Von David Kluthe
Hamburg - Es fehlen zwölf Zentimeter. Gerade einmal die Länge eines gewöhnlichen Kugelschreibers. Marko Marin ist 1,70 Meter klein, Toni Kroos misst 1,82 Meter. Aber der derzeitige Unterschied zwischen beiden ist größer.
Am Samstag feierte Marin seinen 21. Geburtstag. Einen Tag später (15.30 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) tritt er mit seinem Club Werder Bremen bei 1899 Hoffenheim an. In seinem ersten Werder-Jahr spielt Marin eine gute Saison. Im Vergleich zu anderen aufstrebenden Jungstars wie Kroos (Bayer Leverkusen) oder Thomas Müller (FC Bayern) liegt er aber zurück - auch im Hinblick auf die Nationalelf.
Marin bestritt nach seinem Wechsel von Borussia Mönchengladbach an die Weser 24 von 25 Erstligaspielen - alle von Beginn an. Er hat an seiner Konstanz und Ausdauer gearbeitet. Wurde er in den ersten zehn Bundesliga-Spielen unter Trainer Thomas Schaaf noch neunmal ausgewechselt, musste er bei seinen letzten zehn Einsätzen nur ein einziges Mal frühzeitig auf die Bank. Mit zehn Torvorlagen ist Marin einer der besten Vorbereiter der Liga. Nur sein Mannschaftskollege Mesut Özil (12) liegt noch vor ihm.
Abenteuerliche Dribblings
Als offensiver Mittelfeldspieler fehlt es ihm jedoch an Effektivität: Immer wieder verzettelt sich Marin in abenteuerlichen Dribblings an der Grundlinie. Zu selten führen diese Ausflüge zum Erfolg, wenngleich sich Verteidiger wie zuletzt Stefano Celozzi beim 2:2 gegen Stuttgart oft nur mit Fouls zu helfen wissen. Um mehr zu werden als ein guter Bundesliga-Spieler, fehlt es Marin auch am Abschluss. Nur drei Tore gelangen dem ehemaligen Gladbacher in der laufenden Saison. Schon zu Borussia-Zeiten ließ er den nötigen Torriecher vermissen: Vier Treffer aus 33 Spielen waren es in der Saison 2008/09.
Kroos und Müller, beide etwas jünger als der Bremer, liegen in dieser Wertung vorne: Neben ihren Fertigkeiten als Vorbereiter - beide lieferten acht Torvorlagen - beweisen sie Knipser-Instinkte. Distanzschütze Kroos erzielte bereits neun Tore, Müller derer sieben. In der Scorer-Liste der Bundesliga ergibt das Platz fünf für Kroos und sieben für Müller. Marin liegt außerhalb der Top-Ten auf Rang 13.
Bleibt noch das Problem in der Rückwärtsbewegung: "Ich bin nicht defensivschwächer als andere", entgegnet Marin seinen Kritikern, zu denen im vergangenen Jahr auch Gladbachs Trainer Hans Meyer gehörte. Der 67-Jährige hatte den Jungstar wegen mangelnder Defensivarbeit immer wieder auf der Bank schmoren lassen.
Konkurrenzkampf im deutschen Mittelfeld
Sowohl Marin als auch Kroos und Müller sind flexibel einsetzbar: auf den Außenbahnen, hinter den Spitzen oder sogar im Sturm. Alle drei machten in der Saison durch starke Leistungen auf sich aufmerksam. Für eine Nominierung in den WM-Kader von Bundestrainer Joachim Löw sollten sie deshalb gute Chancen haben. Für die Startelf hingegen werden sie sich im überfüllten deutschen Mittelfeld um einen Platz streiten müssen. Beim 0:1 gegen Argentinien debütierte Müller von Beginn an. Für ihn kam in der 67. Minute jedoch nicht Marin, sondern Kroos.
Dass den Bremer diese Erkenntnis nicht freut, liegt nahe. Da werden Erinnerungen an die Europameisterschaft 2008 wach, als Löw Marin kurz vor dem Turnier aus dem Kader strich. Marin müsse körperlich zulegen, fand Löw damals. Und auch jetzt scheint er anderen mehr zu vertrauen. "Das ist kein schönes Gefühl. Ich verstehe nicht, wieso ich keine Chance mehr bekomme", klagte der Reservist nach dem Freundschaftsspiel. "Dabei habe ich im letzten halben Jahr bei Werder wirklich gute Leistungen gezeigt."
Das stimmt. Und drei Monate vor Südafrika ist der WM-Zug für ihn auch lange nicht abgefahren. Für Marin sprechen sein schneller Antritt und seine Unberechenbarkeit. "Er macht Dinge, die in keinem Lehrbuch stehen", sagt Gladbachs Jugendtrainer Uli Sude. In der Europa League kann er sich - im Gegensatz zu Kroos - international beweisen. Zudem hätte Mesut Özil mit seinem Mannschaftskollegen einen vertrauten Partner an seiner Seite.
Wachsen wird Marin voraussichtlich nicht mehr. Eines könnte den deutschen Nationalspieler aber noch hoffen lassen: Weltstar Lionel Messi vom FC Barcelona ist noch einen Zentimeter kleiner als er.
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