Magath-Rauswurf Hektischer Trainer-Tausch - Bayern riskiert seinen Ruf

Es steht schlecht um den FC Bayern. Mitten in der Saison schasst der Verein Felix Magath - und beschädigt damit sein Image als Deutschlands Edelclub. Die Verantwortlichen überschätzen sich selbst, Hitzfelds Verpflichtung ist ein Schritt zurück.

Von Jörg Schallenberg


Willkommen zuhause. Wenn es angesichts der mäßigen Hinrunde noch Zweifel daran gab, ob der übermächtige, allgewaltige und lange Zeit scheinbar über den Dingen schwebende FC Bayern München wieder hart in den Niederungen der Bundesliga aufgeschlagen ist, dann hat sich dieser Gedanke vor wenigen Stunden erledigt. So wie ein ganz normaler Fußballverein, sagen wir mal Hannover 96 oder Borussia Dortmund, haben die Bayern nach einem missglückten Rückrundenstart einfach das getan, was auch jedem Dorfmanager als Erstes einfallen würde: Sie haben den Trainer gefeuert. Das ist nicht nur einfallslos, sondern auch eine sportliche Bankrotterklärung. Trotz geschätzten 30 Millionen Euro auf dem Festgeldkonto.

Rummenigge, Hoeneß: "Drittklassiges Spielermaterial" auf dem Transfermarkt
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Rummenigge, Hoeneß: "Drittklassiges Spielermaterial" auf dem Transfermarkt

Wenn Ottmar Hitzfeld als Vorgänger und Nachfolger des abservierten Felix Magath am Donnerstag das Training an der Säbener Straße aufnimmt, dann wird es ein wenig so sein, als habe es die vergangenen zweieinhalb Jahre nie gegeben. Ein gespenstischer Eindruck, aber wahrscheinlich täuscht er nicht einmal. Sicher, Magath gelang etwas Einmaliges in der Geschichte de Bundesliga, denn als erster Trainer konnte er das Double aus Meisterschaft und Pokalsieg zweimal nacheinander erringen. Doch was zählt das schon in der ganz speziellen Rechenweise des FC Bayern?

Auch wenn Manager Uli Hoeneß stets betont, dass die Bundesliga immer und zu jeder Zeit Vorrang hat, weiß jeder halbwegs Interessierte, dass die Bayern-Verantwortlichen (und wohl auch die meisten Fans) ohne zu zögern drei nationale Titel gegen einen Gewinn der Champions League eintauschen würden. Ein paar DFB-Pokale würden sie leichten Herzens mit dazupacken, sie haben ja genug. Nur zur Erinnerung: Als Hitzfeld im Sommer 2004 gehen musste - und die Bayern-Verantwortlichen seinerzeit noch soviel Wert auf das eigene Edel-Image legten, dass sie den verdienten Coach respektvoll zum Saisonende verabschiedeten -, da war überdeutlich geworden, dass der Club vor allem international stagnierte. Die Klasse des Teams, das zwischen 1999 und 2001 mit einem Finaleinzug, einem Halbfinale und schließlich dem Sieg in der Champions League glänzte, konnte nach dem Abgang von prägenden Figuren wie Stefan Effenberg, Giovane Elber und Lothar Matthäus nie mehr erreicht werden.

Mit Magath, der aus einem dahindümpelnden VfB Stuttgart ein begeisterndes Team der "jungen Wilden" geformt hatte, sollten sich die alten Erfolge wieder einstellen. Angesichts der bevorstehenden Weltmeisterschaft träumte Manager Hoeneß laut vom "FC Deutschland", der mit einem Traum-Mittelfeld aus Torsten Frings, Michael Ballack, Sebastian Deisler und Bastian Schweinsteiger das Gerüst der Nationalelf stellen und international für Furore sorgen sollte.

Doch dieser Plan scheiterte ebenso wie alle anderen Versuche des FC Bayern, zur europäischen Spitze aufzusteigen. Die Schuld daran nun auf Felix Magath abzuwälzen, scheint allzu billig - auch wenn bereits 2004 manche Zweifler anmerkten, ob denn der überraschende Erfolg mit Stuttgart tatsächlich als ausreichende Qualifikation taugte, um ein europäisches Klasseteam zu formen, dass auf Augenhöhe mit Barcelona statt mit Bremen spielen sollte. Das Kernproblem des FC Bayern aber ist ein anderes.

Die zögerliche Einkaufspolitik mit dem gebetsmühlenartigen Verweis auf eine solide Haushaltsführung und das allmählich nur noch als Symbol mangelnder Flexibilität taugende Festgeldkonto ist zwar mit Blick auf die abenteuerliche Finanzpolitik und die zweifelhaften Geldgeber mancher englischer, spanischer oder italienischer Clubs aller Ehren wert. Nur sollte das Realitätsbewusstsein dann auch soweit ausgeprägt sein, um zu erkennen, dass man so bei den sportlich Großen Europas vielleicht ab und an mal mitspielen darf, aber nie richtig dazugehören wird.

Stattdessen zerschlägt der FC Bayern zur Zeit in maßloser Selbstüberschätzung soviel Porzellan wie lange nicht mehr - allen voran Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge: Der ignoriert geflissentlich, dass man Spieler wie Michael Ballack oder den ungemein wertvollen Zé Roberto auch gegen Einwände des Trainers Magath hat ziehen lassen, ohne sich um passenden Ersatz zu kümmern - und tönt noch in diesen Tagen über "drittklassiges Spielermaterial" auf dem Transfermarkt, das es nicht wert sei, auch nur zum Probetraining eingeladen zu werden. Den zu Recht heiß umworbenen Miroslav Klose stieß Rummenigge noch heute mit der Aussage vor den Kopf, dass der es ja nicht wagen solle, einen langfristigen Vertrag mit dem Sportausrüster Nike zu unterschreiben - sonst "wäre das Thema FC Bayern damit wahrscheinlich erledigt". Man fragt sich, wer da eigentlich wen umwirbt.

Auch Hoeneß als Sinnbild des verhassten, aber ebenso respektierten FC Bayern hat zunehmend Schwierigkeiten, die eigenen Grenzen zu erkennen. Jüngst ließ er sich als letzter glühender Stoiber-Verehrer in ganz Bayern von Sabine Christiansen vorführen, zuvor verkündete er einmal mehr der ganzen Welt, dass sein Club, also er, jetzt aber wirklich mal bereit sei, richtig viel Geld für einen "Knaller" von Weltformat hinzulegen. Verpflichtet wurde dann Jan Schlaudraff von Alemannia Aachen.

Es mag das Missverhältnis zwischen Plänen und Ankündigungen sowie den darauf folgenden Taten gewesen sein, die offenbar zu einer immer tieferen Entfremdung zwischen Magath und den Bayern-Bossen geführt hat. Denn der manchmal allzu ruhig wirkende Coach legte bekanntlich allergrößten Wert auf eine solide Grundlagenarbeit und neigte nicht zu Höhenflügen. Mehr als einmal kritisierte Magath im kleinen Kreis die mangelhafte Professionalität vieler junger Spieler, die sich bereits am Ziel aller Träume wähnen, wenn sie das Trikot des "FC Hollywood" tragen. Dass er mit seiner sanften, aber oft beißenden Kritik nicht zum besten Freund der Spieler werden konnte, ist leicht nachvollziehbar.

Magath wollte sich aber auch gegenüber seinen Vorgesetzten nicht verbiegen - eine Eigenschaft, die ihn schon bei seinen bisherigen Vereinen trotz guter Resultate am Ende immer den Job kostete. Als er gestern öffentlich bekannte, dass die Meisterschaft abgehakt sei, übte er - ob gewollt oder nicht - Majestätsbeleidigung. Beim FC Bayern geht es immer um den Titel - und wenn nicht, dann dürfen das allenfalls Hoeneß oder Franz Beckenbauer aussprechen.

So gesehen war Magaths Rauswurf weniger eine Schadensbegrenzung als eine Machtdemonstration. Wer auch immer in der kommenden Saison Trainer des FC Bayern werden soll - er wird sich genau überlegen, ob er zu diesen Bedingungen wirklich in München arbeiten will.



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