DFB-Team vor Spiel gegen Frankreich Die WM abhaken

Die deutsche Nationalmannschaft will vor dem Duell gegen Frankreich möglichst nichts mehr von der WM-Pleite hören. Besonders zurückhaltend vor dem Start der neuen Nations League: Kapitän Manuel Neuer.

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Das Signal wird gleich am Anfang gesetzt und ist unüberhörbar. "Die WM ist aufgearbeitet", sagt DFB-Sprecher Jens Grittner und eröffnet so die erste Pressekonferenz zum ersten Länderspiel nach der verkorksten Weltmeisterschaft in Russland. Nach vorn blicken, "die Vergangenheit ein bisschen abhaken", wie Angreifer Julian Brandt es nennt - das ist die Devise beim DFB.

Mit der sogenannten WM-Analyse von Bundestrainer Joachim Löw und Oliver Bierhoff aus der Vorwoche wollen Verband und Mannschaft das Thema WM-Debakel am liebsten beenden. Das ist deutlich spürbar an diesem Termin zwei Tage vor der Partie des alten Weltmeisters Deutschland gegen den neuen Titelträger Frankreich in München (Donnerstag 20.45 Uhr RTL, Liveticker SPIEGEL ONLINE). Dass Löw und Bierhoff für ihre Ausführungen eine fast einhellig schlechte Presse bekommen haben, dass man bei dieser Fehleranalyse bestenfalls eine Erneuerung light, eher noch zero, feststellen konnte: geschenkt.

All das, was sich an Unmut, Ablehnung, Häme und an Unruhe um die Nationalmannschaft aufgebaut hat, die Debatte über Mesut Özil, über Integration und Rassismus, über Spaltung, über die Führungsschwäche des Bundestrainers und seines Präsidenten - am liebsten gegen die Franzosen das alles wegspielen. Brandt, der neben Kapitän Manuel Neuer und Offensivkollege Thomas Müller auf dem Podium sitzt, sagt: "Ein schöneres Spiel als gegen den Weltmeister kannst du dir nicht vorstellen." Und Müller ergänzt: "Die Motivation nach so einer Enttäuschung ist natürlich riesengroß."

Zu viel Ballbesitzfußball und dafür zu wenig Begeisterung - das hat Löw in der Vorwoche als WM-Defizit ausgemacht. Auch wenn Thomas Müller es "sensationell, fast einmalig" findet, wie "sich der Bundestrainer vor der Nation erklärt hat", so sehr zerpflückt er doch anschließend das Erklärungsmuster des Bundestrainers. "Wir werden künftig sicher nicht völlig von unseren Fähigkeiten abweichen", sagt Müller vor dem Start der neuen Nations League, und das heißt: "Grundsätzlich haben wir sehr viel Qualität am Ball und wollen ihn daher auch möglichst oft haben." Es gehe eher darum, flexibler zu reagieren, "Umschaltaktionen zu haben, die mehr nach Powerfußball aussehen".

Und wie ist das mit der fehlenden Leidenschaft in Russland gewesen? "Jeder von uns war zu hundert Prozent motiviert, fehlende Motivation ist immer eine sehr leichte Erklärung", er habe "zum Beispiel im Schwedenspiel eine brutale Energie im Team gespürt", sagt Müller.

Überhaupt ist Müller es, der die Rolle übernimmt, zu den Anwürfen, zu der Kritik der Vorwochen Stellung zu nehmen. An sich ist das die Aufgabe des Mannschaftskapitäns, aber Manuel Neuer hält sich an diesem Tag einmal wieder mit klaren Aussagen bedeckt. Während Müller vehement bestreitet, dass es innerhalb der Mannschaft einen Riss bei der WM gegeben habe, wie es der SPIEGEL in der Vorwoche geschrieben hatte, sagt Neuer darauf angesprochen nur, er habe den entsprechenden Bericht nicht gelesen und könne daher nichts dazu sagen.

Auf das übergeordnete Thema dieser Wochen, Integration und Rassismus, muss Neuer erst von den Journalisten angesprochen werden: Die Nationalmannschaft habe immer für "eine gesunde Integration" gestanden, sagt der Kapitän, und "das Konzert in Chemnitz finde ich persönlich gut". Aber als er nach einer Müller-Aussage befragt wird, nach der sich die Mannschaft künftig deutlicher vor Teamkollege Ilkay Gündogan stellen werde, relativiert Neuer: "Es geht nicht um Gündogan, sondern jeder im Team wird unterstützt, und wir stärken ihm den Rücken." Genau das hatte Özil, der im Zorn zurückgetreten ist, bei der WM vermisst und öffentlich beklagt.

Müller ist schon wieder im Angriffsmodus, er sagt zu den angeblichen Missstimmungen in der Mannschaft: "Wir wollen Leistung auf dem Platz bringen - dann müssen wir uns nicht darüber unterhalten, wer beim Kartenspielen den letzten Stich gemacht hat oder nicht." Ein typischer Müller-Satz. Neuer, der als Spielführer eigentlich die Richtung vorgeben sollte, wirkt dagegen defensiv. Um den Löw'schen Persilschein vor der WM für Neuer, der so lange verletzt war, soll es in der Mannschaft Unmut gegeben haben. Das hat seine Rolle als Kapitän nicht zwangsläufig gestärkt.

"Was hat sich denn jetzt eigentlich wirklich verändert?", werden die drei Spieler auf dem Podium gefragt. Müller versucht sich zwar an einer Antwort, aber so wirklich kann er das auch nicht sagen. Er hätte natürlich einfach antworten können: nicht viel.

insgesamt 27 Beiträge
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Seite 1
willi.thom 04.09.2018
1. Nach der sog. Fehleranalyse...
...bin ich sehr gespannt auf das Spiel gegen Frankreich am Donnerstag. Nicht, daß ich am Sieg Frankreich zweifelte, nein, auf die Erklärungen der Verantwortlichen und Spieler nach dem Spiel, darauf bin ich sehr neugierig.
feuerfloh 04.09.2018
2. So wird das nichts.
Vermutlich braucht es erst eine Klatsche gegen Frankreich und ein peinliches 1:2 gegen Peru, bis den Verantwortlichen langsam dämmert, dass mehr im Argen liegt als ein wenig zu viel Ballbesitz.
argonaut-10 04.09.2018
3. eine Schande
das da ist. Und so typisch für Menschen, die an Posten festhalten und vom Futtertrog nicht verdrängt werden wollen. Niemand hätte was gesagt, wären sie mit wehenden Fahnen untergegangen... aber da war nichts... und das nicht nur während der WM, sondern bereits die 12 Monate davor. Die Fehler von Löw... Schwamm drüber... einen Manuel Neuer mitzunehmen (der zugegebenermaßen am wenigsten Schuld trug), aber gar nicht nominiert gehört hätte.. vergessen. Und auch, wenn viele glauben, Toni Kros wäre gut gewesen, ich habe das anders gesehen, wie auch seine Rolle bei Real Madrid (ohne einen starken Mid-Fielder an seiner Seite geht bei dem gar nichts), gut, das hätte Löw sehen müssen. Ich bin enttäuscht... ein Neustart wäre das richtige Zeichen gewesen.
jeby 04.09.2018
4.
Ich erwarte eine hohe Niederlage und vielleicht ist das das Beste für die Zukunft. Mit Löw und Bierhoff gibt es offensichtlich keinen Neuanfang. Das haben sie durch ihre Aussagen und Nominierung schon gezeigt. Sie haben aus ihren Fehlern nicht gelernt. Vielleicht wacht der DFB nach einer Klatsche gegen Frankreich endlich auf und feuert Löw.
einarvoneinigen 04.09.2018
5.
Zitat vom Schluss des Artikels:"Was hat sich denn jetzt eigentlich wirklich verändert?", werden die drei Spieler auf dem Podium gefragt. Müller versucht sich zwar an einer Antwort, aber so wirklich kann er das auch nicht sagen. Er hätte natürlich einfach antworten können: nicht viel. Herr Ahrens begeht hier einen Kardinalfehler vieler Sportjournalisten. Nicht verbale Äußerungen sind hier wichtig. Wichtig ist auf'm Platz. Dieser Ausspruch, der wohl von Adi Preissler stammt, ist eine der fundamentalsten Aussagen über Fußball. Also nach dem Frankreichspiel könnte der Ahrenssatz sich als richtig erweisen. Aber nicht vorher.
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