Podolski-Wechsel Der ewige Nationalspieler

Lukas Podolski versucht es jetzt in der Türkei. Die Vereinskarriere des Nationalspielers ist nicht immer glücklich verlaufen, aber dem 30-Jährigen ist anderes wichtiger. Er will seinen letzten großen Traum nicht gefährden.

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Spielpraxis muss er bekommen, hat Joachim Löw von Lukas Podolski dieser Tage gefordert. Der Wunsch des Bundestrainers wird erfüllt. Galatasaray Istanbul, Podolskis neue fußballerische Adresse, mag sich mehr und mehr zum Auffangbecken alternder Stars entwickeln, es mag das Gegenteil eines spannenden sportlichen Projekts sein - aber spielen wird Podolski dort. Und damit seine Chance auf eine Teilnahme an der Europameisterschaft wahren.

Podolski ist jetzt 30 Jahre alt. Man muss sagen, erst 30 Jahre alt - wenn man bedenkt, wie ungemein lang sich der Kölner schon in der Spitze des Fußballs behauptet hat. Es wird nicht mehr allzu viele Karriereziele für ihn geben. Eigentlich nur noch zwei. Zu zeigen, dass er noch wertvoll für ein Team sein kann. Und noch einmal bei einem großen Turnier dabei sein. Beides kann er mit diesem Wechsel verbinden. Deshalb ist Galatasaray vermutlich eine gute Wahl.

Er wird dort seine 30 Saisonspiele bekommen, er wird im Istanbuler Mittelfeld neben den Veteranen Felipe Melo, Hamit Altintop oder Wesley Sneijder, sofern der Niederländer bleibt, wie ein Jungspund wirken, was Fitness und Antrittsschnelligkeit angeht. Und Löw bekommt das Argument an die Hand, ihm noch einmal die EM-Teilnahme zu gönnen.

Aktuell wenig zwingende Gründe für eine Nominierung

Rein sportlich gäbe es nach aktuellem Stand wenige zwingende Gründe, Podolski für eine EM zu nominieren. Die Konkurrenz in der Offensive ist groß, der Angreifer hat sich in den vergangenen Jahren nicht mehr in den Vordergrund gespielt. Aber bei der Personalie Lukas Podolski geht es um mehr als nur ums Sportliche.

Bundestrainer Löw, Spieler Podolski: Weniger strenge Maßstäbe
Bongarts/Getty Images

Bundestrainer Löw, Spieler Podolski: Weniger strenge Maßstäbe

Podolski und Löw sind den Weg beim DFB seit 2004 gemeinsam gegangen. Neben Bastian Schweinsteiger ist er der letzte Verbliebene aus jenen turbulenten Pionierzeiten, als Jürgen Klinsmann und Joachim Löw die Nationalmannschaft von rechts auf links umgekrempelt haben. Podolski war immer dabei, auf ihn hat Löw sich immer verlassen. Und er konnte sich oft auf ihn verlassen: Der Stürmer hat bei den Turnieren 2006, 2008 und 2010 seinen Beitrag geliefert, unabhängig davon, ob er zuvor im Verein über Monate Leistung gebracht hatte oder nicht.

Mittlerweile ist das Verhältnis umgekehrt: Podolski kann sich auf Löw verlassen. 2012, 2014 hätte es ihn, ganz streng genommen und sportlich bewertet, nicht mehr gebraucht. Beim WM-Turnier in Brasilien war nach der Gruppenphase kein Platz mehr für ihn in einer Stammmannschaft, die sich gefunden hatte. Aber Löw weiß, dass er mit Podolski niemals Probleme haben wird, auch mit einem Bankdrücker Podolski nicht. Der Spieler wird, wenn er eingewechselt wird, versuchen, alles zu geben. Wie er das immer versucht hat.

Podolski ist immer vor allem Nationalspieler gewesen, mehr als jeder andere im DFB-Kader. Das war, das ist seine Berufung. Länderspiele abzusagen aus fehlender Motivation, Verletzungen vorschützen, um sich für den Verein zu schonen, so etwas wäre ihm nie in den Sinn gekommen. Wenn man es überspitzt formuliert, wurden die Vereine mehr und mehr Mittel, um sich für die Nationalelf in Form zu halten.

Karriere mit gewissem Gleichmut getragen

Mit seinen 30 Jahren schaut Podolski auf eine Vereinskarriere zurück, die für einen 125-fachen Nationalspieler ungewöhnlich schmucklos ist. Letztlich hat er sich wohl nur bei seinem Heimatverein 1. FC Köln so richtig wohlgefühlt, so richtig zu sich gefunden. Auch beim FC Bayern, beim FC Arsenal hatte er starke Phasen, ein Stützpfeiler dieser Mannschaften ist er aber nie geworden. Über das Kapitel Inter Mailand breitet man gnädigerweise den Mantel des Schweigens.

Nationalspieler Podolski: Hier, ich will zur EM
DPA

Nationalspieler Podolski: Hier, ich will zur EM

Podolski hat das stets mit einem gewissen Gleichmut ertragen. Die Nationalmannschaft war seine eigentliche Heimstatt, sie ist es immer noch, so kurz und meist freudlos seine Einsätze dort auch geworden sind. Von daher wird er alles dafür tun, Gründe zu liefern, dass er auch 2016 in Frankreich mit von der Partie ist.

In der Türkei wird nicht jedes Spiel von ihm von der ganz großen deutschen Öffentlichkeit beäugt, der türkische Fußball liegt nicht nur geografisch an der Peripherie. Nicht jede Auswechslung findet gleich Eingang in die große Berichterstattung. Das war bei Arsenal, vor allem bei Inter anders. Podolski wird unterm Radar agieren. Das schadet nicht.

Ihn auf den Stimmungsmacher, eine Art Talisman der Nationalmannschaft zu reduzieren, wäre zu wenig. Aber Podolski hat mittlerweile eine soziale Funktion im DFB-Kader. Garant für unterhaltsame Pressekonferenzen, für die Laune im Team, für die positive Außendarstellung. Thomas Müller allein kann das nicht leisten.

Löw ist wenig dafür bekannt, bei Zusammenstellung seines Personals sentimental vorzugehen, Garantien vergibt er ungern. Aber bei Podolski wird er weniger strenge Maßstäbe bei der Nominierung anlegen als bei anderen. Und warum auch nicht?

insgesamt 71 Beiträge
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Seite 1
chico 76 03.07.2015
1. Gut beschrieben,
er war und ist einfach ein sympathischer Typ. Dass Löw an ihm festhält ehrt ihn.
Msc 03.07.2015
2.
Und ganz wichtig für den DFB: Man wird den ungeliebten "Rekordnationalspieler" Lothar Matthäus bald los. Dann kennt den in 10 Jahren kein Kind mehr.
tegele 03.07.2015
3. nie und nimmer
wird Podolski Europameister , wer Spielpraxis in einer so schwachen Liga wie die Türkei sammeln will , hat doch in der Nationalmannschaft nichts verloren . Hätte besser bei irgendein Zweitligaclub in Spanien England Italien oder Deutschland anheuern sollen
tomkey 03.07.2015
4. Witze-Figur
Der gute Laune-Onkel und Witze-Erzähler darf jetzt türkisch. Ob das für eine EM-Teilnahme reicht? Löw steht auf ihn, wer weiß warum. Leistungsgerecht sieht anders aus.
stranzjoseffrauss 03.07.2015
5. Den Berufswunsch Chancentod
hat sich der Poldi eindeutig erfüllt.
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