DFB-Elf gegen England Poldi-Hurra! Aber sonst?

Besser hätte es keine Regie planen können: Zum Abschied schießt Lukas Podolski die DFB-Auswahl per Traumtor zum Sieg über England. Der Jubel über "Prinz Poldi" verdeckt die schwache Vorstellung der Mannschaft.

Aus Dortmund berichtet


Am Ende gehörte ihm noch einmal die ganze Bühne. Es sollte der Abend des Lukas Podolski werden, so war es seit Monaten geplant, und es wurde der Abend des Lukas Podolski. Ein allerletztes Mal ließ der Nationalspieler in seinem 130. Einsatz seinen linken Fuß sprechen, sein Distanzschuss bedeutete das 1:0-Siegtor gegen die Engländer. Das hätte sich sogar die Marketingabteilung des DFB nicht besser ausdenken können.

"Besondere Spieler haben einen besonderen Abschied", würdigte Bundestrainer Joachim Löw den markanten Auftritt seines langjährigen Lieblingsnationalspielers. Podolski habe sich so verabschiedet, wie man ihn kenne, "mit einem typischen Tor".

Vor dem Spiel hatte sich Podolski bereits für "geile 13 Jahre in der Nationalmannschaft" bedankt, DFB-Präsident Reinhard Grindel, der von diesen 13 Jahren allerdings nur den geringsten Teil aktiv begleitet hat, lobte in seiner Laudatio "das große Herz" des Fußballers. Den linken Fuß vergaß natürlich auch der Verbandsboss nicht zu erwähnen. Den brachte der Spieler dann in der 69. Minute nochmals nachdrücklich in Erinnerung.

"Den hat Gott oder sonst wer mir gegeben"

"Ich weiß, dass ich einen linken Fuß habe. Den hat Gott oder sonst wer mir gegeben. Auf den kann ich mich verlassen", sagte der 31-Jährige und machte noch einmal allen bewusst, welche Interviews künftig fehlen werden. Es war sein insgesamt 49. Länderspieltor, eines seiner schöneren dazu, und es war, wenn man streng ist, auch der einzige Höhepunkt in einer von deutscher Seite spielerisch schwachen Partie.

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DFB-Elf besiegt England: Mit einem Knall in den Ruhestand

Testspiele sollten nicht überbewertet werden, man kann sogar ihren Sinn in Zweifel ziehen. Aber wenn man die Partie gegen ein ambitioniertes englisches Team zum Maßstab nehmen sollte, dann wäre dies durchaus ein Anlass, sich Sorgen um die Bewältigung künftiger, wichtigerer Aufgaben der Nationalmannschaft zu machen.

Es funktionierte nur wenig in der deutschen Elf, das zog sich durch alle Mannschaftsteile. Die Abwehr, in der Mats Hummels noch versuchte, zusammenzuhalten, was zusammenzuhalten war, offenbarte von Anpfiff an Koordinationsprobleme. Beide Außenverteidiger, Joshua Kimmich und Jonas Hector, hatten einen schwachen Abend erwischt und ließen sich mehrfach überlaufen oder auf dem Flügel auf einfache Art austricksen. Die englischen Angreifer Dele Alli und Jamie Vardy hatten alle Freiheiten, gingen damit allerdings auch leichtfertig um - zum Glück für die deutsche Elf.

Podolskis Tor war im Grunde die erste Chance

Im Mittelfeld fand selbst Toni Kroos keine Kontrolle über die Partie, Nebenmann Julian Weigl wirkte überraschend fahrig, und die Mängelliste wurde in der Offensive komplettiert. Bis zum Podolski-Tor hatte die deutsche Mannschaft im Grunde keine echte Torchance. Es wird lange her sein, dass eine deutsche Mannschaft in einem Heimspiel bis zur 69. Minute auf die erste Torgelegenheit warten musste.

"Die Engländer haben das gut gemacht, wir haben viele Bälle verloren", musste auch Löw zugeben. In der zweiten Hälfte sei es "dann besser gelaufen", die vielen Fehlpässe und Zuspiele ins Nichts werden ihm aber auch dann nicht gefallen haben. Sicher: Es war ein deutsches Team, bei dem wichtige Spieler fehlten oder geschont wurden: Mesut Özil, vor der Partie mal wieder als bester deutscher "Nationalspieler des Jahres" geehrt, Jérome Boateng, Manuel Neuer, Marco Reus, Thomas Müller, Sami Khedira - sie alle fehlten in der Startelf. Aber auf die kann man sich auch nicht mehr ewig verlassen.

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Letztes Länderspiel: Tschö, Poldi!

Dafür standen die auf dem Platz, die die Zukunft des deutschen Fußballs sichern sollen: Antonio Rüdiger, Julian Weigl, Julian Brandt, Leroy Sané und Debütant Timo Werner. Die Jungspunde brauchen ganz offensichtlich noch Zeit, um sich in der Mannschaft ihren angemessenen Platz zu sichern. Da war noch viel Nervosität, viel Missverständnis im Spiel.

Diese Partie verzeiht das noch, auch am Sonntag in Aserbaidschan (18 Uhr, High-Liveticker SPIEGEL ONLINE; TV: RTL) wird das wahrscheinlich noch kein Problem sein. Aber die Selbstverständlichkeit, mit der Khedira, Müller, Özil oder Neuer damals in jungen Jahren die Verantwortung übernommen haben, geht der neuen Generation ab.

Wenn die jungen Spieler tatsächlich noch mal größeren Anlass zur Beunruhigung geben sollten, dann ist ja zum Glück immer noch Lukas Podolski da. Rücktritt hin oder her, die Hauptperson dieses Abends hat schon mal für den Fall der Fälle dezent angedeutet: "Jogi hat ja meine Nummer."

insgesamt 41 Beiträge
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Sal.Paradies 23.03.2017
1. Ein wenig Geduld?
Alles richtig Hr.Ahrens, aber warum sollten diese jungen Spieler den schon heute "Verantwortung" übernehmen? Darf ich Sie daran erinnern, dass erst 2018, also in ca. 15 Monaten eine ernste Situation für die NM eintreten wird und bis dahin gibt es noch reichlich Gelegenheit für diese Jungspunde sich die nötigen Sicherheit in Verein und NM zu holen. Und nein, auch wenn Sie dies so in Erinnerung haben, die von Ihnen Benannten haben eben nicht "sofort" die Verantwortung übernommen, dann auch da wurden sie über Jahre geführt um in diese Rollen hineinwachsen zu können. Davon abgesehen war das gestern kein wirklich guter Tag für die Nachwuchskräfte, was aber darüber hinweg täuscht, dass z.B. Werner,/Sane/Brandt/Weigl in ihren Vereinen für ihr Alter schon sehr viel Verantwortung übernehmen, die sie bald auch in die NM einbringen werden. Kimmich ist auch noch sehr jung und wir sollten hier auch nicht so tun, als wären Spieler wie Müller/Özil/Kroos/Boateng bald schon Rentner, denn die sind ja auch noch nicht so alt und selbst Khedira ist gerade mal 30 Jahre alt. Genau das ist ja das Geniale an Löw. Er hat aus gar nicht so alten Spielern Weltmeister gemacht, die noch viele Jahre spielen können! Die können alle locker bei der nächsten WM noch auflaufen, die dann in 2020 wäre! Bleiben Sie einfach mal entspannt, dann wird das schon mit der Zukunft des deutschen Fussballs.....
spon-1169332508199 23.03.2017
2.
Erst in 15 Monaten? Schon in 15 Monaten...
Direwolf 23.03.2017
3. War doch zu erwarten
Da wurde eine erweiterte U21 auf den Platz geschickt und einige der Neulinge befinden sich nicht gerade im Formhoch. Dazu noch Testspiel. Da muss man auch mal Erwartungsmanagement betreiben. War ein netter Abschied für Podolski. Ich war zwar nie ein großer FAn von ihm aber den hat er sich verdient.
Bodenfrost 23.03.2017
4. irrelevant
Die "schwache Vorstellung der Mannschaft" ist sowas von egal. 1. Freundschaftsspiel - unter dem Deckmantel "Abschiedsspiel für Poldi" 2. B-Elf, die in dieser Form wohl nie wieder zusammen spielen wird Unter Beachtung dieser zwei Punkte war das gestern ein amüsanter bis gelungener Abend. Höhepunkt war Poldis entscheidendes Tor. Die "schwache Vorstellung der Mannschaft" interessiert da wirklich keinen.
ptb29 23.03.2017
5. Deutschland hat 1:0 gewonnen
Auch wenn es nicht so toll anzusehen war, aber die Null steht genauso wie der Sieg. Also schlecht gespielt, aber immer noch besser als England. Nicht jedes Spiel kann eine Fussballgala werden.
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