Madrider Platzverweise Mourinhos Männer unter Mogelverdacht 

Zwei Stars von Real Madrid haben sich in der Champions League Gelb-Rote Karten eingehandelt - wohl nicht ohne Absichten. Das Regelwerk der Uefa ermöglicht solche Tricksereien, der Wettbewerb bietet dafür mehr Anreiz als die Bundesliga.

Real-Coach Mourinho (Mitte): Gelb-Rote Karten befohlen?
AFP

Real-Coach Mourinho (Mitte): Gelb-Rote Karten befohlen?

Von Florian Haas


Hamburg - Dienstagabend in Amsterdam, es laufen die letzten Minuten. Real Madrid führt 4:0 gegen Ajax, steht als Sieger der Gruppe G fest, könnte die Partie locker ausklingen lassen. Doch plötzlich kommt Hektik auf. Trainer José Mourinho spricht mit Ersatzkeeper Jerzy Dudek, der rennt zu Iker Casillas, und Madrids Torwart informiert seine Vorderleute.

Die "Stille Post" erreicht auch Xabi Alonso und Sergio Ramos.

Beide haben zuvor eine Gelbe Karte gesehen - und damit ihren Kontostand in der Königklasse des Fußballs auf insgesamt zwei Gelbe Karten erhöht. Würden Sie im letzten anstehenden Gruppenspiel in Auxerre eine weitere Gelbe Karte kassieren, wären sie für das Achtelfinal-Hinspiel aufgrund von insgesamt dann drei Verwarnungen gesperrt.

Würden Sie sich aber noch im Spiel gegen Ajax Amsterdam Gelb-Rot einhandeln, wären sie zwar für die bedeutungslose Partie in Auxerre gesperrt - gingen aber mit nur einer Gelben Karte in die K.o.-Phase. Genau das scheinen Alonso und Ramos nun wie auf Anweisung zu realisieren.

"Die Gelb-Roten Karten fallen nicht so sehr ins Gewicht"

Alonso lässt sich im Anschluss bei einem Freistoß in der eigenen Hälfte unverhältnismäßig viel Zeit, bekommt dafür Gelb-Rot und verlässt den Platz ohne Protest (87. Minute). Ramos läuft bei einem Abschlag für Keeper Casillas mehrere Male an, nestelt an seinen Stutzen herum, sieht ebenfalls Gelb-Rot - und gibt dem Schiedsrichter bei seinem Abgang freundlich die Hand (90.+1). Nach dem Spiel reagiert Mourinho gelassen: "Die Gelb-Roten Karten fallen nicht so sehr ins Gewicht, weil wir uns vor dem nächsten Spiel gegen Auxerre schon qualifiziert haben", sagt der psychologisch geschulte Coach.

Ramos und Alonso fallen jetzt für das letzte Gruppenspiel aus. Im Gegenzug werden ihre Gelben Karten aus dem Ajax-Spiel gelöscht. Sie sind wieder bei einer Gelben Karte. Weil in der Champions League ein Spieler erst ab drei Gelben Karten für eine Partie gesperrt wird, sind die beiden Real-Stars sowohl im Hinspiel als auch im Rückspiel des Achtelfinales sicher dabei, sofern sie nicht vom Platz gestellt werden oder sich verletzen.

Das Regelwerk der Uefa macht es möglich.

Es bietet den Spielraum, sich mit einer provozierten Gelb-Roten Karte eine bessere Ausgangsposition für die K.o.-Runde zu verschaffen. In der Bundesliga gibt es wegen der fehlenden K.o.-Phase keinen so großen Grund, sich Ampelkarten einzuhandeln. Hier muss ein Spieler nach fünf Gelben Karten eine Partie aussetzen. Wer etwa vier Gelbe Karten gesammelt hat und dann Gelb-Rot sieht, muss die darauffolgende Begegnung pausieren, behält seine vier Gelbe Karten aber auf dem Konto.

Die Uefa will nun prüfen, ob die beiden Real-Profis ihre Gelb-Roten Karten provoziert und sich damit unsportlich verhalten haben. Der Verband kontrollierte am Mittwoch den Schiedsrichterbericht. Danach soll entschieden werden, ob ein Verfahren gegen die Akteure eingeleitet wird.

Spanische Medien hatten keinen Zweifel daran, dass die Real-Profis sich die Platzverweise absichtlich eingehandelt hatten - und José Mourinho die Anweisung zur Kartenprovokation gegeben hatte. Der Trainer und die Real-Spieler bestritten die Medienberichte. Bisher.

Ähnlichkeiten zum "Fall Ordenewitz"

Die Angelegenheit erinnert an einen Fall aus dem Jahr 1991. Kölns damaliger Trainer Erich Rutemöller hatte im Pokal-Halbfinale gegen den MSV Duisburg seinen Stürmer Frank "Otze" Ordenewitz mit dem berühmt gewordenen Spruch "Mach et, Otze!" aufgefordert, sich eine Rote Karte einzuhandeln; der Angreifer sollte die Strafe in der Bundesliga absitzen, um im Pokalfinale dabei sein zu können. Ordenewitz tat wie befohlen: Er schlug den Ball weg und wurde wie erhofft mit Rot vom Feld gestellt. Dumm nur, dass Rutemöller vor TV-Kameras den Trick ausplauderte. Der DFB sperrte Ordenewitz für das Pokalendspiel. Kurz darauf wurde die Gelb-Rote Karte eingeführt, die eine Sperre für das nächste Spiel im selben Turnier vorsieht.

Ramos und Alonso befinden sich übrigens in illustrer Gesellschaft. David Beckham provozierte 2004 in einem WM-Qualifikationsspiel gegen Wales mit einem absichtlichen Foul eine zweite Gelbe Karte. Der englische Nationalspieler wollte so seine Strafe beim nächsten Spiel gegen Aserbaidschan verbüßen, für das er wegen einer Verletzung ohnehin ausgefallen wäre. "Ich habe doch Köpfchen", sagte Beckham damals.

mit Material von sid und dpa



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