Norwegische Fußballhoffnung Ødegaard Martin, 15, Jahrhunderttalent

Der 15-jährige Martin Ødegaard ist der jüngste Nationalspieler in Norwegens Fußballgeschichte, er wird von großen Klubs in ganz Europa hofiert. Seine Familie steht vor der Zerreißprobe: Wie kann sie Martin fördern - und gleichzeitig schützen?

DPA

Aus Drammen berichtet


Der Junge im neongelben Leibchen nimmt den Ball mit der Innenseite seines rechten Unterschenkels an, macht ein paar schnelle Schritte damit, dreht sich um die eigene Achse, lässt die Gegner hinter sich und schießt. Vorbei, kein Tor. Martin Ødegaard schlägt die Hände vor die Stirn, "Idiot!", schimpft er. Er hatte sich selbst mit dem Angriff überrascht, manchmal versteht er noch nicht, wie leicht Fußballspielen für ihn sein kann. Seine Gegner auch nicht.

Ødegaard ist 15 Jahre alt, im April spielte er zum ersten Mal für die A-Mannschaft des norwegischen Klubs Strømsgodset. Ein halbes Jahr später ist der offensive Mittelfeldspieler einer der Wichtigsten im Team, drei Tore und sechs Vorlagen sind ihm bislang in der Tippeligaen gelungen, der höchsten norwegischen Spielklasse.

Wahrscheinlich wäre das außerhalb von Norwegen kaum jemandem aufgefallen, das Land ist für seine Fjorde, Lachse und Skispringer berühmt, nicht für den Fußball. Als aber Nationaltrainer Per-Mathias Høgmo Ende August verkündete, er werde Ødegaard zum Länderspiel gegen die Arabischen Emirate mit nach Stavanger nehmen, horchten Journalisten aus ganz Europa auf. 15 Jahre und 253 Tage war Ødegaard bei seinem ersten Spiel für die Nationalmannschaft, jünger als jeder Norweger vor ihm.

"Alle wollen jetzt zu Martin"

Plötzlich war er eines der begehrtesten Talente der Fußballwelt. Martins Vater Hans Erik Ødegaard hat seit diesem Tag im August Hunderte Anrufe von Reportern, Spieleragenten und Fußballklubs erhalten; Bayern München, Real Madrid, Manchester United und der FC Liverpool waren angeblich darunter.

So viel Aufregung ist man in Drammen nicht gewohnt. In die kleine Stadt 45 Kilometer südwestlich von Oslo kommen Fremde höchstens zum Angeln oder um die 200 Jahre alte Brauerei zu besichtigen. Auch an diesem Tag Anfang Oktober ist wenig los auf den Straßen, es ist trüb, man ist froh über Handschuhe und einen warmen Pullover. "Wo wollen Sie hin?", fragt der Taxifahrer. "Zum Marienlyst-Stadion." Der Fahrer lacht: "Sie wollen zu Martin! Alle wollen jetzt zu Martin."

Das Training ist gerade vorbei, im Jogginganzug kommt Ødegaard ins Foyer der Mehrzweckhalle neben dem Fußballplatz. Er grinst unsicher, sein Händedruck ist weich. Martin rede nicht viel, hat sein Vater Hans Erik gewarnt, vor allem nicht über sich selbst. Was soll ein 15-Jähriger auch erzählen über die irrwitzigen Mechanismen des Fußballgeschäfts, über Entscheidungen, die das Leben auf den Kopf stellen werden? Er wolle einfach nur gut Fußball spielen und immer besser werden, sagt der Junge. Sein Englisch ist fast perfekt, er traut sich trotzdem nicht, laut zu sprechen.

Der Vater nimmt ihm das Reden ab: "Wir denken noch nicht zu viel darüber nach, wohin Martin gehen wird. Es gibt keinen Zeitplan", sagt er. "Er soll erst einmal hier in Norwegen die Saison zu Ende spielen." Das letzte Spiel ist am 9. November gegen Rosenborg, danach ist wegen Kälte und Schnee Pause bis März. Ødegaards Vertrag mit Strømsgodset läuft eigentlich bis Dezember 2015, doch auch wenn Hans Erik Ødegaard bemüht ist, sich nicht öffentlich festzulegen: Es ist gut möglich, dass sein Sohn in der kommenden Transferperiode zu einem großen europäischen Verein wechseln wird. "Uns ist bewusst, dass Martin hier in Norwegen irgendwann an einen Punkt kommen wird, an dem er sich nicht mehr viel weiterentwickeln kann. Und um nichts anderes geht es: Er soll seine Fähigkeiten weiter verbessern, dort, wo es am besten für ihn ist", sagt er.

Messi ist Ødegaards Lieblingsspieler

Ødegaard besucht das Sportgymnasium direkt am Stadion, aber Schule interessiere ihn nicht so, sagt er. Nur Fußball. Sein Lieblingsspieler: Lionel Messi, wegen seiner Übersicht. Sein Lieblingsklub: der FC Liverpool, weil das in der Familie Ødegaard so ist. Sein schönstes Erlebnis: die Berufung in die Nationalmannschaft, weil er damit noch nicht gerechnet hatte.

"Keiner hat damit gerechnet", sagt der Vater. Vor wenigen Tagen hat der Nationaltrainer Martin für die EM-Qualifikationsspiele gegen Malta und Bulgarien nominiert. Es geht jetzt alles immer schneller, aus den logischen Abfolgen des Profifußballs kommen die Ødegaards nicht mehr raus.

Vor ein paar Wochen spielte Strømsgodset zu Hause gegen Stabaek, den Tabellensiebten, eine mittelmäßige Begegnung. Auf der Tribüne saßen Scouts und Verantwortliche von 30 Fußballklubs, sie waren gekommen, um Ødegaard zu sehen. Sie wollten sich von dem überzeugen, was die Fußballwelt seit einigen Monaten über den 15-Jährigen erzählt: dass er schnell ist, eine außergewöhnlich gute Ballbehandlung hat, die Räume früher erkennt als seine Gegenspieler. Strømsgodset verlor 2:3, Stabaek hatte Ødegaard die meiste Zeit über mit zwei Verteidigern gedeckt. Zwei Erwachsene gegen einen schmalschultrigen Teenager.

In Norwegen wurde im Anschluss diskutiert: Ist der Hype zu groß? Muss man Martin Ødegaard mehr vor der Öffentlichkeit abschirmen?

Es sind die Fragen, die Hans Erik Ødegaard sich jeden Tag stellt; wenn er zu Bett geht, wenn er aufsteht, wenn er auf seinem Handy wieder zehn entgangene Anrufe von ausländischen Nummern sieht. Als Vater ist es seine Aufgabe, den Sohn zu beschützen, ihm eine unbeschwerte Jugend zu ermöglichen. Er hat aber auch versprochen, für Martins Zukunft zu sorgen und ihn auf seinem Karriereweg zu unterstützen. Die vergangenen Monate waren eine Herausforderung für die Familie Ødegaard, mit all ihren Überraschungen. Doch sie sind nicht zu vergleichen mit dem, was vor ihr liegt.

Sondertraining mit dem Vater

Hans Erik Ødegaard führt ein Bekleidungsgeschäft in der Drammener Innenstadt, er hat sich an diesem Nachmittag ein paar Stunden freigenommen. Ødegaard ist nie aus Drammen weggekommen, er wurde hier geboren, lernte bei Strømsgodset das Fußballspielen. Er war ein ordentlicher zentraler Mittelfeldspieler, aber als vor sieben Jahren das vierte Kind auf die Welt kam, ließ er es sein. 33 Jahre war Ødegaard da alt, mehr als die Tippeligaen war ohnehin nie drin. Es sei sein Plan gewesen, Martin zu einem besseren Fußballer zu machen, als er es war, sagt der Vater.

Hans Erik Ødegaard trägt ein Holzfällerhemd, die blonden Haare sind strubbelig wie die seines Sohns. Er schaut auf sein Handy und schaltet es dann aus. "Nein, auch wenn das vielleicht so aussieht: Ich lasse Martin nicht meinen Traum leben", sagt er. Er habe nur früh gemerkt, dass sein zweitjüngstes Kind ein besonderes Talent hat, und deshalb begonnen, mit ihm nach einem eigenen System zu trainieren, immer mit dem Ball, immer an den Grundfertigkeiten orientiert.

Ein Viertel des Jahres liegt in Drammen Schnee, Martin und Hans Erik verbrachten viele Stunden und Tage in einer kleinen Turnhalle. Sie übten das, was in Norwegen dempe heißt, die Bewegung, die den ersten und zweiten Ballkontakt umfasst. Sie übten Laufwege, bis Martin sie blind beherrschte. Die meiste Zeit aber arbeiteten sie an der räumlichen Wahrnehmung: Martin musste sich zwischen seinen Vater und seinen älteren Bruder stellen, der Vater schoss ihm den Ball zu, während sich der Bruder in Martins Rücken bewegte. Martin sollte schneller sein als er, er sollte kleinste Bewegungen intuitiv und aus den Augenwinkeln wahrnehmen.

Heute sind die Spielübersicht und das schnelle Denken Ødegaards größte Stärken. Es ist egal, dass er kleiner und unerfahrener ist als die meisten seiner Mitspieler, in seinen Entscheidungen ist er ihnen oft einen Schritt voraus. Fußballexperten fragen sich: Wie gut wird Ødegaard sein, wenn er erst ausgewachsen ist? Noch kann man es nur ahnen, doch die buhlenden Klubs sind sich sicher: Sie machen Jagd auf eine Jahrhundertbegabung.

Abschied von der Kindheit

Der Vater möchte über die Angebote nicht sprechen. Er sagt: "Wir haben keine Eile, wir wollen entspannt bleiben und uns nicht unter Druck setzen lassen. Aber klar ist: Solange Martin so jung ist, werde ich ihn nirgendwo alleine hingehen lassen. Das wäre nicht gut für ihn." Sollten sich die Ødegaards dazu entscheiden, dass ihr zweitältester Sohn schon bald ins Ausland geht, haben Hans Erik und seine Frau sich darauf geeinigt, die Familie zu teilen. Er würde mit Martin zu dessen neuem Klub ziehen, die Mutter bliebe mit den beiden sieben und zehn Jahre alten Töchtern in Drammen. "Die Mädchen müssen hier bleiben", sagt der Vater, "es wäre nicht fair, sie aus ihrem Leben zu reißen, nur weil Martin Fußball spielt."

Martin Ødegaard lacht darüber, aber er weiß, dass es ernst ist. Die kommenden Monate werden sein Leben und das Leben seiner Familie verändern. Noch ist er in Norwegen, er kann sich ganz auf den Sport konzentrieren und am Nachmittag seine Kumpels sehen. Bei einem neuen Klub wird er ein Talent von vielen, das Training härter und der Fußball schneller sein. Diese letzte Zeit in Drammen ist für Ødegaard auch ein Abschied von der Kindheit.

Magne Nilsen schreibt für die Zeitung "Drammens Tidende" über Strømsgodset, er kennt die Ødegaards gut. Nilsen sagt: "Es wird hart für Martin, aber ich habe selten einen jungen Spieler gesehen, der so fit im Kopf ist. Er kann mit dem Hype umgehen, seine Familie hält ihn auf dem Boden." Ob das in kommenden Jahren so bleibt, vermag keiner zu prophezeien, niemand in Drammen weiß wirklich, was die Ødegaards da draußen erwartet und ob ihr Plan funktionieren wird.

"Messi hat seine Heimat auch früh verlassen", sagt Martin Ødegaard, "seine Familie kam von Argentinien mit nach Barcelona, das ist sehr weit. Und jetzt ist er der beste Fußballer der Welt." Messi war bei seinem ersten Spiel für die Nationalmannschaft 16 Jahre alt.



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 34 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Kulifumpen 09.10.2014
1.
in die Familie solche Artikel verhindert und den Jungen auf dem Boden der Tatsachen hält. Abschirmung gegen irgendwelche gierigen Spielervertreter und sonstige Amöben.
derweiseausdemharz 09.10.2014
2. Rat
Der Rat ist ganz einfach: Nicht zu Real, Bayern oder Chelsea sondern eher zu Greuther Fürth, Rosenborg oder FC Kopenhagen wechseln...so entwickelt er sich. Ansonsten ist er schneller in der Versenkung als er denkt. Ich glaube in drei Jahren kennt ihn kein Mensch mehr sollte er vor 18 zu einem Großverein gehen.
denis111 09.10.2014
3. Schön
Ein von der ersten bis zur letzten Zeile einfach nur schöner Bericht. ... Besonders gefallen hat mir diese Stelle: "...haben Hans Erik und seine Frau sich darauf geeinigt, die Familie zu teilen. Er würde mit Martin zu dessen neuem Klub ziehen, die Mutter bliebe mit den beiden sieben und zehn Jahre alten Töchtern in Drammen. "Die Mädchen müssen hier bleiben", sagt der Vater, "es wäre nicht fair, sie aus ihrem Leben zu reißen, nur weil Martin Fußball spielt...."
Jasro 09.10.2014
4. Lasst ihn doch...
...wenigstens erst einmal wenigstens 18 werden. Wenn der plötzlich einsetzende Stressfaktor und Erwartungsdruck bei einem Weltklasseverein wie CF Barcelona oder Bayern München nämlich zu hoch wird, könnte das einem so jungen Menschen wie Martin Ødegaard nämlich durchaus seelisch zu schaffen machen.
username987 09.10.2014
5. so viele alternativen gibt es ja nicht
la masia oder säbener strasse 51 - 57...
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.