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14. November 2017, 15:59 Uhr

DFB-Rückkehrer Götze und Gündogan

Auf der Suche nach der verlorenen Zeit

Aus Köln berichtet

Nach einjähriger Zwangspause sind Ilkay Gündogan und Mario Götze zur Nationalelf zurückgekehrt. Die Hoffnungsträger von einst müssen nun zeigen, ob sie dem DFB-Team helfen - die Zeit bis zur WM wird knapp.

Es ist eine Weile her, dass Mario Götze und Ilkay Gündogan gute gemeinsame Zeiten erlebt haben. Im April 2013 war das, als Borussia Dortmund den FC Málaga in der Champions League in letzter Sekunde 3:2 besiegte. Ein Abend, den kein Dortmunder Anhänger und Spieler je vergessen wird. Anschließend wurde noch Real Madrid im Halbfinalhinspiel 4:1 vorgeführt.

Es reicht wahrscheinlich ein kurzer Blick auf die damalige Aufstellung, um BVB-Fans heute Tränen in die Augen zu treiben: Robert Lewandowski schoss die Tore, Mats Hummels verhinderte sie. Marco Reus war meistens gesund, Gündogan teilte mit seinen Pässen die gegnerische Abwehr wie Moses das Rote Meer, und Götze stürmte übers Feld, scheinbar unbekümmert von allem, ein Wunderkind des deutschen Fußballs, eine Art Harry Potter der Bundesliga.

Danach desavouierte Götze mit seinem Nacht- und Nebel-Transfer nach München Verein und Fans, und für Gündogan ging eine ewige Verletztengeschichte los. Es gab noch Götzes großen Moment 2014 beim WM-Finale in Rio, aber dennoch: Er und Gündogan haben ihr nachhaltiges Fußballglück danach nicht mehr wiedergefunden.

Gündogan hat aufgrund seiner vielen Verletzungen die WM 2014 und EM 2016 verpasst, Götze war ein Jahr lang nicht bei der Nationalelf, ebenfalls verletzt und krank, nach seiner BVB-Rückkehr war er wegen seiner Stoffwechselkrankheit monatelang ausgefallen.

Wie gut sind die beiden wieder?

Jetzt sind beide wieder da, zurück bei der Nationalelf, das ist allein schon eine gute Nachricht für Bundestrainer Joachim Löw. Eine bessere wäre es noch, wenn beide in der Lage wären, an ihr altes Niveau von 2013 anzuknüpfen. Gündogan hat beim Testländerspiel in Wembley am Freitag schon angedeutet, dass er dazu in der Lage sein könnte. Götze muss dies am Dienstag gegen die Franzosen (20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE; TV: ARD) erst noch belegen.

Götze steht seit Sommer wieder beim BVB im Kader, er hat unter dem neuen Trainer Peter Bosz viel gespielt und war zuletzt in einer orientierungslosen Dortmunder Elf noch einer der Konstantesten. "Ich fühle mich wieder bei hundert Prozent", sagt er. Aber was heißt das genau? 100 Prozent gemessen an seiner besten Zeit beim BVB, als er teilweise rauschhafte Auftritte hatte, so schnell, so ballgewandt, so trickreich, wie man es in Deutschland lange nicht gesehen hatte?

Zuletzt spielte er im Verein durchaus stark, durfte auf seiner zentralen Lieblingsposition agieren. Aber der letzte Kick, das Besondere, das, was Mario Götze zum Star, zum Nationalspieler gemacht hat, das sucht er immer noch. Götze ist immer noch ein außergewöhnlicher Fußballer, aber er ist nicht mehr der Harry Potter, der Auserwählte, er ist jetzt einer von den Weasleys.

"Man reift, man macht Erfahrungen", hat Götze zuletzt gesagt. Ein typischer Götze-Satz in der Öffentlichkeit. Der 24-Jährige ist bei seinen Äußerungen vorsichtig geworden, so vorsichtig, dass es an die Grenze zur Unkenntlichkeit geht. Was Mario Götze, der auf ewig der WM-Finalheld bleiben wird, wirklich denkt, ist so offen wie die Frage, wie gut Mario Götze wirklich noch ist und wieder wird.

Bei Ilkay Gündogan liegt der Fall etwas einfacher. Der Profi von Manchester City unternimmt derzeit den x-ten Anlauf, nach einer Verletzung wieder in den Rhythmus zu kommen. Und es ist angesichts seiner Verletzungsbiografie schon erstaunlich, wie sehr ihm das immer wieder gelingt.

Gegen die Engländer nahm er das Heft im deutschen Mittelfeld so schnell und selbstverständlich wieder in die Hand, als sei er immer Teil dieser Mannschaft gewesen. Als hätte es den Kreuzbandriss, die Luxation der Kniescheibe, die unablässigen Wirbelsäulenprobleme, all die Verletzungen, die ihn Monate, Jahre seiner Karriere gekostet haben, nicht gegeben.

Seine Pässe in die Spitze, das ist seine Spezialität, keiner kann das in Deutschland so gut wie er, vielleicht nicht einmal Toni Kroos. Und er kann sie immer noch so spielen wie 2013, das hat er in Wembley gezeigt. Trainer Löw hat Gündogans Qualität früh erkannt, 2011, als 21-Jähriger hat er schon sein Debüt in der A-Elf gegeben. Dass er sechs Jahre später erst bei 21 Länderspiel-Einsätzen angekommen ist, ist ein trauriger Witz, wenn man bedenkt: Die DFB-Elf hat seit Gündogans erster Berufung im August 2011 88 Länderspiele absolviert.

Götze und Gündogan, die beiden damaligen jungen Himmelsstürmer des BVB, jetzt starten sie den nächsten Versuch in der Nationalmannschaft. Der nächste Anlauf, sie wiederzufinden, die Glückseligkeit von einst.

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