Mats Hummels und die Kritik am DFB-Team Die Mär vom guten Spiel

Deutschlands Nationalmannschaft steckt in der Krise. Die Spieler selbst wollen davon nichts wissen, sie betonen die eigene Klasse. Das mag naiv sein oder Taktik. In jedem Fall ist es: gefährlich.

Mats Hummels
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Mats Hummels gilt als einer der eloquenteren Nationalspieler; als jemand, der seine Meinung sagt, wenn andere schweigen. Auch nach dem 0:3 der DFB-Auswahl beim Nations-League-Spiel in den Niederlanden sprach Hummels. Er wirkte dabei ziemlich angefressen.

"Ich wüsste nicht, wo ich den Hebel ansetzen sollte", sagte Hummels. "Wir haben ein gutes Spiel gemacht." Der 29-Jährige klagte, manche Kritik am DFB-Team sei überzogen, gar "respektlos". "Wir sind mit die Besten in dem, was wir machen", und dennoch werde die Nationalmannschaft "teilweise behandelt wie die Vollamateure". Kritiker würden gar nicht schauen, was wirklich auf dem Platz passiere. "Es wird nur versucht, was Schlechtes zu finden."

Wenn es sich Hummels da mal nicht zu einfach macht.

Mangelhafte Struktur, individuelle Fehler

Wer genau hinsah bei der Niederlage von Amsterdam, der erkannte die mangelhafte Struktur der deutschen Mannschaft, die in Ballbesitz ein Loch in der Zone hatte, in der sich einst Mesut Özil tummelte: im Zehnerraum im offensiven Zentrum. Wer hinsah, erkannte die fehlende Verbindung zwischen den Aufbauspielern und den Angreifern, die Toni Kroos und Jérôme Boateng häufig zu riskanten Manövern verleitete.

Wer genau hinsah, der erkannte auch Hummels eigene Fehler. Wie er in der Nachspielzeit, beim Stand von 0:2, in Richtung Sturm lief und Nebenmann Boateng alleine ließ, Sekunden bevor Memphis Depay die Latte traf. Oder wie Hummels Teil einer Fehlerkette vor dem 0:3 war, als er aus der Abwehr rückte, aber doch keinen Zugriff erhielt. Aber darum geht es gar nicht. Fehler passieren. Interessanter ist die Reaktion.

Hummels im Video: "Werden behandelt wie Vollamateure"

Der Bayern-Profi spielte nicht nur die deutschen Fehler herunter, er lobte sogar die Leistung des DFB-Teams. "Wir hätten mindestens zwei, eher drei, vier Tore schießen müssen", sagte Hummels im ZDF. Und damit war er nicht allein.

"Wir haben gezeigt, dass wir das Fußballspielen nicht verlernt haben. Schon gegen Frankreich waren wir streckenweise die bessere Mannschaft", sagte Timo Werner, auch Kapitän Manuel Neuer betonte, man habe "die Chancen zur Führung gehabt" und "zu wenig aus unseren Möglichkeiten gemacht".

Bei der WM hatte Hummels noch Kritik geübt

Tatsächlich hatte sich das DFB-Team ein paar Chancen erspielt. Aber die Zahl klarer Gelegenheit war überschaubar. Genauso wie die Abwehrleistung der Mannschaft von Bundestrainer Joachim Löw.

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Deutschland in der Einzelkritik: Neuers Nimbus bröckelt

Das 0:3 war die höchste Pleite in Deutschlands Länderspielgeschichte gegen die Niederlande. Es war die fünfte Niederlage im zehnten Spiel 2018. Dazu das Vorrundenaus bei der WM. Die DFB-Krise lässt sich schwer wegdiskutieren.

Während der Weltmeisterschaft in Russland hatte gerade Hummels noch ganz anders geklungen. Vor der TV-Kamera beklagte er die mangelnde Absicherung im Team. Die Kritik kam also aus der Mannschaft heraus. Nun war es umgekehrt, Kritik wurde von den Profis abmoderiert. Warum?

Entweder, der Blick auf die Realität ist tatsächlich getrübt, und die Spieler glauben wirklich, dass sie noch immer zur Weltspitze des Fußballs gehören, ganz gleich, wie schlecht die Resultate seit rund einem Jahr auch sein mögen. Das wäre ein bedrohlicher Realitätsverlust.

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DFB-Pleite gegen die Niederlande: Abstiegskampf!

Womöglich verbirgt sich hinter den Äußerungen auch eine Strategie: Positiv bleiben, das Gute betonen, um so die Art von Aufbruchsstimmung zu erzeugen, die der Bundestrainer weder mit seinen Kader-Nominierungen noch mit taktischen Umstellungen hat erschaffen können. Das wäre, zumindest bislang, offenkundig erfolglos.

Sich in der Wagenburg zu verschanzen und trotzig auf Kritik zu reagieren, scheint so oder so nicht erfolgsversprechend. Wichtig ist nicht, sich über eine möglicherweise zu negative Berichterstattung in den Medien aufzuregen. Wichtig ist, an taktischen Fehlern zu arbeiten, die richtige Aufstellung zu finden. Besser Fußball zu spielen.

Am Dienstag bietet sich Deutschland dazu die nächste Chance, im Nations-League-Spiel bei Weltmeister Frankreich. In ihrer aktuellen Verfassung geht die DFB-Elf als klarer Außenseiter in die Partie. Es droht der Abstieg. Sollte es dazu kommen, würde die Nationalmannschaft ganz offiziell nicht mehr zu den Besten gehören.

insgesamt 182 Beiträge
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Wolfgang Porcher 14.10.2018
1. mal relativieren.
der Eckstoss der das Tor brachte , so konnte man erkennen hatte einen ungewöhnlichen Dreher als er in Höhe Vorraum ankam. er wurde plötzlich nicht mehr erreichbar für Neuer. Die Niederländer waren schlichtweg in der Taktik von ihrem Trainer besser eingestellt. Unser Trainer brachte es nicht fertig sein Team in der Taktik während es Spiels zu aendern, und wieder einmal konnte man feststellen wie bereits 2017 , der Gegner ist es Spur fixer beweglicher ...... und alle anderen Teams haben an Stärke zu genommen, bei uns ist da Stillstand.
rabode 14.10.2018
2. @1
ich sah keinen ungewöhnlichen Dreher, nur einen ungewöhnlich planlos rauslaufenden Neuer. Wie Kahn gesagt hat " wenn du da raus gehst musst du den auch haben"
grafnor 14.10.2018
3. Mats Hummer verkennt
die Situation total. Von "Besten" erwarte ich einen anderen Einsatz als das Hummels beim 2. Tor der Holländer gezeigt hat, auch wenn der Fauxpas von Draxler frustriert.
romeov 14.10.2018
4. Ich habe das Spiel in der Wiederholung gesehen
...kann aber nich nachvollziehen, warum man Manuel Neuer jetzt in den Senkel stellt. Jeder andere Torhüter hätte da genauso alt ausgesehen. Allerdings als Kapitän der Bayern ist er eine Fehlbesetzung, weil zu emotionslos.
moonshiner71 14.10.2018
5.
Zum Glück habe ich mir dieses Trauerspiel nicht angetan, wie auch kein anderes seit der WM. Das bleibt auch so, bis Herr Löw von sich aus geht oder gefeuert wird. Nur so ist ein echter Neuanfang möglich.
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