Von Rafael Buschmann
Fußball ist Religion. Fußball ist Herz. Fußball ist Spannung. So sehen es zumindest etliche Fans der populärsten Sportart der Welt. Und gehen deshalb ins Stadion, zahlen für teure Tickets, spenden für in Not geratene Clubs und verausgaben sich bei Auswärtsfahrten. Sie lieben den Sport, lieben das Unvorhersehbare. Doch gerade das ist es, was dem Fußball in den vergangenen Monaten mehr und mehr abhandengekommen ist.
In Italien wird das nationale Sportidol Giuseppe Signori von Polizeibeamten aus der Wohnung geführt und zum Verhör aufs Präsidium gebracht. Ihm wird in der über 600 Seiten langen Ermittlungsakte mehrfach der Kontakt zu vermeintlichen Hintermännern aus der albanischen Mafia unterstellt. Gemeinsam sollen sie zahlreiche Profispiele manipuliert haben. "Beppe-Goal", wie der 188-fache Torschütze der Serie A genannt wird, streitet die Vorwürfe ab.
Genau wie Thomas Cichon, Ex-Profi des VfL Osnabrück, den vier Beschuldigte im Wettskandalprozess um Ante Sapina der Manipulation von Zweitligaspielen bezichtigten.
Mittlerweile hat die Staatsanwaltschaft Bochum nach SPIEGEL-ONLINE-Informationen eine Täterakte über Cichon erstellt, die seinem Anwalt überreicht wurde. Mit einer Anklage gegen den ehemaligen Verteidiger kann dadurch mit hoher Wahrscheinlichkeit gerechnet werden, zumal der Staatsanwalt Andreas Bachmann ankündigte "in naher Zukunft auch Profifußballer anzuklagen."
Zehn Spieler in Südkorea zu lebenslangen Strafen verurteilt
Doch die schmutzigen Machenschaften von Spieledrehern, Manipulateuren und Match-Fixern hören an dieser Stelle noch lange nicht auf. In Südkorea wurden am Freitag zehn Spieler zu einer lebenslangen Strafe wegen Manipulationsbetrugs verurteilt, zwei Aktive nahmen sich kurz zuvor deshalb sogar das Leben. Auch dem Schiedsrichter Ibrahim Chaibou könnte eine Strafe drohen. Der Referee aus dem Niger hat beim Spiel Nigeria gegen Argentinien ohne ersichtlichen Grund acht Minuten Nachspielzeit verhängt und als selbst dann noch kein weiteres Tor fallen wollte, entschied er mehr als fragwürdig auf einen Handelfmeter, der Argentinien zur Ergebniskorrektur von 1:4 verhalf. Gleichzeitig explodierten die Quoten auf dem asiatischen Markt, horrende Geldbeträge wurden auf ein argentinisches Tor in der Nachspielzeit gesetzt.
Die Fifa reagierte in diesem Fall umgehend, vernahm Chaibou und stellte dabei fest, dass der Referee scheinbar einen Hang zu problematischen Spielen hat. Im Mai 2010 entschied er beim 5:0 für Südafrika über Guatemala auf drei südafrikanische Elfmeter, im gleichen Jahr pfiff er auch das Spiel Bahrain gegen Togo, bei dem im Nachhinein festgestellt wurde, dass da statt der togolesischen Nationalmannschaft eine Amateurmannschaft mit vermeintlichen Togolesen auflief. Die eingesetzten Spieler seien jedoch "nicht mal fit genug gewesen, um 90 Minuten durchzuspielen", grantelte Bahrains österreichischer Trainer Josef Hickersberger, der togolesische Verband hingegen behauptet, im Vorfeld nichts von einem solchen Spiel gewusst zu haben. Auch Chaibou bestreitet, etwas mit dem gefälschten Spiel oder anderweitigen Manipulationen zu tun gehabt zu haben.
Ungeklärt bleibt bislang jedoch seine Nähe zur Singapurer Vermarktungsfirma "Football for U", die die Spiele organisiert haben soll. Exakt die gleiche Firma, die im Februar dieses Jahres gemeinsam mit der Firma "Footy Sport International" im türkischen Antalya die Länderspiele Bolivien gegen Lettland und Estland gegen Bulgarien veranstaltet hat. In beiden Partien fielen zusammen sieben Tore, alle wurden per Elfmeter erzielt. Ein Strafstoß wurde dabei sogar wiederholt, weil der Ball nicht im Netz zappelte. Mittlerweile sind zwei Köpfe der beiden Firmen inhaftiert und warten auf ihre Prozesse, die Firmen hingegen haben ihre Homepages abgeschaltet und sind auch in offiziellen Melderegistern nicht wiederzufinden.
"In Singapur scheint es eine Ausbildungsanstalt für Manipulateure zu geben"
Doch wie groß ihr vermeintlicher Einfluss tatsächlich war, lässt sich kaum messen. Denn mit ihrer Inhaftierung endete scheinbar die Verschiebepraxis nicht. Im Gegenteil.
Vor wenigen Tagen, während des nord- und mittelamerikanischen sowie karibischen Pendants zur Europameisterschaft, dem Gold Cup, sollen nach Informationen von SPIEGEL ONLINE drei weitere Spiele in den Fokus von Interpol, der Fifa sowie des austragenden Verbandes Concacaf geraten sein. Bei allen drei Begegnungen explodierten die Quoten auf dem asiatischen Wettmarkt, insbesondere wurden sogenannte Übertore-Wetten gezockt. Dabei geht es darum, dass eine Mannschaft eine besonders hohe Trefferzahl erzielt. Zwei Spiele endeten 5:0, eines 4:0. Der Concacaf-Verband hat mittlerweile etliche Reporte dazu bei einschlägigen Buchmachern angefragt und ermittelt gegen drei Verbände.
"Alles führt wieder nach Singapur. Dort scheint es eine Ausbildungsanstalt für Fußballmanipulateure zu geben", sagt ein Ermittler, der seine Identität und seinen Arbeitsbereich nicht publik machen möchte. "In Singapur wachsen Vermarktungsfirmen aus dem Nichts. Sie bieten den Verbänden finanzielle Hilfen bei Länderspielen und versprechen Fernsehgelder. Die Verbände lassen sich darauf ein, geben ihre Austragungsrechte ab und erhalten dafür lediglich einen Betrug."
Wie weit dieser Betrug reicht, ist hingegen noch keineswegs abzuschätzen. Die Fifa ermittelt seit einigen Wochen gemeinsam mit der Weltpolizei Interpol. Aus Italien kommen Gerüchte auf, die Camorra, die russische und albanische Mafia sowie die chinesischen Triaden würden ihr Geld mit Sportwetten waschen. Keine abwegige Idee, da Sportwetten kaum staatlich kontrolliert werden und selbst ein sauberer Gewinn von 70 Prozent des Wetteinsatzes den kriminellen Verbünden wohl noch lukrativ erscheint.
Aber den Fußball damit immer mehr zur Farce verkommen lässt. Denn wer will schon ein Spiel sehen, bei dem das Ergebnis vorher klar ist? Wo liegt der Reiz, wenn Torfolgen quotenbedingt sind? Wie im Bereich des Radfahrens, das sich mit Dopingproblematiken selbst an den Rand der Existenz geradelt hat, steht auch der Fußball vor einem Todbringer. Ohne ein internationales Sportrecht, dass international agierenden Spielmanipulateuren das Handwerk legt und ohne einheitliche Wettgesetze ist es kaum vorstellbar, dass der Fußball auch weiterhin an seinem von Verbänden und Organisationen so häufig gepriesenem Saubermann-Image festhält.
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