Hummels-Abschied Noch einmal betrunken mit dem Pokal im Arm einschlafen

Mats Hummels hat sein letztes Heimspiel im Dortmunder Stadion hinter sich gebracht - ohne große Anfeindungen. Jetzt will der scheidende BVB-Kapitän den Pokal gewinnen. Doch Trainer Tuchel hat "große Sorgen".

AFP

Von , Dortmund


Als allerletzter Spieler verließ Mats Hummels am Samstagabend die Kabine von Borussia Dortmund, der Kapitän hatte es nicht eilig. Er feierte nach dem 2:2 gegen den 1. FC Köln einen kleinen privaten Abschied. Einen Blumenstrauß oder irgendwelche offiziellen Dankesworte gab es nicht, weil ja noch das Pokalfinale bevorstehe, heißt es aus dem Klub. Also zelebrierte Hummels die Trennung für sich alleine. Erfüllt von einem "sehr komischen Gefühl", das diesen Tag prägte, erzählte er.

"Man geht zum letzten Mal raus zum Aufwärmen, man verabschiedet sich nach dem Spiel zum letzten Mal von der Südtribüne, das alles war so ein fester Bestandteil in den letzten Jahren, dass es jetzt echt seltsam ist, das nicht mehr zu haben", sagte der 27-Jährige, der im Sommer zum FC Bayern wechselt.

Ein Hauch aufrichtiger Trauer lag in diesen Worten, und die meisten Zuschauer scheinen sich nach Tagen der Wut langsam mit der Trennung arrangiert zu haben. BVB-Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke hatte vor der Partie per Videobotschaft um Verständnis für Hummels geworben und im Editorial des Stadionhefts geschrieben: "Ich bitte Sie, unseren Spielern heute abermals jene Anerkennung zukommen zu lassen, die sie zweifellos verdient haben."

Die meisten hielten sich daran, und nun stand Hummels zum letzten Mal als Dortmunder in der Interviewzone seines Stadions, verkündete, dass er im Pokalfinale am kommenden Samstag (20 Uhr, High-Liveticker SPIEGEL ONLINE) gegen die Bayern "nach langer titelloser Zeit unbedingt wieder etwas gewinnen" wolle und erläuterte noch einmal die wichtigsten Beweggründe für seinen Vereinswechsel: In München "wohnt meine Familie, da wohnt die Familie meiner Frau, da wohnen meine besten Freunde, mein Bruder, alle wohnen da", sagte er. "Zusammen mit dem sportlichen Reiz" müsse die Entscheidung doch nachvollziehbar sein. "Schade, aber nachvollziehbar" sei die passende Überschrift für den ganzen Wirbel. Man kann noch ergänzen: ärgerlich und schlecht getimt.

Tuchel ist verärgert

Denn mit großer Wahrscheinlichkeit hat die Debatte dazu beigetragen, dass die Dortmunder derzeit ihre fußballerisch schwächste Phase erleben. Der Zorn in Thomas Tuchels Stimme war nicht zu überhören, als er nach der zerfahrenen Partie gegen Köln sagte: "Wir haben uns 32 Spieltage lang völlig frei gemacht von jeder Konstellation. Wir haben 32 Spieltage plus Euro League plus DFB-Pokal am Limit gespielt. Und haben damit vor zehn Tagen aufgehört, was nicht gut ist, was nicht zu uns gehört und was auch kein gutes Gefühl ist."

Der Trainer führte diesen Einbruch darauf zurück, dass sich vor zwei Wochen auch die allerletzten Hoffnungen auf den Meistertitel verflüchtigt hatten, aber das Hummels-Theater war gewiss ebenfalls ein Faktor. Die Mannschaft spielt plötzlich schlampig, sie wirkt undiszipliniert und produziert seltsame individuelle Fehler. Tuchel sprach von einem "Spannungsverlust in unserem Spiel, in unserer Haltung", und das bereite ihm im Hinblick auf das Pokalfinale "große Sorgen".

Grundsätzlich sei es nämlich "deutlich schwerer, zur Form zurückzufinden, als sie zu halten." Derart verärgert hat Tuchel sich noch nie über seine Spieler geäußert, seit er vor knapp einem Jahr seinen Dienst beim BVB antrat. Der Vereinswechsel des Kapitäns scheint dem Trainer im Vergleich dazu etwas weniger Kopfzerbrechen zu bereiten.

Hummels soll "volltrunken mit dem Pokal im Arm" einschlafen

Er sei zwar "sehr traurig", denn mit Hummels verliere die Mannschaft "eine echte Persönlichkeit, einen Führungsspieler, ihren Kapitän", hatte Tuchel schon vor dem Spiel erklärt. Aber er sieht auch "eine Chance" in dem Wechsel. Über die Spieleröffnung, die zu Hummels' wichtigsten Stärken zählt, muss dieses Ensemble der Passkünstler sich ohnehin keine Sorgen machen, und einen zuverlässigen Manndecker, der ins Anforderungsprofil passt, werden sie sicher finden. Der menschliche Verlust sei dagegen nicht kompensierbar, biete aber die Chance, "die Hierarchie neu aufzustellen", so Tuchel. "Ich glaube, dass da auch soziale Prozesse in Gang kommen, wenn der Kapitän nicht mehr da ist."

Einmal noch soll aber die alte, von Mats Hummels angeführte Borussia glänzen, damit der Wunsch in Erfüllung geht, den Präsident Reinhard Rauball in einer Talkrunde der "Ruhr Nachrichten" formulierte. Er wünsche sich, "dass Mats am 22. Mai volltrunken mit dem Pokal im Arm einschläft". Diese Idee fand auch Hummels ziemlich attraktiv, wobei im Falle eines Siegs erst mal zu klären sei, ob er den Pokal tatsächlich "mit aufs Zimmer nehmen darf".

insgesamt 62 Beiträge
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verbal_akrobat 15.05.2016
1. Artikel auf den Punkt
von einem Fußball Fan der aus neutraler Beobachtungssituation kommt, alles exakt richtig formuliert und zusammen gefasst. Was können die BVB`ler sich jeden Tag den A.... auffreuen T. Tuchel als Trainer bekommen zu haben!
fisschfreund 15.05.2016
2.
Wenn ich Trainer, hätte ich hummels nicht mal mehr mittrainieren lassen, geschweige denn mitspielen. Vor allem nicht, wenn es gegen seinen neuen Arbeitgeber geht .
Loddarithmus 15.05.2016
3. Betrunken einschlafen? Mit auf's Zimmer?
Solche Sachen machen gestandene BVB-Spieler doch in der Hotel-Lobby.
reflexxion 15.05.2016
4. Pokalendspiel ohne Hummels
Um keine falschen Ideen aufkommen zu lassen sollte der BVB Hummels nicht im Pokalendspiel aufstellen, wer in ein paar Wochen beim Endspielgegner arbeitet kommt doch wohl in eine arge moralische Zwickmühle, wenn er diesen Verein in diesem letzten Spiel bei der alten Truppe niederkämpfen soll. Egal welch seltsame Situation um ihn aufkommt, es wird Beschimpfungen ohne Ende von einer der beiden Seiten geben, Fans sind nun mal nicht fair.
andreasm.bn 15.05.2016
5. genau, und wer hat nochmal...
Zitat von LoddarithmusSolche Sachen machen gestandene BVB-Spieler doch in der Hotel-Lobby.
irgendwelche H-Promis mit auf's Hotelzimmer genommen?
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