Von Hendrik Ternieden und Jan Reschke
Viel hat sich verändert durch den sensationellen Erfolg der DFB-Elf. Die Mannschaft scheint in ihrem Selbstbewusstsein kaum zu erschüttern. Das Team ist mehr als nur eine Zweckgemeinschaft, die Spieler sind zu einer echten Einheit zusammengewachsen. Es gibt niemanden mehr, der über allen anderen schwebt.
Auch nicht Michael Ballack.
So jedenfalls muss man den Sinneswandel von Philipp Lahm wohl einordnen. Fünf Wochen ist es her, dass der Abwehrspieler der "Süddeutschen Zeitung" in seinem ersten Interview als Vertreter des verletzten Spielführers sagte: "Ich gehe davon aus, dass Michael nach der WM wieder unser Kapitän sein wird."
Jetzt klingt das ganz anders. "Wieso sollte ich das Amt freiwillig abgeben?", fragte Lahm in der "Bild"-Zeitung. "Es ist doch klar, dass ich die Kapitänsbinde gerne behalten möchte."
Nun stellt sich die Frage: Welche Rolle bleibt für den Mann, den Jürgen Klinsmann "Capitano" taufte, nach der WM?
Es scheint, als hätten einige Menschen nur auf diesen Zeitpunkt gewartet, um Ballacks Rolle öffentlich zu diskutieren: Als Glücksfall bezeichnete Bernd Schuster den Ausfall des 98-fachen Nationalspielers. Und Lothar Matthäus, der selbst den richtigen Zeitpunkt zum Abgang verpasste, rät Ballack in seiner Hauspostille "Bild" schon jetzt zum Rücktritt.
Strategisch ist Lahms Attacke nachvollziehbar
Diese Stimmungslage will nun anscheinend auch Philipp Lahm nutzen. Der 26-Jährige weiß wie kaum ein zweiter Profifußballer, wie die Medien funktionieren. In Interviews nach Spielende kann er herrliche gestanzte Sätze formulieren - lang, aber ohne Inhalt.
Doch wenn er will, sagt Lahm Sätze mit enormer Sprengkraft, um seine Absichten zu untermauern. Das war im vergangenen November nicht anders. Damals attackierte er in einem Interview mit der "Süddeutschen Zeitung" die Bayern-Führung scharf und stellte sich hinter Trainer Louis van Gaal.
Strategisch ist Lahms aktuelle Attacke auf Ballack durchaus nachvollziehbar. Er argumentiert nach den berauschenden Erfolgen gegen England (4:1) und Argentinien (4:0) aus einer Position der Stärke heraus. Doch der Moment ist schlecht gewählt - zumindest aus der Perspektive des DFB. Denn die öffentlich geäußerten Machtansprüche bringen Unruhe ins Team.
Das zeigt die schnelle Reaktion von Oliver Bierhoff auf einer Pressekonferenz am Dienstagmorgen. "Der Zeitpunkt ist nicht so glücklich", sagte der Teammanager zu Lahms Vorstoß. Jede Diskussion sei unnötig. "Letztendlich ist das alles ein Thema, das jetzt in dieser Woche keine Rolle spielen darf. Jetzt geht es darum, die letzten zwei Spiele erfolgreich zu bestreiten. Alles andere kommt danach und ist letztendlich eine Entscheidung des Trainers."
"Es ist schade, dass so etwas zusammenkommt"
Diese Entscheidung wird für Löw unbequem werden. Schon der Besuch Ballacks in Südafrika machte das zunehmend schwierige Verhältnis des Capitano a.D. zum Rest der Mannschaft deutlich. Er wirkte isoliert, die Mannschaft einzig auf den Erfolg bei der Weltmeisterschaft fokussiert. WM-Spieler haben andere Dinge im Kopf, als sich um einen Rekonvaleszenten zu kümmern.
Fast wie eine Flucht wirkte nun die Abreise Ballacks am Montag. Am Tag zuvor war noch triumphierend verkündet worden: Ballack macht Reha in Südafrika. Er gehört immer noch zum Team, sollte das heißen.
Dass der Tag der Abreise ausgerechnet mit Lahms kritischen Äußerungen einherging, bezeichnete Bierhoff als nicht glücklich. "Es ist schade, dass so etwas zusammenkommt und zu Missinterpretationen führen kann."
Zu Missinterpretationen kann allerdings auch Bierhoffs Aussage führen. Denn er kritisierte zwar eindeutig den Zeitpunkt für Lahms Attacke. Nicht aber den Inhalt. Ein klares Bekenntnis zum langjährigen Kapitän blieb aus.
Mit Material der dpa
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