Mainz rutscht ab: Bodenkontakt für die Himmelsstürmer

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Mainz 05 nähert sich wieder der Normalität an. Für ein paar Wochen war die Elf von Thomas Tuchel ein gefühlter Titelanwärter, mittlerweile ist die Euphorie verflogen. Für das Team ist das keine Katastrophe, sondern ein wichtiger Lernprozess.

Mainzer Abstieg: Down to Earth Fotos
AP

In Mainz haben sie wieder mal verloren, das dritte Mal nun nacheinander. Und das Wort von der Krise ist ganz schnell bei der Hand und hergeschrieben. "Es fehlt an allen Ecken und Enden etwas", sagt Trainer Thomas Tuchel nach der 0:1-Heimniederlage gegen Hannover. Ein so ehrgeiziger Trainer wie er kann damit nicht zufrieden sein. Aber: Krise ist etwas vollkommen anderes. Die durchlebt der 1. FC Köln gerade oder Schalke 04. In Mainz dagegen kehrt lediglich Normalität ein. Die Himmelsstürmer nehmen wieder Kontakt zum Boden auf.

Im Oktober waren sie schon Titelanwärter, so wie Borussia Dortmund jetzt im November. Während allerdings der BVB unter Jürgen Klopp nun im dritten Jahr gereift ist, ist Tuchel in Mainz erst mittendrin, ein Ensemble zusammenzustellen, das sich in der Liga auch oberhalb des Mittelmaßes festsetzen könnte.

Sie haben in den vergangenen Wochen schon einmal das süße Gefühl haben können, wie es ist, oben zu stehen. Die Elf hat es ausgekostet, manchmal bis zum Anschlag, wenn sich Lewis Holtby, André Schürrle und Adam Szalai als Boygroup der Liga stilisiert haben und sich im Aktuellen Sportstudio des ZDF von Moderatorin Kathrin Müller-Hohenstein haben feiern lassen wie tatsächliche Popstars. Letztlich sei ihnen das jedoch gegönnt. Sie sind jung, sie hatten den FC Bayern in dessen eigenem Stadion besiegt, sie haben sieben Ligaspiele am Stück gewonnen und den Bundesliga-Startrekord eingestellt. Da darf man schon ein bisschen abheben.

Tuchel ließ sich mitreißen

Auch Tuchel hat sich vom Rausch der frühen Erfolge mitreißen lassen. Als sein Matchplan wie das Neue Testament des modernen Fußballs belobigt wurde, hat ihm das durchaus gefallen. Er hat am Zaun mit den Fans gefeiert, als habe sich die Elf bereits für die Champions League qualifiziert. Tuchel hat sich damit den milden Spott erfahrenerer Kollegen eingefangen. Der Mainzer Coach ist ein kluger, junger Trainer, aber die Situation, mit der er und sein Team zuletzt konfrontiert waren, war auch für ihn vielleicht ein bisschen zu groß. "Wir spielen im Moment verkrampft", sagt der Trainer. Die Boygroup ist im Stimmbruch.

Mittlerweile ist man auf Platz drei abgerutscht, der veritable Vorsprung auf die Konkurrenz ist hinweggeschmolzen, und wenn es schlecht läuft, dann ist man in der Winterpause wieder da, wo ohnehin viele die Mainzer erwartet haben. Im breiten Mittelfeld der Tabelle, irgendwo zwischen Platz sechs und Rang 13.

Für das Team ist das keine Katastrophe, vielmehr ein pädagogischer Prozess. Spitzenmannschaft zu sein ist ein Lernvorgang. Oben zu bleiben, mit den gestiegenen Erwartungen von Fans und Öffentlichkeit umzugehen und sich ihnen auch mal zu versagen, das braucht zuweilen Jahre.

Das warnende Beispiel Hoffenheim

Hoffenheim hat das vor zwei Spielzeiten erfahren müssen. Die Mannschaft von Ralf Rangnick hielt sich nach der errungenen Herbstmeisterschaft für unwiderstehlich. Die Hoffenheim-Profis Marvin Compper und Tobias Weis wurden in die Nationalmannschaft berufen, Mäzen Dietmar Hopp galt manchen als Heilsbringer des Fußballs. Trainer Ralf Rangnick und der damalige Manager Jan Schindelmeiser taten wenig, die eigenen Spieler und die Erwartungen des Umfeldes zu erden und verwechselten Euphorie mit Überheblichkeit. Der Absturz in der dann folgenden Rückrunde war brutal, niemals zuvor hat ein Spitzenreiter nach der Hinrunde eine so schlechte Rückserie gespielt. Hoffenheim hat bis zum Beginn der laufenden Spielzeit gebraucht, diese Erfahrung aufzuarbeiten.

Mainz wird dieser Tage oft an das Beispiel Hoffenheim erinnert. Wie jetzt die 05er Schürrle und Holtby für das anstehende Länderspiel in Schweden (Mittwoch 20.30 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) waren vor zwei Jahren auch Compper und Weis quasi über Nacht zu Nationalspielern geworden. Es blieb allerdings, um im Bild zu bleiben, ein One-Night-Stand. Die beiden Hoffenheimer tauchten anschließend nicht mehr im DFB-Kader auf und spielen in den Planungen von Bundestrainer Joachim Löw längst keine Rolle mehr.

In Mainz ist in der Vorwoche wie überall in den entsprechenden Hochburgen der offizielle Karneval ausgerufen worden. Es ist eine Fußnote, dass ausgerechnet jetzt die tollen Tage des Mainzer Aufschwungs vorüberzugehen scheinen. Am Samstag steht das Auswärtsspiel bei der wiedererstarkten Borussia aus Mönchengladbach an, danach das schwere Heimspiel gegen den 1. FC Nürnberg, bevor es zum Erzrivalen Eintracht Frankfurt auf die andere Rheinseite geht. Alles Partien, die man in der gegenwärtigen Verfassung leicht verlieren kann. Die gegnerischen Teams, das hat das Hannover-Spiel deutlich gezeigt, haben keinen übermäßigen Respekt mehr vor der Tuchel-Elf, sie wird schon jetzt nicht mehr als Spitzenteam wahrgenommen.

In Mainz ist der Alltag eingekehrt. Jetzt feiern wieder die Narren, nicht mehr die Fußballfans.

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Forum - Meisterschaftskampf - können der BVB und Mainz um den Titel mitspielen?
insgesamt 365 Beiträge
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    Seite 1    
1. .
Andr.e 01.11.2010
Dortmund ist auf eine guten Weg und steht nicht unverdient dort oben. Schafft man es, den Abstand zu Bayern zu halten oder bis zur Winterpause noch zu vergrößern, stehen die Chancen sicher nicht schlecht. Mainz traue ich den ganz großen Wurf nicht zu. Aber auch hier gilt: Schafft man es, bis zur Winterpause oben zu bleiben, so könnte der Europacup durchaus drin sein. Das wäre für die Mannschaft ein Riesenerfolg und Bestätigung der Arbeit der letzten Jahre.
2. Na logo Kloppo...
Wellenstein 01.11.2010
...denn Gier ist gut!
3.
Putzer 01.11.2010
Zitat von sysopZwei Überraschungsteams stehen an der Spitze der Bundesliga. Können BVB und FSV auch im Mai 2011 feiern - oder holt letztlich doch wieder der FC Bayern den Titel?
Ich denke schon, dass Mainz und der BVB im Mai 2011 allen Grund zum feiern haben werden. Ob es für einen der beiden Vereine zur Meisterschaft reicht, ist eine ganz ander Frage. Falls der BVB so weiterspielt wie im Moment, stehen die Chancen des BVB nicht schlecht. Unter dieser Voraussetzung könnte der BVB aus eigener Kraft Meister werden - egal wie gut die Bayern noch spielen. Das halte ich allerdings für nicht sehr wahrscheinlich. Irgendwann kommt auch beim BVB ein Leistungseinbruch. Sei es infolge der hohen körperlichen Belastung, sei es bedingt durch Verletzungspech oder aus anderen Gründen. Die Frage ist dann, wie der BVB mit einem solchen Leistungseinbruch umgeht - und wie lange dieser dauert. Wenn der BVB danach wieder schnell die Kurve kriegt, könnte Dortmund tatsächlich Meister werden. Für eine abschließende Einschätzung ist es nach dem 10. Spieltag noch zu früh. Mainz wird wohl noch eine ganze Weile oben mitspielen. Am Ende der Saison tippe ich auf einen Platz zwischen 5 und 7. Für die Meisterschaft kommt Mainz trotz einer bisher erstklassigen Leistung wohl noch nicht in Frage. Und die Bayern? Aus eigener Kraft werden sie nicht mehr Meister. Sie haben nur dann noch eine echte Chance, wenn die anderen Vereine wie Mainz oder der BVB "schwächeln" bzw. sich zu dumm anstellen. Dieses Glück hatten die Bayern schon oft genug. Ich persönlich hoffe, dass wir am Ende der Saison einen Meister haben, der nicht FC Bayern München heißt ... ;-)
4. Auf Thema antworten
MaXimumOwn 01.11.2010
Zitat von PutzerUnd die Bayern? Aus eigener Kraft werden sie nicht mehr Meister. Sie haben nur dann noch eine echte Chance, wenn die anderen Vereine wie Mainz oder der BVB "schwächeln" bzw. sich zu dumm anstellen. Dieses Glück hatten die Bayern schon oft genug.
Was hat das bitte mit Glück zu tun wenn andere scheitern bzw. verlieren und der FCB nicht ? .... Dann liegt es wohl eher am Unvermögen der anderen wenn Sie ihren Vorsprung und ihre Leistung nicht über einen gewissen Zeitraum halten können. Ich für meinen Teil wünsche sowohl Mainz als auch dem BVB maximalen Erfolg - selbst wenn es die Meisterschaft sein sollte. Wer guten attraktiven Fußball spielt und die Fans unterhalten kann, der soll auch am Ende die Schale in den Händen halten.
5. Gutes Interview!
AKI CHIBA 01.11.2010
Dachte eigentlich Klopp sei so ein wenig Proll+Show. Was er hier von sich gab, beweist pädagogische Fähigkeiten, die man so manchem Lehrer wünschen würde. Auch gewisse Integrationsphilosophen könnten was lernen von dem Mann. Dufte: Die Berkung zu Kagawa!
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