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Mainz-Coach Tuchel: Der Wutmensch

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Seit neun Bundesliga-Spielen ist Mainz 05 ohne Sieg: Thomas Tuchel erlebt mit dem Überraschungsteam der Vorsaison die erste Krise. Der Trainer wirkt überfordert, wettert vehement gegen Schiedsrichter - und lenkt so von den eigentlichen Problemen ab.

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Mainz-Trainer Tuchel: "Ich fühle mich wohl damit, wie ich coache"

Es war ein sonniger Nachmittag in Freiburg. Die 20.600 Zuschauer sahen trotz eines torlosen ersten Durchgangs eine passable Partie. Nach dem Seitenwechsel schossen dann Marcel Risse und Eric Maxim Choupo-Moting Mainz 05 zu einem 2:1-Sieg beim Sportclub. Es war der 13. August. Seit jenem Samstag, dem zweiten Spieltag, hat der FSV kein Bundesliga-Spiel mehr gewonnen.

Der Absturz des Überraschungsteams aus dem Vorjahr nimmt kein Ende - und er zeigt Wirkung. Vor allem bei Thomas Tuchel. Der Trainer der Mainzer erging sich nach der 1:3 (1:1)-Pleite gegen Werder Bremen am Samstagabend erneut in seiner eigenen, recht einseitigen Fehlersuche. Die "fünfte krasse Fehlentscheidung" eines Schiedsrichters in dieser Saison sei es gewesen, die seinem Club beim Heimspiel gegen Werder erneut ein Gegentor eingebrockt habe.

Während der Partie hatte er sich bereits ausgiebig mit der vierten Offiziellen, Bibiana Steinhaus, am Spielfeldrand unterhalten, nach dem Schlusspfiff verließ der Coach schimpfend die Arena. Dass sich Tuchel über Referees und ihre Entscheidungen aufregt, ist nicht neu. Wohl aber die Vehemenz. Am Samstagabend lieferte er einen denkwürdigen Auftritt im ZDF-Sportstudio ab. "Diese Fehlentscheidungen in dieser Häufung sind einfach ein Thema. Die müssen aufhören. Die sollen richtig pfeifen, dann muss sich niemand aufregen", wetterte Tuchel, der mit der aktuellen Situation überfordert scheint.

Der erfolgsbesessene Trainer ist der Mann der Matchpläne, der jeden Gegner bis ins Detail analysiert und seine Mannschaft entsprechend einstellt. Mit diesem Rezept ist er in der vergangenen Saison sensationell Fünfter geworden. Im neuen Mainzer Stadion wurde Europacup gespielt - wenn auch nur kurz. Gleich nach dem Aus in der Qualifikation zur Europa League fing der Niedergang der 05er an, die die Abgänge der ehemaligen Leistungsträger André Schürrle (Bayer Leverkusen), Lewis Holtby (Schalke 04) und Christian Fuchs (Schalke 04) offenbar nicht verkraften können.

"Ich kann diesen Mist nicht mehr hören"

Das 1:0 nach Verlängerung im DFB-Pokal bei Hannover 96 am vergangenen Mittwoch war nicht der erhoffte Befreiungsschlag. Mit neun Punkten aus elf Bundesliga-Spielen liegt Mainz auf Rang 15 - und steckt mittendrin im Abstiegskampf. Die Clubführung stellt sich dabei hinter Tuchel. "Wir gehen mit Thomas Tuchel den gleichen Weg wie mit Jürgen Klopp. Wenn es gut läuft, läuft es gut. Wenn es schlecht läuft, läuft es schlecht", sagte Clubchef Harald Strutz und wirkte deutlich souveräner als Tuchel.

"Ich kann diesen Mist nicht mehr hören. Neun Wochen erzählen wir den gleichen Mist und im Endeffekt holen wir keinen Sieg", sagte der 38-Jährige. Am Samstag ärgerte ihn unter anderem ein vermeintliches Foul an Choupo-Moting vor dem 1:1 durch Bremens Claudio Pizarro, das nicht geahndet worden war. Der Peruaner hatte anschließend gleich mehrere Mainzer Gegenspieler vor sich, schaffte es aber dennoch, zum Ausgleich einzuschießen. Das war in der 29. Minute. Etwa eine Stunde hatten die Mainzer danach noch für den dritten Saisonsieg Zeit.

Dazu kam es nicht, weil der FSV derzeit die typischen Merkmale eines Abstiegskandidaten an den Tag legt. Das Team spielt meist gut, doch durch Unkonzentriertheiten in der Abwehr und eine schwache Chancenverwertung werden die Punkte verschenkt. "Die Situation ist nicht angenehm, aber die Saison ist zum Glück noch lang. Wir wissen, wie Abstiegskampf funktioniert", sagte Manager Christian Heidel.

Tuchel war derweil noch immer mit sich selbst beschäftigt. "Setzen Sie die Maßstäbe für richtiges Verhalten? Ich fühle mich wohl damit, wie ich coache", fuhr er im Sportstudio sein Gegenüber an. Als er sich etwas beruhigt hatte, fielen ihm immerhin noch zwei weitere Sätze ein: "Wir sollten mal anfangen zu gewinnen und uns zu belohnen. Wir müssen uns nun neu aufstellen, um neues Vertrauen zu bekommen." Die nächste Gelegenheit zum dritten Saisonsieg bietet sich Mainz am Freitagabend. Dann ist der Tabellensechste aus Stuttgart zu Gast.

Mit Material von sid und dpa

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1. ...
Rodri 30.10.2011
Der Tuchel ist mit Abstand der unsymphatischste Trainer überhaupt in der Bundesliga. Heult ständig wegen jeder angeblichen Fehlentscheidung rum... jeder Klub wirld mal hier, mal dort, benachteiligt, aber da kann man damit umgehen. Der Mann ist völlig überfordert mit seinem Job. Wahrscheinlich weiß er, dass es das bald war für ihn.
2. Authentischer Typ
Steerpike67 30.10.2011
Unsympathisch? Sicher nicht bei allen. "Polarisierend" ist wohl treffender. Für mich ist er immer noch einer der sympathischsten Trainer der Liga ... und ich bin Werderfan. Bei seiner Fouleinschätzung lag er jedoch falsch. Den Sokratis-Einsatz musste man nicht abpfeifen.
3. Hertha
Freifrau von Hase 30.10.2011
"die die Abgänge der ehemaligen Leistungsträger André Schürrle (Bayer Leverkusen), Lewis Holtby (Schalke 04) und Christian Fuchs (Schalke 04) offenbar nicht verkraften können." Gleiche Situation wie bei der Hertha vorletzte Saison. Die 3 besten Spieler weg, kein gleichwertiger Ersatz (wie auch) und aus den Europa Cup Rängen gehts im Sturzflug Richtung 2. Liga. Vor allem muss man jetzt das Saisonziel korrigieren. Es geht NUR um den Klassenerhalt. Alles andere ist ungesunde Träumerei, die den Blick fürs wesentliche trübt.....
4. .
alexbln 30.10.2011
naja war schon ein foul, was man pfeifen sollte- hatte aber nur bedingt mit dem tor zu tun- das lag eher an der grottigen abwehr und pizarros sonderklasse. mit den schirileistungen hat er aber recht- nicht nur auf mainz bezogen, sondern generell wird seit 2.3 jahren z.t. haarsträubend gepfiffen -ok das kann passieren. aber was noch schlimmer ist, selten sind die schiris kritikfähig.
5. Schade....
dirk.kunkel.ronnenberg 30.10.2011
Zu einem Tuchel fällt mir nur ein: "Hochmut kommt vor dem Fall." Es sieht derzeit danach aus, dass TT ein "One-hit-wonder" zu werden scheint. Angesichts der Charakterzüge, die er in jüngster Zeit offenbart hat, ist das aber auch nicht schade. Ich hoffe für seine Familie und sein Kind, dass er privat ein anderer Mensch ist.
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