Von Peter Ahrens
In Mainz haben sie wieder mal verloren, das dritte Mal nun nacheinander. Und das Wort von der Krise ist ganz schnell bei der Hand und hergeschrieben. "Es fehlt an allen Ecken und Enden etwas", sagt Trainer Thomas Tuchel nach der 0:1-Heimniederlage gegen Hannover. Ein so ehrgeiziger Trainer wie er kann damit nicht zufrieden sein. Aber: Krise ist etwas vollkommen anderes. Die durchlebt der 1. FC Köln gerade oder Schalke 04. In Mainz dagegen kehrt lediglich Normalität ein. Die Himmelsstürmer nehmen wieder Kontakt zum Boden auf.
Im Oktober waren sie schon Titelanwärter, so wie Borussia Dortmund jetzt im November. Während allerdings der BVB unter Jürgen Klopp nun im dritten Jahr gereift ist, ist Tuchel in Mainz erst mittendrin, ein Ensemble zusammenzustellen, das sich in der Liga auch oberhalb des Mittelmaßes festsetzen könnte.
Sie haben in den vergangenen Wochen schon einmal das süße Gefühl haben können, wie es ist, oben zu stehen. Die Elf hat es ausgekostet, manchmal bis zum Anschlag, wenn sich Lewis Holtby, André Schürrle und Adam Szalai als Boygroup der Liga stilisiert haben und sich im Aktuellen Sportstudio des ZDF von Moderatorin Kathrin Müller-Hohenstein haben feiern lassen wie tatsächliche Popstars. Letztlich sei ihnen das jedoch gegönnt. Sie sind jung, sie hatten den FC Bayern in dessen eigenem Stadion besiegt, sie haben sieben Ligaspiele am Stück gewonnen und den Bundesliga-Startrekord eingestellt. Da darf man schon ein bisschen abheben.
Tuchel ließ sich mitreißen
Auch Tuchel hat sich vom Rausch der frühen Erfolge mitreißen lassen. Als sein Matchplan wie das Neue Testament des modernen Fußballs belobigt wurde, hat ihm das durchaus gefallen. Er hat am Zaun mit den Fans gefeiert, als habe sich die Elf bereits für die Champions League qualifiziert. Tuchel hat sich damit den milden Spott erfahrenerer Kollegen eingefangen. Der Mainzer Coach ist ein kluger, junger Trainer, aber die Situation, mit der er und sein Team zuletzt konfrontiert waren, war auch für ihn vielleicht ein bisschen zu groß. "Wir spielen im Moment verkrampft", sagt der Trainer. Die Boygroup ist im Stimmbruch.
Mittlerweile ist man auf Platz drei abgerutscht, der veritable Vorsprung auf die Konkurrenz ist hinweggeschmolzen, und wenn es schlecht läuft, dann ist man in der Winterpause wieder da, wo ohnehin viele die Mainzer erwartet haben. Im breiten Mittelfeld der Tabelle, irgendwo zwischen Platz sechs und Rang 13.
Für das Team ist das keine Katastrophe, vielmehr ein pädagogischer Prozess. Spitzenmannschaft zu sein ist ein Lernvorgang. Oben zu bleiben, mit den gestiegenen Erwartungen von Fans und Öffentlichkeit umzugehen und sich ihnen auch mal zu versagen, das braucht zuweilen Jahre.
Das warnende Beispiel Hoffenheim
Hoffenheim hat das vor zwei Spielzeiten erfahren müssen. Die Mannschaft von Ralf Rangnick hielt sich nach der errungenen Herbstmeisterschaft für unwiderstehlich. Die Hoffenheim-Profis Marvin Compper und Tobias Weis wurden in die Nationalmannschaft berufen, Mäzen Dietmar Hopp galt manchen als Heilsbringer des Fußballs. Trainer Ralf Rangnick und der damalige Manager Jan Schindelmeiser taten wenig, die eigenen Spieler und die Erwartungen des Umfeldes zu erden und verwechselten Euphorie mit Überheblichkeit. Der Absturz in der dann folgenden Rückrunde war brutal, niemals zuvor hat ein Spitzenreiter nach der Hinrunde eine so schlechte Rückserie gespielt. Hoffenheim hat bis zum Beginn der laufenden Spielzeit gebraucht, diese Erfahrung aufzuarbeiten.
Mainz wird dieser Tage oft an das Beispiel Hoffenheim erinnert. Wie jetzt die 05er Schürrle und Holtby für das anstehende Länderspiel in Schweden (Mittwoch 20.30 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) waren vor zwei Jahren auch Compper und Weis quasi über Nacht zu Nationalspielern geworden. Es blieb allerdings, um im Bild zu bleiben, ein One-Night-Stand. Die beiden Hoffenheimer tauchten anschließend nicht mehr im DFB-Kader auf und spielen in den Planungen von Bundestrainer Joachim Löw längst keine Rolle mehr.
In Mainz ist in der Vorwoche wie überall in den entsprechenden Hochburgen der offizielle Karneval ausgerufen worden. Es ist eine Fußnote, dass ausgerechnet jetzt die tollen Tage des Mainzer Aufschwungs vorüberzugehen scheinen. Am Samstag steht das Auswärtsspiel bei der wiedererstarkten Borussia aus Mönchengladbach an, danach das schwere Heimspiel gegen den 1. FC Nürnberg, bevor es zum Erzrivalen Eintracht Frankfurt auf die andere Rheinseite geht. Alles Partien, die man in der gegenwärtigen Verfassung leicht verlieren kann. Die gegnerischen Teams, das hat das Hannover-Spiel deutlich gezeigt, haben keinen übermäßigen Respekt mehr vor der Tuchel-Elf, sie wird schon jetzt nicht mehr als Spitzenteam wahrgenommen.
In Mainz ist der Alltag eingekehrt. Jetzt feiern wieder die Narren, nicht mehr die Fußballfans.
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