Manchester United Der frustrierendste Verein der Premier League

Old Trafford, Ryan Giggs, das Champions-League-Finale 1999: Manchester United ist ein faszinierender Klub - Fan zu werden, ist allerdings schwer, weiß unser England-Kolumnist Hendrik Buchheister.

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An den Morgen des 27. Mai 1999 kann ich mich noch gut erinnern. Mein bester Freund begrüßte mich in der Schule mit drei Worten. Diese drei Worte waren: "Sag jetzt nichts!"

Er war Fan des FC Bayern - und er trug Trauer. Sein Verein hatte am Vorabend das Finale der Champions League verloren, auf dramatischste Weise. 1:2 gegen Manchester United, durch zwei Gegentore in der Nachspielzeit. Ich war eher kein Fan des FC Bayern und hielt auch nichts von dem Konzept, dass man im Europapokal immer für die deutsche Mannschaft sein müsse. Ich war für Manchester United und habe mich über das Endspiel-Ergebnis gefreut.

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Manchester United: Legendär

Das Theater der Träume vor der Haustür

Als ich jung war und so langsam eine Ahnung davon bekam, dass es neben der Bundesliga auch Fußball im Ausland gab, war Manchester United für mich der faszinierendste Verein überhaupt. Wegen des Old Trafford, über das ich gelesen hatte, dass es Theater der Träume genannt wird, wegen Spielern wie Peter Schmeichel, David Beckham, Ryan Giggs, Andy Cole und Dwight Yorke - und wegen des Champions-League-Finals 1999 gegen den FC Bayern.

Mittlerweile wohne ich selbst in Manchester, ich habe den Verein jetzt sozusagen vor meiner Haustür. Beziehungsweise: In meinen ersten Wochen in Manchester hatte ich ihn wirklich vor meiner Haustür. Von meiner ersten Unterkunft waren es zu Fuß nur rund zehn Minuten zum Old Trafford. Ich bin fast jeden Tag dort hinspaziert und konnte mein Glück kaum fassen, am Theater der Träume angekommen zu sein. Auch am Theater meiner Träume.

Mourinho im Video: "Ich als Fan würde nicht zu diesen Spielen kommen"

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Meine Faszination für Manchester United, für das Stadion, die großen Spieler und die Aura des Klubs, ist seitdem ungebrochen. Aber es ist eine Faszination auf Abstand geblieben. Ich habe es bislang nicht geschafft, wirklich Fan zu werden, also so, dass ich mich bei Siegen freue und bei Niederlagen leide.

Zum einen liegt das natürlich daran, dass man nicht einfach Fan werden kann. Man kann sich seinen Verein nicht aussuchen wie ein neues paar Schuhe. Zum anderen tut der Klub im Moment auch wirklich wenig dafür, um meine Zuneigung - nein: um die Zuneigung von irgendjemandem zu gewinnen. Es ist im Moment schwer, Fan von Manchester United zu werden.

Paul Pogba
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Paul Pogba

Trainer José Mourinho ist immer schlecht gelaunt. Wenn man hört, wie er über seine Mannschaft spricht, könnte man auf die Idee kommen, er müsste sich mit einer Auswahl aus Kneipenfußballern durchschlagen, obwohl er Profis wie David De Gea, Paul Pogba, Alexis Sánchez und Romelu Lukaku zur Verfügung hat. Der Fußball, den er spielen lässt, ist auf Verhinderung und Zerstörung ausgerichtet. Am Montag geht es gegen Tottenham Hotspur (21 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE; TV: DAZN). Das ist eher eine Mannschaft, die so spielt, wie man es sich von United wünschen würde.

Ein so großer Klub, der sich so klein macht

Die Spiele von Manchester United sind aufgrund der Spielweise oft triste Veranstaltungen. Im vergangenen Jahr zum Beispiel, zwischen Weihnachten und Silvester, hat mich ein Freund mit zum Heimspiel gegen Southampton genommen. Es war mein erstes Spiel im Old Trafford, das ich nicht auf der Pressetribüne gesehen habe, sondern als normaler Zuschauer. Entsprechend groß war meine Vorfreude. Am Ende stand es 0:0, meine Füße hatten sich in Eisklumpen verwandelt und mein Freund hatte fast das Bedürfnis, sich bei mir zu entschuldigen für den freudlosen Ausflug.

Brighton gegen Manchester
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Brighton gegen Manchester

Am vergangenen Wochenende hat Manchester United auswärts gespielt, bei Brighton and Hove Albion. Ich habe mir das Spiel in einer Kneipe in der Innenstadt angeschaut und wollte, dass United gewinnt. Ich fände es spannend, wenn der Klub ein echter Konkurrent für Manchester City im Kampf um die Meisterschaft wäre. Doch United spielte miserabel und verlor 2:3. Das klingt knapper, als es eigentlich war. Das zweite Tor für Manchester fiel in der fünften Minute der Nachspielzeit, es hatte keine Bedeutung mehr.

Die Leute verließen die Kneipe zügig und wortlos. Und ich dachte mir, dass Manchester United der vermutlich frustrierendste Verein im englischen Fußball ist. Einfach wegen der Diskrepanz zwischen dem, was er doch eigentlich ist und wie er im Moment auftritt. Weil er ein so großer Klub ist, der sich so klein macht. Und weil ich schon immer fasziniert von ihm war - und trotzdem kein Fan werden kann.

insgesamt 9 Beiträge
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Nutzvieh 27.08.2018
1. Mein Beileid
Ich denke, als Arsenalsympathisant und als Herthafan kann ichs zwar ansatzweise nachvollziehen, aber Manchester United ist ja nicht mal in der PL der frustrierendste Verein. Und von meiner Hertha in der Bundesliga will ich gar nicht erst anfangen. Wenn sie noch kein Fan sind, können sie ja zum Beispiel noch Fan von Fulham oder Brighton & Hove werden. Da gehören z.B. Titel eher weniger dazu.
Karlsson auf dem Dach 27.08.2018
2. Ein Tipp: Komm nach Anfield
Welcome to Liverpool! Komm rüber zum LFC, Hendrik! Ist nur eine Stunde mit dem Zug und da bist du garantiert in kürzester Zeit infiziert - so wie ich und viele andere ausländische Fans :)
halverhahn 27.08.2018
3. Seit der Ära Alex Ferguson ist ManU am Boden
Seitdem hat ManU auch kein glückliches Händchen mehr mit Trainern und Spielertransfers. So ist das halt. Daneben sind mE diese 3-4 Top-Clubs wie Chelsea, ManCity und auch Arsenal, neben ManU, auch seit Jahren nicht mehr mit typisch englischem herzerfrischendem Fußball aufgefallen. Ausländische Trainer mit ihren jeweiligen eng-taktischen Ausrichtungen, diverse nicht-englische Spieler haben ein weiteres dazu beigetragen, dass extrem viele Spiele in der Premier League total langweilig und völlig un-englisch ablaufen. Letztlich verkommen diese engl. Traditionsvereine zu Söldner-Clubs. Wer da von den top Clubs noch mega positiv heraus ragt, ist Liverpool mit Klopp als Coach. Der hat da ne gesunde Mischung zwischen typisch englischem Attraktivitätsfussball mit moderner Taktik-Ausrichtung durchgesetzt!
schehksbier 27.08.2018
4. @ halverhahn
Die englischen Vereine verkommen nicht zu Söldner-Clubs, sie sind es längst. Trotzdem, ich sehe gerade, wie der Maurinho mit seinen Red Devils 3:0 im eigenen Stadion abgeledert wird - trotz Söldner ein sehr unterhaltsames Spiel!
Stäffelesrutscher 27.08.2018
5.
Pünktlich zum Artikel hat ManU 0:3 gegen Tottenham verloren. Und ja, ich weiß auch noch, was ich am 26. Mai 1999 gemacht habe ...
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