Manchester Uniteds Alex Ferguson Der größte Vereinstrainer der Welt

26 Jahre bei Manchester United, 13 Meisterschaften, zwei Champions-League-Titel: Alex Ferguson prägte den Premier-League-Club wie niemand vor ihm - dabei wäre der Schotte fast beim Erzfeind FC Arsenal gelandet.

REUTERS

Von


Das Gesicht vor Anspannung gerötet, die Kiefer einen Kaugummi traktierend, die Hände in den Manteltaschen vergraben: So kennt man Sir Alex Ferguson, und es fällt schwer, sich vorzustellen, dass man den Schotten bald nicht mehr an der Seitenlinie sehen wird. Nach 26 Jahren als Trainer von Manchester United macht er Schluss.

Nicht nur der Verein, ganz Großbritannien reagiert bestürzt über die Entscheidung des 71-Jährigen. Als "Pate" bezeichnete ihn einst sein ehemaliger Assistent Steve McClaren. Der Club selbst ehrt Ferguson als den "Schöpfer" des Erfolges. Und Ferguson selbst? Der bleibt sich bis zuletzt treu und spricht schlicht vom "richtigen Zeitpunkt", um aufzuhören.

26 Jahre beim gleichen Verein sind im Weltfußball mehr als eine Ära, selbst Werder-Dauer-Coach Thomas Schaaf (seit 1999 Trainer) wirkt im Vergleich wie ein Kurzarbeiter. Doch abgenutzt hat sich "Fergie" in all den Jahren nicht: Seinen ersten Titel mit Manchester gewann er 1990 (FA Cup), in diesem Jahr holte sein Team die 13. Meisterschaft seiner Führung.

Dass aus Alex Ferguson mal der vielleicht größte Vereinstrainer in der Geschichte des Weltfußballs werden sollte, hatte sich nicht unbedingt angedeutet. Der Zweite Weltkrieg tobte, als Ferguson am Silvestertag 1941 als Sohn eines Werkzeugmachers im Werft-Distrikt Govan, südwestlich von Glasgow, geboren wurde.

Nicht zuletzt dank seiner ungezählten Sprüche und seiner Wutausbrüche an der Seitenlinie bewahrte sich Ferguson das Image des Arbeiterkinds selbst als Multimillionär, dessen Hobbys die Pflege seines berüchtigten Weinkellers und seiner Rennpferde sind. Allem Ruhm zum Trotz pflegt er noch heute die engsten Freundschaften zu Männern, die er seit dem Kindergarten kennt. "Die Liebe zu Govan ist genauso grenzenlos wie die Liebe zu meinen Eltern", schreibt Ferguson in seiner Autobiografie.

Fotostrecke

18  Bilder
Alex Ferguson: Ein Mann, Dutzende Titel
Seine dritte große Liebe war auch schnell gefunden: der Fußball. Der Spieler Ferguson war ein gefürchteter Mittelstürmer, der es bis in die schottischen Nachwuchsteams schaffte. Auf Vereinsebene gab er 1960 beim St. Johnstone FC sein Debüt in der ersten schottischen Liga, bei Dunfermline Athletics wurde er mit 31 Ligatreffern sogar Torschützenkönig. Als 25-Jähriger wechselte Ferguson dann für 65.000 Pfund, damals Rekordsumme zwischen zwei schottischen Clubs, zu den Glasgow Rangers, ehe er seine aktive Laufbahn Anfang der Siebziger dann beim Falkirk FC und Ayr United ausklingen ließ.

Doch die Karriere des Spielers Ferguson verblasst vor seinen Triumphen als Trainer. Bereits als 32-Jähriger übernahm Ferguson den Zweitligisten East Stirlingshire, später machte er beim FC St. Mirren auf sich aufmerksam, den er mit spektakulärem Offensivfußball in die erste Liga führte. Schon damals zeichnete ihn vor allem eines aus: das Einfordern totaler Disziplin von seinen Spielern. Der Stirlingshire-Stürmer Bobby McCulley erinnerte sich später an den jungen Coach: "Er hat uns Angst gemacht. Alles war auf seine Ziele ausgerichtet." Als Ferguson später Manchester übernahm, hielt er zunächst nur eine kurze Antrittsrede: Die Spieler sollten gefälligst ihre Saufgelage einstellen, für die die Mannschaft einen zweifelhaften Ruf genoss.

Beinahe wäre Ferguson nicht bei den "Red Devils" gelandet - sondern ausgerechnet bei seinem späteren Erzfeind, dem FC Arsenal. Im Januar 1986 war Ferguson als Interims-Coach der schottischen Nationalmannschaft in Israel zu einem Freundschaftsspiel, als er seinen Assistenten Walter Smith um ein Gespräch bat. Er habe ein Angebot der Londoner erhalten, sagte Ferguson, und er wolle ihn, Smith, gerne mitnehmen. Smith aber stand schon bei den Glasgow Rangers im Wort. Ferguson sagte den Gunners ab - und fing am 6. November 1986 bei Manchester United an.

Ehefrau Cathy sträubte sich - doch Alex Ferguson wollte zu United

Erst einen Tag vorher hatte Ferguson, damals Teammanager des FC Aberdeen, den er 1983 sensationell zum Sieg im Europapokal der Pokalsieger geführt hatte, das Angebot der "Red Devils" erhalten. Seine Ehefrau Cathy wollte Schottland eigentlich nicht verlassen. Doch Ferguson überzeugte Cathy von den Vorzügen der Industriestadt im Nordwesten Englands, obwohl er dort weniger als bei Aberdeen verdienen sollte.

Am 6. November 1986 begann die Amtszeit von Alex Ferguson bei United. Seitdem hat Bayern München 17-mal den Trainer gewechselt, Real Madrid gar 26-mal. Nur Ferguson war immer da. Dabei hatte er seinen Rücktritt schon mehrmals angekündigt: "Am Ende der Saison ist Schluss", sagte er 2002, doch Cathy überredete ihn damals zum Weiterzumachen. Dann war er sich sicher: "Wenn mein Vertrag 2005 ausläuft, ist es vorbei." 2007 legte Ferguson sich fest: "Noch drei Jahre - dann ist es vorbei." Einmal aber stand er tatsächlich vor dem Abschied bei Manchester United: Als er 1994 erfuhr, dass Trainer George Graham bei Arsenal doppelt so viel verdiente wie er, wollte er hinschmeißen.

Als er Manchester United 1999 zum Triple führte, gekrönt vom dramatischen Sieg im Champions-League-Finale 1999 in Barcelona gegen den FC Bayern (2:1), wurde Ferguson von der Queen zum Ritter geschlagen. Es folgte noch ein zweiter Champions-League-Titel - 2008 gegen den FC Chelsea - für den Sir.

Der Govan-Boy als Sir - verändern konnte aber auch die Titel Ferguson nicht, auf seine Wutausbrüche war weiter Verlass. Ein Journalist, der ihn seit Jahrzehnten kennt, berichtete einmal von einem Telefonat mit dem ziemlich lautstarken und aufgebrachten Schotten: "Nach zehn Minuten begann der Hörer zu schmelzen. Als das Gespräch beendet war, musste mein Ohr operativ entfernt werden."

Der Poster-Boy David Beckham musste nach einem Ausraster von Ferguson sogar genäht werden: Der Trainer kickte wutentbrannt einen Schuh durch die Kabine und traf Beckham am Auge - Platzwunde. Ferguson sagte nur: "Flickt ihn verdammt noch mal zusammen!"

Auch auf die Schiedsrichter drosch er mehr als genug ein, weit über 100.000 Euro Strafe musste er in bald 27 Jahren zahlen. Bei Rückständen forderte er die Unparteiischen regelmäßig auf, minutenlang nachspielen zu lassen. "Fergie Time" wird das in England genannt - die Zeit, die angehängt werden muss, bis United noch gewinnt. Nun ist die "Fergie Time" in Manchester endgültig abgelaufen, und verloren hat diesmal die gesamte Fußball-Welt.

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.