Götze, Reus und Schürrle beim DFB Die drei Fragezeichen

Sie spielen beim BVB, wollen zur Weltmeisterschaft, sind im Moment aber außen vor: Bei Mario Götze, Marco Reus und André Schürrle gibt es viele Parallelen. Eine Analyse ihrer WM-Chancen.

Marco Reus, Mario Götze und Andre Schürrle (von links)
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Marco Reus, Mario Götze und Andre Schürrle (von links)

Aus Berlin berichtet


Es gab sie, und es gibt sie immer noch: Nationalspieler, für die Bundestrainer Joachim Löw seinen Anspruch auf einen Stammplatz im Verein und ein hohes Leistungsniveau außer Kraft setzt. Wenn er sich von einem Profi etwas erhofft, das er bei anderen, die bei ihren Klubs regelmäßig spielen und in der öffentlichen Wahrnehmung formstärker sind, nicht erwartet, dann legt Löw andere Maßstäbe an.

Bastian Schweinsteiger war in der Endphase seiner Karriere einer dieser Sonderfälle. Lukas Podolski genoss die Löwsche Zuneigung über Jahre. Bei seinen derzeit verletzten Kapitän Manuel Neuer wird Löw auch möglichst lange auf eine Rückkehr in den Spielbetrieb warten. Und es gab Zeiten, da gehörte auch Mario Götze in diese Riege. Ein Talent, gemacht für geniale Momente wie im WM-Finale 2014. Mit Götze als falscher Neun hatte Löw lange Zeit Argumente, auf gelernte Stürmer verzichten zu können.

Doch diese Zeiten sind vorbei, was gar nicht Götzes Problem ist. Das sind in erster Linie seine eigenen Leistungen. Nach seinen Darbietungen bei Borussia Dortmund in den vergangenen Wochen benötigt selbst Löw zu viel Fantasie für eine Sonderrolle. Und als Stimmungskanone, wie Podolski, taugt Götze nicht. Das gilt auch für seine Dortmunder Mannschaftskollegen Marco Reus und André Schürrle - das Duo scheint derzeit trotzdem deutlich näher am Nationalteam zu sein.

Die drei BVB-Freunde in der Analyse:

Mario Götze (63 Länderspiele, 17 Tore)

Ganze sieben Spiele hat der 25-Jährige noch Zeit, sich für den vorläufigen WM-Kader zu empfehlen, drei Tage nach dem letzten Bundesliga-Spieltag muss Löw nominieren. Sieben Spiele, in denen der Bundestrainer nach eigenen Angaben den Götze sehen möchte, der "vorne reingeht, in den Rücken der Abwehr kommt, den Abschluss sucht". So, wie es sich auch die BVB-Fans erhoffen, seit er 2016 - unter lauten Anfeindungen - den Weg vom FC Bayern zurück nach Dortmund gewählt hat.

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Mario Götze: Wunderkind, WM-Held, Bankdrücker

In dieser Saison hat Götze in 27 Pflichtspielen zwei Tore erzielt und sechs vorbereitet. Das sind zum wiederholten Male keine Spitzenwerte, was auch an zahlreichen Verletzungen und einer Stoffwechselerkrankung liegt. Götze ist nicht mehr der junge, dynamische Dribbler, der in der Anfangsphase seiner Karriere als Versprechen für den gesamten deutschen Fußball galt. Er hat auch jetzt noch geniale Momente in seinem Spiel, wie in der Europa League beim 3:2-Sieg gegen Atalanta Bergamo, als er als Einwechselspieler zwei Tore vorbereitete. Konstanz sucht man allerdings vergeblich.

In der Nationalmannschaft ist die starke Konkurrenz Götzes größtes Problem. Im Angriff baut Löw mittlerweile auf echte Mittelstürmer. Auf der Außenbahn gibt es mit Julian Draxler oder Leroy Sané Profis, die auch aufgrund ihrer Schnelligkeit und Tiefe im Spiel an Götze vorbeigezogen sind. Bleibt noch die Position des Achters im 4-2-3-1 oder 4-1-4-1, die er von seinen Anlagen her spielen könnte. Doch selbst bei sieben sensationellen Spielen in der Schlussphase der Saison ist es nicht vorstellbar, dass Löw auf die dynamischen Sami Khedira, Leon Goretzka, Ilkay Gündogan oder Emre Can verzichtet.

Götze wird die WM verpassen.

Marco Reus (29 Länderspiele, neun Tore)

Über die Leidensgeschichte von Marco Reus ist alles bekannt. Der offensive Mittelfeldspieler verpasste aufgrund schwerer Verletzungen die WM 2014 und die EM 2016. Und erst im Februar kehrte er nach einem Kreuzbandanriss auf die Bundesliga-Bühne zurück. Seitdem stellte Reus mit drei Toren in fünf Spielen aber unter Beweis, wie er nicht nur den BVB, sondern auch die Nationalmannschaft besser machen kann: mit Tempo, mit Laufwegen in die Tiefe, mit seiner Schusstechnik.

Umso verwunderter waren viele, als Reus dann im aktuellen Aufgebot für die Spiele gegen Spanien (1:1) und Brasilien am Dienstag (20.45 Uhr Liveticker SPIEGEL ONLINE; TV: ZDF) nicht auftauchte. Löw sagte in Düsseldorf, er hätte den 28-Jährigen - unabhängig von den muskulären Problemen, die ihn derzeit plagen - nach der langen Pause ohnehin nicht nominiert. Warum auch? Der Bundestrainer weiß, welche Qualitäten Reus mitbringt.

Bleibt er gesund, zieht Reus im WM-Casting an Sandro Wagner, Julian Brandt und Lars Stindl vorbei.

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Nationalmannschaft: Diese Problemfälle hat Bundestrainer Löw

André Schürrle (57 Länderspiele, 22 Tore)

Sind die Fragezeichen bei Götze und Reus schnell zu klären, liegt der Fall bei André Schürrle etwas anders. Wer 57-mal für Deutschland aufgelaufen ist, ist etablierter Nationalspieler. Über 90 Minuten wurde der 27-Jährige aber nur siebenmal eingesetzt. Wer bei seinen vier Vereinswechseln Ablösesummen in Gesamthöhe von etwa 90 Millionen Euro bewegt hat, ist etablierter Profi. Der Durchbruch gelang ihm aber weder bei Chelsea, noch in Wolfsburg oder Dortmund. Und so ist es auch mit Schürrles sportlichen Leistungen: Er kann so viel - und er zeigt es so selten.

Eine Parallele zu Götze und Reus ist die bewegte Verletzungshistorie. Schürrle wurde in der Vergangenheit immer wieder von kleinen Wehwehchen geplagt, so fand er nur selten in einen Spielrhythmus über mehrere Monate. Löw konnte das ignorieren, weil er aufgrund fehlender Alternativen nicht auf Schürrles Einwechselqualitäten verzichten wollte. Das ist nun anders, siehe Götze. Etliche Spieler sind, auch dank des Erfolgs beim Confed Cup, an Schürrle vorbeigezogen.

Trotzdem gibt es für den in Mainz ausgebildeten Offensivspieler noch eine Minimalchance. Die hat er sich durch ansprechende Leistungen beim BVB in der Rückrunde erhalten. Schürrle, in Dortmund mittlerweile sogar zum Publikumsliebling aufgestiegen, ist ein Vorbild an Einsatz, immer noch mit zu vielen Fehlern im Passspiel, aber mit seinen Tempodribblings mittlerweile ein wichtiger Faktor im Spiel der Borussia.

Kommen in der Endphase der Saison noch ein paar Tore hinzu, erinnert sich Löw womöglich an Schürrle. Denn so ganz ohne Überraschung läuft in der Regel keine Nominierung des Bundestrainers ab.



insgesamt 54 Beiträge
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Seite 1
gnarze 27.03.2018
1. Wer soll denn dann zu Hause bleiben?
Löw kann ja nur 23 Spieler mitnehmen, wer soll denn für die drei Sorgenkinder zu Hause bleiben, zumal ja alle offensive Spieler sind?
FX922 27.03.2018
2. Wenn alle fit bleiben nimmt er
Die 3 mit. Auf dem Papier stimmt der Artikel zu 100%, leider wird allerdings auf dem Platz gespielt. Reus ist qualitativ besser als alles andere, was aktuell vorne spielt, trotz langer Pause. Die anderen 2 setzt sich Löw auf die Bank, und bringt sie im entscheidenen spiel. Sie werden es ihm zurückzahlen.... keiner von den Gegnern guckt intensiv Bundesliga, wenn die.2 kommen erinnert sich jeder an „mach es er macht ihn.....“
schehksbier 27.03.2018
3. Noch vor wenigen Jahren
standen die drei Spieler noch recht weit oben auf dem Zettel, geblieben ist jedoch nicht sonderlich viel. Schürrle wie auch Götze kommen offensichtlich nicht über das Maß "Durchschnitt" hinaus, da kann man auch nicht von einem vorübergehenden Formtief sprechen. Reus ist wohl ein anderes Kaliber, allerdings ist seine Verletzungsanfälligkeit nicht wegzudiskutieren. Einen solchen Spieler zu einem Turnier mitzunehmen stellt ein Risiko dar, weil stets die Frage im Raum steht, ob er überhaupt einsatzfähig bzw. wie belastbar er ist.
timvie 27.03.2018
4. Wir haben ja Glück ...
dass es um die drei ??? geht und nicht um TKKG. Sehr guter inhaltlicher und aus meiner bescheidenen Sicht auch treffender Artikel.
dasbeau 27.03.2018
5. Fehlender Faktor
Ein entscheidender Faktor fehlt in Ihrer Analyse: Wer beim BVB spielt, ist bei J.Löw per se Wackelkandidat, der entweder gar nicht mitgenommen wird oder aber auf der Bank sitzt. Nur wenn es wirklich gar nicht anders geht, setzt er zähneknirschend einen BVB-Profi ein, dies war die letzten Jahre Mats Hummels. Dem man dann aber wunderbar die Niederlage gegen Italien 2012 in die Schuhe schieben konnte (obwohl lahm derjenige war, der... aber lassen wir das). Zu Jogis Glück ist Hummels ja jetzt wieder in München, somit hat er keine Bauchschmerzen mit einer Nominierung. Ja, Schmelzer ist kein Guter. Besser war aber in der Zeit auch keiner (außer P.Lahm, der aber rechts eingesetzt wurde). Schmelzer kam trotzdem nicht zum Zuge. Wäre Manuel Neuer beim BVB, wäre die WM für ihn gelaufen, das Hintertürchen wäre längst zu. Wäre Lukas Podolski am WM-Siegtreffer beteiligt gewesen statt Götze oder Schürrle (und wäre er nicht zurückgetreten): Er wäre in Russland dabei, keine Frage. Was soll's? Ich bin auch nur einer von 82 Millionen Bundestrainern... ;-)
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