Mäzen und Fans auf den Barrikaden Hoffenheim am Tiefpunkt

Spektakulärer Offensivfußball, feine Spielzüge, Tore am Fließband - alles vorbei. Nach der Heimniederlage gegen Köln gingen die Fans der TSG Hoffenheim auf die Barrikaden. Auch Mäzen Dietmar Hopp hat genug, er kündigte "tiefgreifende Maßnahmen" an - will aber kaum etwas ändern.

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Hoffenheim-Profis Salihovic (l.), Carlos Eduardo: Tiefgreifende Maßnahmen
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Hoffenheim-Profis Salihovic (l.), Carlos Eduardo: Tiefgreifende Maßnahmen


Hamburg - Während Dietmar Hopp in den Katakomben eine Brandrede hielt, formierten sich vor der Arena in Sinsheim die Fans. Nach der 0:2-Heimniederlage der TSG 1899 Hoffenheim gegen den 1. FC Köln tobte drinnen der Mäzen und draußen der Mob. Ausnahmezustand im Ländle.

Die Pleite gegen biedere Gäste war für die TSG die achte in der Rückrunde. Ging die Mannschaft von Trainer Ralf Rangnick als Siebtplatzierter in die Winterpause, folgte anschließend der freie Fall. Im Jahr 2010 stürzte die TSG bis auf Rang zwölf ab, sogar der Abstieg ist theoretisch noch möglich. Rund ein Jahr, nachdem Hoffenheim die Bundesliga mit spektakulärem Offensivfußball verzauberte, ist der Club am Tiefpunkt.

"Das war der Tiefpunkt der Saison. Das war der Tiefpunkt, was die Einstellung betrifft. Das war der Tiefpunkt, was das Unvermögen vor dem Tor betrifft. Es ist unerklärlich für mich", sagte Hopp, der unmittelbar nach dem Schlusspfiff zur Mannschaft in die Kabine gestapft war und vor seinen Profis eine Brandrede hielt. "Das war ein Monolog eines enttäuschten Dietmar Hopp", berichtete der derzeit verletzte Torhüter Timo Hildebrand. "Er hat uns gefragt, was mit uns passiert ist. Er war enttäuscht und traurig."

Hoffenheim seit Wochen leb- und lustlos

Seit Wochen wirkt die TSG leb- und lustlos, holte aus den vergangenen sechs Spielen nur zwei Punkte und erzielte dabei ein einziges Tor. In der Rückrunde konnte Hoffenheim nur gegen die abstiegsbedrohten Teams aus Hannover (2:1) und Berlin (2:0) gewinnen, holte in 14 Spielen ganze neun Punkte von 42 möglichen Zählern - schlechter war nur der SC Freiburg mit einem Sieg und sieben Punkten in der Rückrunde.

Die sportliche Krise in Hoffenheim dürfte aber kaum in fußballerischen Mängeln begründet zu sein. Alle wichtigen Spieler der vergangenen Saison, als die TSG als Aufsteiger sensationell Herbstmeister wurde und die Spielzeit auf Platz sieben beendete, konnten gehalten werden. Mit gezielten Verstärkungen wie Josip Simunic, Franco Zuculini, Maicosuel und Christian Eichner sollte die Qualität des sowieso schon starken Kaders noch einmal erhöht werden. Doch statt des geplanten Höhenflugs folgte der Absturz.

Das Hoffenheimer Problem scheint eher ein charakterliches zu sein. Die Profis sind sich der sportlich desaströsen Lage offenbar nicht bewusst. Nach der 0:4-Pleite beim VfL Wolfsburg vergnügten sich sechs Spieler bis tief in die Nacht in einer Disco. Vor dem Heimspiel gegen Köln kamen Maicosuel, Zuculini und Boris Vukcevic zu spät zum Abschlusstraining. Coach Rangnick suspendierte das Trio für die Partie.

"Rangnick raus" und "Scheiß Millionäre"

Die Fans reagierten auf die Vorfälle abseits des Rasens mit Hohn und Spott. "Ihr könnt jetzt feiern gehen", und: "Auf zur Party" riefen sie den Profis zu - und das waren noch die netten Kommentare der Anhänger. Die hatten während des Spiels, als sich die Niederlage gegen Köln abzeichnete, ihrem Frust freien Lauf gelassen. "Rangnick raus" und "Scheiß Millionäre" schallte es lautstark durch die Rhein-Neckar-Arena.

Der harte Kern der Hoffenheimer Anhänger blockierte eine Stunde nach dem Abpfiff sogar die Stadionausfahrt des Mannschaftsbusses und konnte erst durch Rangnick beruhigt werden. "Warum soll es in Hoffenheim anders sein als in anderen Stadien? Wir können nicht erwarten, dass wir für unsere Leistung gefeiert werden", sagte der Coach. Und Mäzen Hopp ergänzte: "Wenn die Fans das Gefühl haben, dass die Mannschaft nicht das Äußerste herausholt, dann sind sie zu recht sauer - und das Gefühl kann man haben."

Einmal in Rage gekommen, legte Hopp später nach: "Das hat die Mannschaft verdient. Sie hat sich schon in Wolfsburg gehen lassen. Sie hat überhaupt bei fast allen Heimspielen total enttäuscht. Wenn man Profi ist und nicht schlecht verdient in seinem Beruf, dann muss man auch die Einstellung bringen - und die fehlt."

Hopp will Einschnitte - aber nichts ändern

Um den Club wieder in die richtige Spur zu bringen, kündigte Hopp tiefgreifende Maßnahmen an. Seltsam nur: Der Mäzen will dafür weder den Trainer wechseln noch im großen Stil neues Personal einkaufen. "Wir müssen harte Einschnitte machen. Was nicht heißt, dass wir viele neue Spieler verpflichten, sondern eher im Gegenteil. Wir müssen aus dem Potential, das wir haben, das Optimum herausholen - mit Ralf Rangnick", sagte Hopp, der sich demonstrativ vor seinen in die Kritik geratenen Coach stellte: "Es gibt einige Gründe im privaten Bereich von Herrn Rangnick mit der schweren Krankheit seines Vaters, so dass er sich nicht mehr so auf die Mannschaft konzentrieren konnte, und da ist offensichtlich etwas verrutscht", so Hopp. "Aber ich stelle den Trainer nicht in Frage, und ich denke, wir schaffen die Wende."

Die Worte von Ralf Rangnick selbst hörten sich bei weitem nicht so optimistisch an. Im Gegenteil. "Mehr als wir zuletzt an Energie in die Mannschaft gesteckt haben, geht nicht", sagte der 51-Jährige nach dem Köln-Spiel fast schon resignierend. Das Ergebnis dieser Arbeit ist bekannt.

Mit Material von sid und dpa.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 31 Beiträge
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Seite 1
shokaku 11.04.2010
1. Tja
Ohne Zaubertrank gibt es halt keine unbezwingbaren Gallier mehr, sondern nur noch eine ganz normale Bundesligamannschaft. Und wer die vorigen Stationen von Rangnix verfolgt hat, muss auch feststellen, dass dem eigentlich regelmässig im zweiten Jahr das Latein ausgegangen ist.
Björn Borg 11.04.2010
2. Das Herz fehlt dem Neubau
Zitat von sysopSpektakulärer Offensivfußball, feine Spielzüge, Tore am Fließband - alles vorbei. Nach der Heimniederlage gegen Köln gingen die Fans der TSG Hoffenheim auf die Barrikaden. Auch Mäzen Dietmar Hopp hat genug, er kündigte "tiefgreifende Maßnahmen" an - will aber kaum etwas ändern. http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,688342,00.html
Dächte man weniger betriebswirtschaftlich und wäre mit mehr Leidenschaft beim Fußball, dann wüsste man in Hoffenheim, dass das zweite Jahr nach dem Aufstieg stets das schwerste ist und hätte sich auf eine Saison wie diese eingestellt. Geld schießt eben keine Tore.
Björn Borg 11.04.2010
3. Das kommt mir Spanisch vor!
Zitat von shokakuOhne Zaubertrank gibt es halt keine unbezwingbaren Gallier mehr, sondern nur noch eine ganz normale Bundesligamannschaft. Und wer die vorigen Stationen von Rangnix verfolgt hat, muss auch feststellen, dass dem eigentlich regelmässig im zweiten Jahr das Latein ausgegangen ist.
Allerdings ist er ja schon ein paar Tage länger in Hoffenheim...
saul7 11.04.2010
4. ++
Zitat von sysopSpektakulärer Offensivfußball, feine Spielzüge, Tore am Fließband - alles vorbei. Nach der Heimniederlage gegen Köln gingen die Fans der TSG Hoffenheim auf die Barrikaden. Auch Mäzen Dietmar Hopp hat genug, er kündigte "tiefgreifende Maßnahmen" an - will aber kaum etwas ändern. http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,688342,00.html
Ein ganz normaler Vorgang im Sport. Es gibt Flauten, die "tiefgreifende Maßnahmen" erforderlich machen. So what??
jan_nebendahl, 11.04.2010
5. Rangnick wie immer
Zitat von Björn BorgDächte man weniger betriebswirtschaftlich und wäre mit mehr Leidenschaft beim Fußball, dann wüsste man in Hoffenheim, dass das zweite Jahr nach dem Aufstieg stets das schwerste ist und hätte sich auf eine Saison wie diese eingestellt. Geld schießt eben keine Tore.
Das ist nicht korrekt. Geld schießt sehr wohl Tore. Es ist nur nicht das einzig Notwendige. Und sowohl die bisherigen Bilanzen von Herrn Rangnick, als auch die Binsenweisheit, dass das 2.Jahr nach dem Aufstieg das Schwerste ist, stimmen mit dem Gezeigten überein. Dazu kommt ebenfalls die Schwierigkeit, immer schönen Fussball zeigen zu wollen. Nichtsdestotrotz ist es albern, Rangnicks Kopf zu fordern. Wo sich Hoffenheim mit Sicherheit verbessern kann, ist in der medizinischen Abteilung bzw. in der Belastung der Spieler. So ein enormes Verletzungspech ist meistens kein Zufall. Und wenn man sich den Kader ansieht, dann muss man schon sagen, dass man mit diesem Kader eigentlich um die Euroleague Plätze mitspielen müsste.
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