Podolski-Abschied aus der Nationalmannschaft Ehrensache

Lukas Podolski verlässt nach 13 Jahren und 130 Länderspielen die Nationalmannschaft. Er war der ständige Begleiter der Ära Löw. Wichtig war er selbst dann noch, als er sportlich keine Rolle mehr spielte.

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Aus Dortmund berichtet


Fast ist es eine Frechheit, dieses Spiel in Dortmund stattfinden zu lassen. Lukas Podolski feiert seinen Abschied aus der Fußball-Nationalmannschaft, und das Kölner Stadion ist 90 Kilometer entfernt und steht an diesem Abend leer. Aber vielleicht wäre es auch zu viel Gefühlsduselei, wenn das letzte Länderspiel des Ur-Kölners in seiner Heimatstadt anberaumt worden wäre. Schließlich soll am Mittwoch ja auch noch Fußball gespielt werden.

Podolski hört jetzt auch offiziell auf, sein 130. Länderspiel gegen England (20.45 Uhr; High-Liveticker SPIEGEL ONLINE; TV: ARD) wird sein letztes sein, daran wird auch der getreue Joachim Löw nichts mehr ändern können. Der Bundestrainer hatte seinen Lieblingsnationalspieler 2016 auch dann noch zur EM nominiert, als dies nur noch mit der besonderen Beziehung Podolskis zur Nationalelf begründet werden konnte. Sportlich spielte er für eine deutsche Stammelf längst keine Rolle mehr. Seine Leistung für das DFB-Team erbrachte Podolski zuletzt abseits des Fußballfeldes.

Das war in den ersten Jahren seiner langen Länderspielkarriere noch anders. Podolski war 2004, als alles begann, mehr als ein Jungnationalspieler. Er war, gemeinsam mit seinem Kumpel Bastian Schweinsteiger, das Symbol eines neuen Fußballs in der Nationalmannschaft. Ein 19-Jähriger in der DFB-Elf unter all den Arrivierten, Überalterten, den Nowotnys und Ramelows, das bedeutete Aufbruch, das war das Ende der jahrelangen Verkrustungen, des Völler-Fußballs.

Von Anfang an Publikumsliebling

Podolskis linker Fuß war pure Wucht, der SID-Kollege Thomas Nowag schrieb dieser Tage in einer der zahlreichen Poldi-Huldigungen, "er hätte eine Kuh damit umschießen können". Podolskis Unbekümmertheit tat der Mannschaft ungemein gut, er half damit der Nationalelf unter Jürgen Klinsmann und später Joachim Löw über manche Klippe hinweg. Für die Sommermärchen-Elf von 2006 war er unverzichtbar. 2008 wäre die Elf ohne Podolski wohl kaum ins EM-Endspiel gekommen.

Da man ihm zudem wirklich nicht vorwerfen konnte, er sei in irgendeiner Form abgehoben, war er von Anfang an bis zuletzt Imageträger, Sympathiebringer, Publikumsliebling. In Köln, der Stadt, in der sie ihrem Helden sehr schnell den Status des Ortsheiligen anhängen, rangierte er irgendwann auf einer Ebene mit Willy Millowitsch und Tommy Engel von den Bläck Föös. Podolski war Köln, Köln war Podolski, obwohl er dem Verein nach seiner Rückkehr vom FC Bayern nicht nur gutgetan hat.

Das war bereits die Zeit, in der die Formkurve des Lukas Podolski an Nervosität zunahm. Noch immer hatte er starke Länderspiele, lichte Momente, aber immer öfter musste er sich anhören, in wichtigen Spielen wenig präsent zu sein. Bei der WM 2010 in Südafrika, der eigentlichen Geburtsstunde des Löw-Fußballs, war er schon keine Hauptfigur mehr. Gegen Serbien verschoss er einen Elfmeter, die Stars hießen plötzlich anders: Thomas Müller, Mesut Özil, Manuel Neuer.

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Lukas Podolski: Ein Weltmeister tritt ab

Dennoch streckte er seine DFB-Karriere noch sechs weitere Jahre, es häuften sich die Kurzauftritte, gefeiert wurde er immer noch von den Fans, wegen seiner lockeren Sprüche, wegen seiner Nahbarkeit, dafür, dass er der Poldi ist. Bei der Weltmeisterschaft 2014, als die Löw-Elf auf ihrem Zenit ankam, war er noch dabei, aber nicht mehr mittendrin. Die zwei Kurzeinsätze waren vielleicht mehr Belohnung für die vergangenen Jahre, aber es gab niemanden, der sie ihm nicht gegönnt hätte.

13 Jahre Nationalmannschaft, was für eine lange Laufbahn. Wenn man ehrlich ist, waren darunter vier, vielleicht fünf gute Jahre, aber es gibt wohl keinen anderen Nationalspieler, bei dem man fragen würde: Was soll's? Während sich das Fußballvolk über die Nominierung eines Mario Gomez, eines Özil oder eines Mario Götze furchtbar aufregen konnte, zuckte es bei jeder neuerlichen Podolski-Berufung nur milde lächelnd die Schultern. Der Poldi natürlich ist auch wieder mit von der Partie. Schadet ja nix.

Li-La-Launebär des deutschen Fußballs

Es ist ein langer Weg gewesen vom jungen Früchtchen in der Nationalelf, der mit Schweinsteiger eine Art Lausejungen-Doppel bildete, über den Leistungsträger bis hin zu dem, was er nie sein wollte, aber am Ende doch war: der Li-La-Launebär des deutschen Fußballs. Seine Wanderjahre im Vereinsfußball über England, Italien, die Türkei bis demnächst nach Japan zeigen auch, dass er zuletzt vor allem auf der Suche war nach seinem sportlichen Kompass. Und die Aufenthalte bei der Nationalelf für ihn mehr und mehr zu Ruhezonen wurden, in denen er das Umfeld wiederfand, in dem er alles und jeden kannte.

Podolski war der Sidekick der Ära Löw, wie Manuel Andrack, noch ein Kölner, bei Harald Schmidt. Ohne Andrack war Schmidt nicht mehr der Alte, an die Vorstellung von Löw ohne Podolski wird man sich auch erst noch gewöhnen müssen.

"Die Nationalmannschaft war für mich immer Herzenssache", hat Podolski gesagt und seine Rücktrittsankündigung mit dem Satz beendet: "Es war mir eine Ehre." Uns auch.

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waka 21.03.2017
1. Danke Poldi
Du hast das Herz am richtigen Fleck.
larry_lustig 21.03.2017
2. Vollkommen überschätzt
gerade von FC Fans, zumindest die letzten Jahre. Eine Weiterentwicklung hat nicht wirklich stattgefunden, gerade wenn man Schweini dagegen im Vergleich von 2006 bis jetzt sieht
Papazaca 21.03.2017
3. Einer der Lustigsten
Poldi hat seine vielen Nationalmannschaftsnominierungen sicher nicht nur bekommen, weil er immer spielerisch überzeugte. Aber er hat für soviel gute Stimmung gesorgt, das er einen großen Anteil am Erfolg der letzten Jahre hatte. So Mitspieler und Kolleggen braucht man, braucht jeder. Mit Humor und Lebensfreude geht alles gleich viel besser. Insofern, liebe Erbsenzähler, die Ihr Poldi schon lange in die Rente geschickt hättet: Poldi Beitrag läßt sich eben nicht nur auf seine Leistung auf dem Platz reduzieren. In unserer so verbissenen Gesellschaft brauchen wir mehr von Poldi's Sorte.
gnarze 21.03.2017
4. Ein Kindskopf,
aber man konnte ihm nicht böse sein. Sportlich leider seit 2008 nicht weiterentwickelt.
dr.eldontyrell 21.03.2017
5. Als gebürtiger Kölner
und FC-Fan, was soll ich sagen? Träne im Knopfloch. Poldi ist für mich Sinnbild dafür, dass man erst Kölner und dann erst Pole/Deutscher/Türke/Marsianer ist. Wie sagte er gestern? Köln ist Heimat, Köln ist Liebe. Un mer jon met dir wenn et sin muß durch et Füer .....
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