Von Benjamin Knaack
Hamburg/London - Eigentlich war es schon gelaufen, das Spiel, die Meisterschaft, alles. In der 90. Minute lag Manchester City 1:2 gegen die Queens Park Rangers zurück, der Titel schien weit entfernt. Die City-Fans warfen ihre Schals frustriert zu Boden, Coach Roberto Mancini versuchte sichtlich genervt mit letzten Anweisungen noch Einfluss auf sein Team zu nehmen. City war drauf und dran, den Titel gegen einen Abstiegskandidaten zu verspielen.
Doch dann brach der blaue Wahnsinn los.
Zunächst glich der frühere Bundesligaspieler Edin Dzeko zum 2:2 aus (90.+1 Minute). Doch der eine Punkt war immer noch nicht genug für den Titel, da Erzrivale Manchester United 1:0 gegen Sunderland gewonnen hatte. Erst Sergio Agüero sorgte für das Wunder: Mario Ballotelli passte im Liegen auf den argentinischen Nationalspieler, dieser schob in der 93. Minute zum 3:2 ein - das ganze Stadion lag sich jubelnd in den Armen.
Durch den Sieg in letzter Minute hat sich ManCity zum ersten Mal seit 44 Jahren wieder die englische Meisterschaft gesichert. 1968 war City zuletzt Titelträger, vor zwölf Jahren dümpelte der Club noch in der zweiten Liga herum. "Ich habe niemals aufgehört, an den Sieg zu glauben", sagte City-Kapitän Vincent Kompany nach dem Spiel: "Das Tor von Edin hat mich an so viele andere Momente in dieser Saison erinnert, in denen wir zurückgekommen sind. Es gab keinen Grund zu zweifeln."
Acht Tore bringen den Titel
Der mit den Millionen des Scheichs Mansour Bin Zayed al-Nahyan ausgestattete Club ist nun da angekommen, wo man nach dem Einstieg des Investors 2008 hinwollte: an der Spitze. Und, was fast ebenso wichtig für die Citizens ist: vor dem Lokalrivalen United. Denn der hatte nach der furiosen Aufholjagd das Nachsehen. Zwar haben beide Teams 89 Punkte, doch ManCity hat in der Abschlusstabelle die um acht Tore bessere Tordifferenz.
"Ich habe noch nie ein solches Finale gesehen. So zu gewinnen ist unglaublich", sagte Mancini, der seit 2009 bei City ist und aus den schwierigen Stars ein funktionierendes Team geformt hat. "Es ist phantastisch für den Club und die Fans. Es war eine verrückte Saison und eine verrückte letzte Minute."
Beide Manchester-Teams hatten sich über die Saison ein spannendes Meisterrennen geliefert. Lange Zeit hatte City die Tabelle angeführt, doch dann kam ein Einbruch. Am 32. Spieltag lag United acht Punkte in Führung, alles schien auf die Titelverteidigung hinauszulaufen. Doch die "Red Devils" leisteten sich ebenfalls eine Krise - und ließen City Punkt für Punkt wieder heranrücken.
City-Fans stürmen nach Abpfiff den Platz
Die beiden direkten Duelle hatte City in dieser Saison gewonnen. Im Hinspiel gab es einen historischen Sieg, eine Vorführung: 6:1 siegte der Mancini-Club gegen United. Ende April gewann City dann auch noch das zweite Saisonspiel 1:0. Nur im Pokal konnte das Team von Trainer Alex Ferguson triumphieren.
Auch am letzten Spieltag waren alle Augen auf das Duell der beiden Top-Clubs gerichtet. Zunächst hatte United-Angreifer Wayne Rooney in der 20. Minute per Kopf in Sunderland getroffen und die Citizens unter Druck gesetzt. Als dann Citys argentinischer Abwehrspieler Pablo Zabaleta zum 1:0 (39.) traf, schien dann doch noch alles zu Citys Gunsten zu laufen.
Aber dann traf Djibril Cissé nach der Pause zum Ausgleich (48.). City konnte auch aus einer Überzahl nach einer Roten Karte gegen Joey Barton, der wegen einer Tätlichkeit gehen musste (55.), keinen Profit schlagen. Stattdessen kassierte der Club sogar noch das 1:2 durch Jamie Mackie (66.). Der Titel schien verspielt, ehe Dzeko und Agüero noch für den Sieg sorgten.
Viele United-Fans hatten zu diesem Zeitpunkt schon die Meisterschaft gefeiert, umso stiller wurde es, als sich das Endergebnis des Lokalrivalen verbreitete: "Das war brutal. Aber Gratulation an unsere Nachbarn. Das ist ein phantastischer Erfolg für sie. Und jeder, der diesen Titel gewinnt, hat ihn verdient", sagte United-Trainer Ferguson.
Nach dem Abpfiff hielt es viele der City-Zuschauer nicht mehr auf ihren Sitzen. Sie stürmten auf dem Platz, jubelten, fielen weinend zu Boden oder versuchten, einem der begehrten Helden um den Hals zu fallen. Das Sicherheitspersonal musste die City-Profis aus der Menschenmenge befreien.
Als der Platz dann wieder geräumt war, konnte die Übergabe der Premier-League-Trophäe vonstatten gehen. Kapitän Kompany reckte sie in die Luft. "Es war wichtig, dass wir die Meisterschaft endlich einmal gewonnen haben", sagte Mancini nach dem Spiel: "Manchester City steht nun vor einer großen Zukunft."
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