Machtkampf um die Binde Kapitänchen gegen Capitano

Philipp Lahm will Kapitän der Nationalmannschaft bleiben - und düpiert damit den verletzten Michael Ballack. Die Führung des DFB-Teams ist nicht glücklich über den entbrannten Machtkampf, doch ein klares Bekenntnis zum alten Capitano gibt sie nicht ab.

ddp

Von und Jan Reschke


Viel hat sich verändert durch den sensationellen Erfolg der DFB-Elf. Die Mannschaft scheint in ihrem Selbstbewusstsein kaum zu erschüttern. Das Team ist mehr als nur eine Zweckgemeinschaft, die Spieler sind zu einer echten Einheit zusammengewachsen. Es gibt niemanden mehr, der über allen anderen schwebt.

Auch nicht Michael Ballack.

So jedenfalls muss man den Sinneswandel von Philipp Lahm wohl einordnen. Fünf Wochen ist es her, dass der Abwehrspieler der "Süddeutschen Zeitung" in seinem ersten Interview als Vertreter des verletzten Spielführers sagte: "Ich gehe davon aus, dass Michael nach der WM wieder unser Kapitän sein wird."

Jetzt klingt das ganz anders. "Wieso sollte ich das Amt freiwillig abgeben?", fragte Lahm in der "Bild"-Zeitung. "Es ist doch klar, dass ich die Kapitänsbinde gerne behalten möchte."

Nun stellt sich die Frage: Welche Rolle bleibt für den Mann, den Jürgen Klinsmann "Capitano" taufte, nach der WM?

Es scheint, als hätten einige Menschen nur auf diesen Zeitpunkt gewartet, um Ballacks Rolle öffentlich zu diskutieren: Als Glücksfall bezeichnete Bernd Schuster den Ausfall des 98-fachen Nationalspielers. Und Lothar Matthäus, der selbst den richtigen Zeitpunkt zum Abgang verpasste, rät Ballack in seiner Hauspostille "Bild" schon jetzt zum Rücktritt.

Strategisch ist Lahms Attacke nachvollziehbar

Diese Stimmungslage will nun anscheinend auch Philipp Lahm nutzen. Der 26-Jährige weiß wie kaum ein zweiter Profifußballer, wie die Medien funktionieren. In Interviews nach Spielende kann er herrliche gestanzte Sätze formulieren - lang, aber ohne Inhalt.

Doch wenn er will, sagt Lahm Sätze mit enormer Sprengkraft, um seine Absichten zu untermauern. Das war im vergangenen November nicht anders. Damals attackierte er in einem Interview mit der "Süddeutschen Zeitung" die Bayern-Führung scharf und stellte sich hinter Trainer Louis van Gaal.

Strategisch ist Lahms aktuelle Attacke auf Ballack durchaus nachvollziehbar. Er argumentiert nach den berauschenden Erfolgen gegen England (4:1) und Argentinien (4:0) aus einer Position der Stärke heraus. Doch der Moment ist schlecht gewählt - zumindest aus der Perspektive des DFB. Denn die öffentlich geäußerten Machtansprüche bringen Unruhe ins Team.

Das zeigt die schnelle Reaktion von Oliver Bierhoff auf einer Pressekonferenz am Dienstagmorgen. "Der Zeitpunkt ist nicht so glücklich", sagte der Teammanager zu Lahms Vorstoß. Jede Diskussion sei unnötig. "Letztendlich ist das alles ein Thema, das jetzt in dieser Woche keine Rolle spielen darf. Jetzt geht es darum, die letzten zwei Spiele erfolgreich zu bestreiten. Alles andere kommt danach und ist letztendlich eine Entscheidung des Trainers."

"Es ist schade, dass so etwas zusammenkommt"

Diese Entscheidung wird für Löw unbequem werden. Schon der Besuch Ballacks in Südafrika machte das zunehmend schwierige Verhältnis des Capitano a.D. zum Rest der Mannschaft deutlich. Er wirkte isoliert, die Mannschaft einzig auf den Erfolg bei der Weltmeisterschaft fokussiert. WM-Spieler haben andere Dinge im Kopf, als sich um einen Rekonvaleszenten zu kümmern.

Fast wie eine Flucht wirkte nun die Abreise Ballacks am Montag. Am Tag zuvor war noch triumphierend verkündet worden: Ballack macht Reha in Südafrika. Er gehört immer noch zum Team, sollte das heißen.

Dass der Tag der Abreise ausgerechnet mit Lahms kritischen Äußerungen einherging, bezeichnete Bierhoff als nicht glücklich. "Es ist schade, dass so etwas zusammenkommt und zu Missinterpretationen führen kann."

Zu Missinterpretationen kann allerdings auch Bierhoffs Aussage führen. Denn er kritisierte zwar eindeutig den Zeitpunkt für Lahms Attacke. Nicht aber den Inhalt. Ein klares Bekenntnis zum langjährigen Kapitän blieb aus.

Mit Material der dpa

insgesamt 1697 Beiträge
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privatbahn 06.07.2010
1.
Zitat von sysopDie deutsche Nationalmannschaft spielt eine hervorragende WM - ohne ihren verletzten Kapitän Michael Ballack. Derzeit hat Philipp Lahm auf dem Platz das sagen. Sollte er auch nach der WM die Verantwortung für das Team übernehmen?
Ja sollte er. Nicht weil er ggü. Ballack jetzt nennenswert bessere Qualitäten hätte, sondern einfach deshalb weil die Mannschaft nach der WM in der hiesigen Formation zusammen bleiben sollte. Die Zukunft gehört den Youngstern. Das Ü30-Partys keine Zunkunft haben, haben bereits andere WM-Teilnehmer erlebt.
donfuan, 06.07.2010
2.
Deutschland hatte das ja schonmal, 2000 hat man Matthäus noch mit durchgeschleppt - Ergebnis ist bekannt. Das geht heute nicht mehr, das Team muss homogen sein, flache Hierachien haben - Ballack Stern sinkt immer weiter. Schade für ihn, aber so ist das Leben nun mal, und er hatte seine Chancen.
pimpelgerimpel 06.07.2010
3. Ja, denn ...
M. Ballack wird, wenn überhaupt, altersbedingt höchstens noch ein Turnier (EM 2012) spielen können (wenn er nicht bereits nach dieser WM schon aus der NM zurücktritt um den Platz frei zu machen für die neue Generation). Vor Ausscheiden Ballacks muss zwangsläufig bereits ein neuer Führungsspieler herangeführt werden. Lahm (Alternative wäre evtl. Schweinsteiger) ist dafür bestens geeignet, er hat das richtiger Alter, die Fähigkeiten und seinen Job bisher sehr gut gemacht ...
joschitura 06.07.2010
4. Ballack bye bye
Wir wären begeistert, wenn Ballack bei sky einen Ko-Kommentatoren-Vertrag bekäme... Und falls gesammelt werden sollte, damit er Geld kriegt fürs nicht mehr Fussballspielen: wir spenden gerne.
mikesch0815 06.07.2010
5. Jetzt...
...wäre der geschickteste Zeitpunkt für Ballack, in Würden abzutreten. Und nicht an einem Amt festzukleben. So kann er das Zepter in einer fantastischen Stimmung an einen würdigen Nachfolger abgeben. Und er verlöre kein Gesicht
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