Oktober 2008 mit seinem Siegtor gegen den FC St. Pauli zumindest vorerst den Job. Augsburg, dem großen Außenseiter in der Bundesliga, der gerade gegen Spitzenteams auf Einzelaktionen seiner Offensivakteure angewiesen ist, wird Thurk fehlen.
Auch deshalb löst Luhukays Entscheidung bei den eigenen Fans Unverständnis aus. In einer eigens gegründeten Facebook-Gruppe fordern sie die Rückkehr ihrer Identifikationsfigur. An einen Abschied aus Augsburg denkt ihr Idol aber offenbar nicht. "Ich werde keinen Club für ihn suchen. Micha bekommt einen Trainingsplan für sich. Ihm und seiner Familie gefällt es in Augsburg, und er will auf seine Chance warten", sagte Thurks Berater in der "Augsburger Allgemeine".
Die wird er wohl nur bekommen, wenn irgendwann auch Luhukay freigestellt werden sollte.
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