Podolskis DFB-Abschied Der letzte Aussiedler

Lukas Podolski wird in Polen verehrt, obwohl er sich als geborener Schlesier für das DFB-Team entschied. Viele seiner Vorgänger - etwa Miroslav Klose - gelten dagegen als Verräter. Wie entstand der Poldi-Hype?

Lukas Podolski
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Die Ulica Mikoaja Reja im polnischen Gleiwitz ist keine schöne Straße. Die Fassaden der meist zweistöckigen Wohnhäuser sind grau, bei manchen fällt der Putz ab. Grüntöne gibt es hier nur im Sommer, wenn die Vorgärten blühen. Ansonsten gilt die Gegend als ganz normale Bergarbeitersiedlung in der oberschlesischen Industrieregion. Ganz normal? Nicht doch.

Zur Europameisterschaft 2008 standen sich Presseteams hier auf den Füßen. Verantwortlich dafür war ein damals 23 Jahre alter deutscher Nationalspieler, der beim ersten Gruppenspiel des DFB-Teams gegen Polen zwei Tore schoss und diese nicht bejubelte: Lukas Podolski. Ein Kind der grauen Betonregion und einer der wichtigsten Nationalspieler Deutschlands.

Mit dem EM-Vorrundenspiel 2008 entstand ein Podolski-Hype, der polnische Medien bei jedem Fußballgroßturnier dazu veranlasste, Journalisten in die Bergarbeitersiedlung zu entsenden: Jeder wollte zeigen, wo der deutsche Stürmer die ersten zwei Jahre seines Lebens verbrachte und seine Großmutter Zofia sowie weitere Verwandte bis heute leben. Und da Podolski seine Familie häufig besucht, hofften alle auf die große Klatschgeschichte. Meist gingen sie aber leer aus.

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Mit seinem 130. und letzten Länderspiel gegen England (Mittwoch, 20.45 Uhr, High-Liveticker SPIEGEL ONLINE; TV: ARD) wird eine Ära in der deutsch-polnischen Fußballgeschichte zu Ende gehen. Nach dem Rücktritt von Miroslav Klose war Podolski der letzte gebürtige Schlesier, der in der deutschen Nationalmannschaft spielte.

Warum ist DFB-Stürmer Podolski in Polen so beliebt?

Die Sympathien der Polen für Podolski sind ein Einzelfall. Viele seiner Vorgänger wurden zum Opfer der schwierigen politischen Beziehungen zwischen Polen und Deutschland. So wie der legendäre Stürmer Ernst Willimowski, der bei der WM 1938 im Spiel gegen Brasilien vier Tore für Polen schoss und nach der Besetzung Polens ab 1941 für die DFB-Auswahl auflief. Willimowski galt lange als Verräter. Kein Einzelschicksal, wie Thomas Urban in seinem 2011 erschienenen Buch "Schwarze Adler, weiße Adler" eindrucksvoll zeigt.

Podolski musste sich solche Vorwürfe nicht anhören, er wird verehrt. Anders als Klose, der für polnische Nationalkonservative ein rotes Tuch ist. "Tusk ist wie Klose: Ein Pole, der die deutsche Nationalhymne singt", titelte vor zwei Wochen das Internetportal "Fronda.pl" nach der Wiederwahl von Donald Tusk zum EU-Ratspräsidenten. Den Polen fehlte ein Bekenntnis des Ex-DFB-Stürmers zu seiner polnischen Heimat Oppeln.

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Lukas Podolski: Ein Weltmeister tritt ab

Podolski versteht dagegen das Spiel mit den polnischen Medien: Wenn er in seiner trainingsfreien Zeit bei seiner Familie in Polen weilt, lädt er ausgewählte Journalisten zu einem Treffen bei Górnik Zabrze ein, seinem polnischen Lieblingsverein, bei dem er seine aktive Laufbahn beenden möchte, wie er seit Jahren betont. Hier lässt er sich im Trophäenraum oder auf der Ehrentribüne fotografieren und betont, wie sehr ihm Polen am Herzen liege.

Dass dies nicht nur Floskeln sind, bewies Podolski 2013, als in Warschau dank seiner Stiftung ein Waisenhaus entstand. Auch dass er nach dem Flugzeugunglück von Smolensk im April 2010, bei dem neben dem Staatspräsidenten Lech Kaczyski noch 95 weitere Personen ums Leben kamen, im nächsten Spiel mit einer schwarzen Trauerbinde auflief, wird ihm in Polen hoch angerechnet.

Talent-Scouting in Deutschland: Der nächste Podolski soll für Polen spielen

Die Behauptung, dass mit all diesen Gesten und Aussagen auch die deutsche Nationalmannschaft in Polen an Fans gewann, wie manche hiesige Medien im Vorfeld der EM 2012 schrieben, ist jedoch falsch. Als Deutschland im EM-Halbfinale von Warschau auf Italien traf, waren die Sympathien der Polen klar auf der Seite der Italiener.

Allerdings haben die Polen Respekt vor der Entwicklung des deutschen Fußballs, die im Jahr 2014 mit dem gewonnen WM-Titel ihren vorläufigen Höhepunkt fand.

Besonders die Jugendarbeit des DFB imponiert den Polen. Daher baute der Verband in den vergangenen Jahren ein Scouting-Netzwerk auf, das nach polnischstämmigen Talenten in den deutschen Nachwuchsmannschaften sucht. Was dazu führte, dass in Polens Jugendnationalmannschaften bereits mehrere Spieler auflaufen, die in Deutschland ausgebildet werden.

Das Ziel des Verbands ist klar: Der nächste Podolski soll in der polnischen Auswahl für Furore sorgen.



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bollocks1 21.03.2017
1. Unvergesssen...
...die 2:0 no-nonsense Granate ins Tor der Engländer bei der WM 2010. Wer im Ausland Fußball zusammen mit unseren Freunden von der Insel schaut, weiß was ich meine. Ganz zu schweigen von der Direktkombination Neuer-Klose. Mir ist ein Podolski lieber als ein Hummels (nichts gegen Hummels). Gerade auch seine Lust am Neuen, find ich gut. Auch wenn es mal nicht so passt. Litbarski, Pfannenstiel, Podolski - Charaktere.
Freischärler 21.03.2017
2. Unangemessene Wichtigtuerei
Alles was recht ist, aber die fußballerische Leistung des Nationahymneverweigerers Podolski war bei der WM in Brasilien wohl eher unauffällig, dafür aber sein peinlicher Drang ,ständig vor der Fernsehkamera mit und ohne Söhnchen zu posieren umso größer.
sternfeldthommy 21.03.2017
3. ich werde diesen Kerl stark vermissen !
Jetzt ist es also soweit...unser Poldi verlässt uns und hinterlässt eine Lücke, die eigentlich, wenn ich so darüber nachdenke, gar nicht mehr gefüllt werden kann. Denn er war (ist) ein sehr spezieller Typus.. kein Linksfüßler (ausser damals Klaus Allofs) hatte so eine perfekte Schusstechnik wie Poldi (der Meinung ist auch der Kaiser) ...bei keinem Bundesligaspieler, der zu einem anderen Verein innherhalb der Liga gewechselt ist (wie er von Köln nach Bayern) kam es zu solch unglaublichen Szenen, als er zuhause in Köln im Bayertrikot gegen seine alten Verein aufspielte...das Stadion hat ihn exzessiv gefeiert und als ausgerechnet ER dann ein Tor gegen seine Kölner schoss, rastete das Kölner Publikum aus und feierte das Gegentor als ob gerade die Meisterschaft gewonnen wurde... Wo gab es je sowas ??? Seine gute Laune (die war echt) und seine Sprüche, einfach seine herzensgute und positive Art, werde ich nie vergessen. Hoffentlich bleibt er uns nach seiner aktiven Karriere irgendwie im Fussball erhalten
t.schuberth 21.03.2017
4. Ich werde ihn vermissen
Sehr guter Nationalspieler ! Zum Ende hin zwar immer stark kritisiert , aber das waren die gleichen Leute die wahrscheinlich einen "richtigen Typen" gefordert haben. Jetzt geht definitiv einer
betzebub 21.03.2017
5.
Was immer wieder lustig ist, wenn jemand anfängt von der Glorie der "Mannschaft" zu fabulieren, dagegenhalten mit "Lukas Podolski hat 129 Länderspiele". Da erklärt ihnen ihr Gegenüber eher die Relativitätstheorie, als das dazu noch was Sinnvolles kommt
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