Uruguays Star Luis Suárez Der verbissene Engel

Luis Suárez stammt aus armen Verhältnissen. Er trank mit 14, verpasste Schiedsrichtern Kopfnüsse. Mit 19 reiste er seiner Jugendliebe nach Europa hinterher. Inzwischen ist er ein Weltklassestürmer. Warum immer diese Ausraster?

AP/dpa

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Dreieinhalb Jahre ist es jetzt her, aber vielleicht hat die Fifa Glück und findet noch Spuren an der Schulter von Otman Bakkal. Der Weltverband ermittelt gegen Luis Suárez, den mutmaßlichen Beißer von Natal, und kann für das Disziplinarverfahren Beweise gut gebrauchen.

Da böte sich ein Vergleich der Abdrücke an, die der Uruguayer offenbar auf der Schulter von Italiens Giorgio Chiellini hinterlassen hat und derer, die Suarez' Zähne an gleicher Stelle bei Bakkal zurückließen.

Damals, im November 2010, fiel Suárez erstmals als Beißer auf. Der Stürmer spielte bei Ajax Amsterdam, bei einer Rudelbildung in der Partie gegen die PSV Eindhoven beendete er einen Disput mit seinem Gegenspieler per Biss. Sein Klub hatte Suárez damals für zwei Partien gesperrt, der niederländische Fußballverband KNVB die Strafe später auf sieben Spiele erhöht. Den Spitznamen "Kannibale" gab es gratis dazu.

Zwischen der Aktion und seinem Biss am Dienstagabend gegen Chiellini liegen nicht nur dreieinhalb Jahre und Dutzende Tore des Weltklassespielers Suárez, sondern auch immer wieder übelste Verfehlungen und Kontrollverluste auf dem Platz. Aussetzer, die auch nicht mit vorhergehenden Fouls und Beleidigungen durch die späteren Opfer zu entschuldigen sind. Und so ist Suárez nicht nur der vielleicht beste Stürmer der Welt, gejagt vom FC Barcelona und von Real Madrid, sondern auch der umstrittenste Spieler im Weltfußball, noch vor Portugals Pepe oder Italiens Mario Balotelli.

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Skandalspieler Suárez: Bisse, Handspiele und Rassismus
"Sobald Luis den Platz betritt, ist er ein anderer Mensch", sagte Ron Jans im vergangenen Jahr dem "Guardian". Jans war Suárez' Trainer beim FC Groningen, die erste Station des damaligen Teenagers in Europa. 800.000 Euro hatte der Klub für das Talent an Nacional Montevideo gezahlt. Mit Hilfe seines Landsmanns Bruno Silva und des Brasilianers Hugo lebte sich Suárez in den Niederlanden schnell ein, lernte die Sprache, war beliebt bei den Mitspielern, erinnerte sich Jans. Gebissen hat Suárez in Groningen niemanden.

Doch wenn das Spiel lief, wurde der "Familienmensch" (Jans) schon damals zum Problemfall: "Luis tut alles, um zu gewinnen. Manchmal muss man ihm befehlen, sich zu benehmen. Er muss seine Extreme in den Griff bekommen."

Der "Guardian" hatte Jans damals nach seinen Erfahrungen mit Suárez' Aussetzern gefragt, nachdem der Uruguayer - seit Januar 2011 beim FC Liverpool - in der Premier-League-Partie gegen den FC Chelsea seinen Gegenspieler Branislav Ivanovic biss, diesmal in den Arm. Die Folge: zehn Spiele Sperre. "Er ist ein Engel. Aber wenn er auf dem Rasen ist, wird er zu einem Teufelskerl", charakterisierte ihn anschließend Arsenal-Coach Arsène Wenger.

Der Engel, der Familienmensch, der Gefühlsmensch Suárez, der nach seinen beiden Toren zum 2:1-Sieg gegen England gar nicht aufhören konnte zu schluchzen, aus Dankbarkeit gegenüber seinem Physiotherapeuten, der ihn rechtzeitig fit bekommen hatte. Der verliebte Jungstar, der der Familie seiner Jugendliebe trotz besserer Angebote aus Südamerika nach Europa folgte und beim FC Groningen unterschrieb, nur um sie nicht zu verlieren?

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Suárez gegen Chiellini: Die Beißattacke in Bildern
Wo bleibt diese Seite von Suárez, wenn es um Tore und Siege geht? Eine Seite, die seine Jugendliebe und heutige Frau Sofia nach Aussage von Luis Suárez dazu bringt zu sagen, sie wäre längst nicht mehr mit ihm zusammen, würde er sich abseits des Platzes genau so aufführen.

Für seine Ex-Trainer Jans und Martin Jol, der ihn später bei Ajax Amsterdam coachte, sind Suárez' südamerikanisches Temperament und seine Herkunft Grund für die Ausraster. Mit drei älteren und drei jüngeren Brüdern wuchs Suárez in bescheidenen Verhältnissen in der Stadt Salto im Nordwesten Uruguays auf, ehe die Familie in die Hauptstadt Montevideo umzog. Da war Luis Suárez sieben Jahre alt. Zwei Jahre später ließen seine Eltern sich scheiden.

In der Jugend fiel Suárez immer wieder durch Undiszipliniertheiten auf, verpasste einem Schiedsrichter eine Kopfnuss, trank zu viel und feierte die Nächte durch. Mit 16 Jahren riss er sich zusammen und schaffte den Sprung in den Profikader. Aus dem Partykönig wurde ein Musterprofi.

Sämtliche Coaches schwärmen seitdem von der Besessenheit, mit der Suárez trainiert. "Er ist absolut unermüdlich", sagt stellvertretend sein aktueller Coach beim FC Liverpool, Brendan Rodgers. Sein Mitspieler Steven Gerrard nennt ihn den besten Spieler, mit dem er jemals zusammen kickte. Rodgers schwärmt ebenfalls von der Intelligenz seines "besten Spielers", selbst Marco van Basten, der Suárez bei Ajax trainierte und nie so recht mit ihm warm wurde, sagte anerkennend: "Er ist schwer zu beeinflussen, aber das macht ihn besonders."

Suárez weiß um sein Problem. Trainer und Mitspieler beschrieben ihn in der Vergangenheit nach seinen Eklats als am Boden zerstört. Bei Bakkal und Ivanovic bat er jeweils um Entschuldigung. "Manchmal denke ich nicht darüber nach, was ich tue. Das tut mir sehr leid, denn so bin ich eigentlich nicht. Ich muss hart an mir arbeiten."

Leider stammt dieses Versprechen nicht von Dienstagabend, sondern ist dreieinhalb Jahre alt. So gerne man Suárez beim Toreschießen zusieht: Die Hoffnung, dass aus dem Weltklassestürmer auch auf dem Platz noch ein Weltklassetyp wird, sollte man sich nicht machen.

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insgesamt 79 Beiträge
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Seite 1
glen13 25.06.2014
1.
Zitat von sysopAP/dpaLuis Suárez stammt aus armen Verhältnissen. Er trank mit 14, verpasste Schiedsrichtern Kopfnüsse. Mit 19 reiste er seiner Jugendliebe nach Europa hinterher. Inzwischen ist er ein Weltklassestürmer. Warum immer diese Ausraster? http://www.spiegel.de/sport/fussball/luis-suarez-der-beisser-von-uruguay-gegen-italien-a-977307.html
Hier ein interessanter Artikel aus der "Zeit". Das Beißen scheint gar nicht so selten zu sein: http://www.zeit.de/2003/36/Bei_a7er_36
dasmussteendlichmalgesagt 25.06.2014
2.
Den Fotos fehlt eindeutig der Biss!
ornitologe 25.06.2014
3. Ich denke,
Suárez ist ein Fall für den Facharzt. Das Beissen scheint bei diesem Mann ähnlich wie ein Pawlowscher Reflex zu sein. Bestimmte (Stress)Situationen rufen einen unkontrollierten Handlungsablauf hervor. Sowas kann nur in der Psychatrie behandelt werden. Strafen u.Ä. richten da nichts aus.
spiozo 25.06.2014
4. optional
Was manche Autoren von sich geben ist nicht zu glauben: "Und so ist Suárez nicht nur der vielleicht beste Stürmer der Welt,". Zum Glück wurde vielleicht erwähnt, ansonsten wäre das als Größenwahnsinn zu bezeichnen. Der Suarez kann nicht mal einen Spieler im Duell Eins-Gegen-Eins ausspielen, mal wieder gegen Italien bewiesen. Und dann von dem Weltbesten Stürmer zu sprechen ist ein Witz!
lauca 25.06.2014
5. Luschen und kleine Mädchen
die Bilder 3-7 wirken, als hätte es eine Schiesserei gegeben. Man kann Fussballer einfach nur verachten.
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