Krebserkrankung des Barça-Trainers: "Er liebt das Leben mehr als je zuvor"
Die Nachricht schockiert die Fußball-Welt: Tito Vilanova, 43-jähriger Trainer des FC Barcelona, ist erneut an Krebs erkrankt. Im Interview spricht der "El País"-Journalist und Barça-Kenner Luis Martín über den zurückhaltenden Coach und beschreibt, was dessen Ausfall für den Weltclub bedeutet.
SPIEGEL ONLINE: Herr Martín, was bedeutet Tito Vilanovas Krebsdiagnose für den FC Barcelona und seine Spieler?
Martín: Für den Club ist das ein Riesenschlag. Puyol, Xavi, die Spieler kennen ihn alle seit vielen Jahren und fühlen natürlich mit ihm. Erst der Schock um Abidal (beim Linksverteidiger wurde 2011 ein Lebertumor entdeckt, der Franzose erhielt im April 2012 eine Spenderleber - d. Red.) und um Titos erste Erkrankung im selben Jahr, und nun das. Die Spieler machen sich Sorgen.
SPIEGEL ONLINE: In Deutschland weiß man kaum etwas über den Coach, der mit seiner Mannschaft die spanische Liga beherrscht. Was für ein Typ ist der Barça-Trainer?
Martín: Er ist ein Bauernsohn, der schon als kleiner Junge in die Jugendakademie des FC Barcelona kam. Er hat eine geniale Sicht auf das Leben, Vilanova ist sehr bodenständig. Wenn es regnet und regnet, dann stoppt er entweder den Regen oder spannt den Regenschirm über dir auf.
SPIEGEL ONLINE: Was heißt das?
Martín: Er ist wie ein Onkel, der sich um alles und jeden kümmert. Wenn es ein Problem gibt, weiß er, dass man es lösen kann. Und er ist natürlich ein großer Fußball-Liebhaber. Sie nennen ihn hier "el Marqués", den Markgraf. Er ist ein fleißiger Arbeiter, ein sehr, sehr, sehr, sehr fleißiger Arbeiter.
SPIEGEL ONLINE: Man kennt Guardiola oder Mourinho als die großen Trainer spanischer Clubs. Welchen Stellenwert hat Vilanova?
Martín: Der ganze spanische Fußball kennt ihn. Und alle, wirklich alle, respektieren ihn. Denn egal, was er macht, er behandelt jeden seiner eigenen Spieler und auch den Gegner immer mit Respekt. Er hat für den FC Barcelona in sehr vielen Mannschaften gespielt und ist immer als Freund aufgetreten.
SPIEGEL ONLINE: Über sein Privatleben ist nicht viel bekannt.
Martín: Vilanova mag Musik, er ist ein großer Fan von Coldplay. Er liebt gutes Essen, und er liebt das Leben. Er hat zwei Kinder, der ältere Sohn spielt auch für die Barcelona-Jugend. Tito wuchs bei Barça auf, wechselte dann zu anderen Clubs und kehrte schließlich zurück. Einen Monat zuvor war sein Sohn von Barcelona unter Vertrag genommen worden, und Vilanova meinte, dass sein Sohn nicht dort spielen sollte, wenn er selbst nicht auch wieder zurückkehrte. Es war eine Prinzipienentscheidung: Sein Sohn sollte nicht allein sein.
SPIEGEL ONLINE: Vilanova war bereits einmal an Krebs erkrankt, 2011...
Martín: ...und als er nach seiner ersten OP wieder in die Kabine kam, sprach er mit den Spielern über den Wert des Lebens, das viel wichtiger sei als nur der Fußball. Tito sagte, dass acht Punkte Rückstand auf Real Madrid den Spielern doch nicht die Freude am Fußball und vor allem nicht die Freude am Leben nehmen dürften. Du bist lebendig, Du spielst für Barça, genieß es! Das war seine Botschaft. Viele der Spieler haben das sehr emotional aufgenommen.
SPIEGEL ONLINE: Seit Vilanova vor dieser Saison von Pep Guardiola den Cheftrainerposten übernommen hat, pulverisiert sein Team alle Rekorde. Was ist sein Erfolgsrezept?
Martín: Er versucht nicht, sich aufzuspielen. Tito passt auf, dass es seinen Leuten gutgeht und führt das Team weiter auf dem Weg, den es unter Guardiola eingeschlagen hat. Er ist ja nicht neu bei Barça, sondern war schon als Co-Trainer ein wichtiger Teil der sehr erfolgreichen vier Jahre unter Guardiola.
SPIEGEL ONLINE: Wir haben hier den Eindruck eines ruhigen Typen, der kaum mit der Presse spricht. Stimmt das?
Martín: Er redet viel mit uns und ist ein absolut nahbarer Typ. Wenn man ihn kennt, weiß man aber: Er ist sehr schüchtern. Doch er öffnet sich denen, die ihn kennen, sehr stark. Aber auch so würde Tito nie ein schlechtes Wort über irgendjemanden verlieren. Und wenn ich ihn etwas über Fußball frage, dann bekomme ich auf jeden Fall eine kluge Antwort. Vor kurzem sagte er: Es kommt nicht darauf an, dass mich alle lieben und verehren. Hauptsache, meine Mannschaft mag mich.
SPIEGEL ONLINE: Hat seine Krankheit im vergangenen Jahr Vilanova verändert?
Martín: Nicht prinzipiell. Aber er gewichtet Dinge vielleicht etwas anders. Vieles, was einen beschäftigt, ist letztlich doch nicht so wichtig. Ich glaube, er liebt das Leben mehr als je zuvor.
Das Interview führte Frederik Schäfer
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- Freitag, 21.12.2012 – 10:58 Uhr
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