Matt Le Tissier Der hüftsteife Fußballgott

Er schoss unglaubliche Tore und blieb seinem Verein immer treu. Das war wohl ein Fehler, denn bei der englischen Nationalelf wurde der geniale Fußballer Matthew Le Tissier schmählich übergangen. Max-Jacob Ost über den Spieler, den alle nur "Le God" nannten.


Es war einer dieser besonderen Momente, wie sie nur Matt Le Tissier auf den Rasen zaubern konnte: Im Spiel gegen Blackburn bekommt er, mit dem Rücken zum Tor, kurz hinter der Mittellinie den Ball. Le Tissier dreht sich und sprintet los. Eine kurze Körpertäuschung und er verlädt den ersten Gegenspieler. Ein Haken später läuft auch der nächste Verteidiger ins Leere. Der dritte versucht Le Tissier zu stellen, da segelt schon der stramme Distanzschuss aus 30 Metern über seinen Kopf, der kaum eine Sekunde später zentimetergenau im linken Torwinkel einschlägt. Nach dem Spiel redet niemand über die Niederlage des FC Southampton. Matt Le Tissier, die lebende Legende der "Saints", hat wieder mal gezeigt, warum ihn die Fans nur "Le God" rufen. Am Ende der Saison 1994/95 wird sein Treffer zum "Tor des Jahres" gewählt.

Southampton-Star Le Tissier: Abschied mit Traumtor
Corbis

Southampton-Star Le Tissier: Abschied mit Traumtor

Damals war Le Tissier 26 Jahre alt und auf dem Zenit seines Schaffens. Er war kein Laufwunder, doch was ihm an Kondition fehlte machte er durch perfektes Stellungsspiel und seine präzisen Pässe wett. Dazu ein unglaubliches Ballgefühl in beiden Füßen und diese begnadete Schusstechnik! Je nach Situation entschied Le Tissier, ob er eines seiner Dribblings startete, mit einem Pass das Spiel verlagerte oder direkt den Abschluss suchte. Egal aus welcher Entfernung. Seine schönsten Tore erzielte "Le God" mit Distanzschüssen.

Der am 14. Oktober 1968 geborene Matthew Le Tissier begann seine Laufbahn bei Vale Recreation auf der Insel Guernsey im Ärmelkanal. Schon von seinen Jugendspielen ist überliefert, dass er dort regelmäßig mit direkt verwandelten Ecken Tore erzielte. Nach seinem Schulabschluss unterschrieb er einen Vertrag beim FC Southampton. Im September 1986 bestritt Matt Le Tissier sein erstes von 540 Pflichtspielen für die "Saints".

In einer Reihe mit George Best

Mit seinen spektakulären Toren wurde der schlaksige Typ mit der großen Nase schnell über die südenglische Hafenstadt hinaus populär. Nicht nur die Fans der "Saints" lagen ihm zu Füßen. Das Bild des jubelnden Le Tissier nach einem Tor gegen Manchester United ziert gar ein Flugzeug der Fluglinie "Fly Be". Bis heute ist Matt Le Tissier neben George Best der einzige Fußballer, dem eine solche Ehre widerfuhr. Best war es auch, der den jungen Kicker einst mit den Worten adelte: "Er hat das Zeug zum Superstar. Sein Talent ist außergewöhnlich."

Die vielleicht erstaunlichste Leistung von "Le God" war allerdings, dass er seinem mittelmäßigen Provinzverein die gesamte Karriere lang treu blieb. Er widerstand Angeboten von Milan und Chelsea, Clubs, die angeblich sogar bereit waren, den englischen Transferrekord für ihn zu brechen. Nur einmal kam es beinahe zu einem Wechsel, als ihn der Lieblingsclub seiner Kindheit, Tottenham Hotspur, verpflichten wollte. Doch im letzten Moment brach Le Tissier die Verhandlungen ab, mit der Begründung, er sei in Southampton einfach heimisch geworden.

Vielleicht hat sich "Le God" mit dieser Vereinstreue eine Karriere in der englischen Nationalelf verbaut. Wegen seiner Herkunft von den Kanalinseln durfte er wählen, ob er für England oder Frankreich aufläuft. Le Tissier entschied sich für die "Three Lions" und wurde dafür bitter bestraft. Lächerliche acht Einsätze konnte er bis zum Ende seiner aktiven Laufbahn verbuchen. Er wurde nicht einmal in den erweiterten Kader für die Weltmeisterschaft 1998 berufen, nachdem er mit dem englischen B-Team im Spiel gegen Russland einen Hattrick erzielt und zweimal die Latte getroffen hatte. Kaum vorstellbar, dass Le Tissier in ähnlicher Weise übergangen worden wäre, hätte er bei einem der großen Clubs gespielt. Doch beim ständig in der unteren Tabellenhälfte dümpelnden FC Southampton war es, als stand "Le God" im toten Winkel der englischen Nationaltrainer.

Aus deutscher Sicht muss man über diese Ignoranz von Hoddle und Co. wahrscheinlich sogar froh sein. Denn Matt Le Tissier war nicht nur ein begnadeter Ballkünstler, sondern vielleicht auch der beste Elfmeterschütze, den der englische Fußball je hervorgebracht hat. Bei 49 Versuchen scheiterte er nur ein einziges Mal. Wer weiß, wie ein Elfmeterschießen bei der WM 1990 oder der EM 1996 mit ihm im Team ausgegangen wäre.

Der letzte Treffer im letzten Spiel

So aber konnte Le Tissier seine oftmals traumhaften Tore nur in der englischen Liga schießen. Das wohl schönste von allen aber hob er sich bis ganz zum Schluss auf. Am Ende der Saison 2000/01 wird im Stadion "The Dell" zum letzten Mal in 103 Jahren ein Spiel des FC Southampton angepfiffen. Es geht gegen den FC Arsenal. Zweimal liegt Southampton zurück, zweimal können die "Saints" ausgleichen. Dann wird der angeschlagene Le Tissier eingewechselt. Zwei Minuten vor dem Ende der Partie fliegt der Ball in seine Richtung.

"Le God" steht mit dem Rücken zum Tor. Mit zwei schnellen Schritten geht er dem Leder entgegen und schickt es mit einem fulminanten Dropkick direkt aus der Drehung ins linke Toreck. In diesem Augenblick explodieren im Stadion die Emotionen. Mit Tränen in den Augen feiern die Fans ihren Helden bis weit nach dem Schlusspfiff. Was zu diesem Zeitpunkt noch niemand ahnt: Das letzte Tor, das je in "The Dell" erzielt wurde, ist auch der letzte Treffer von Matt Le Tissier. In der folgenden Spielzeit beendet er, von zahlreichen Verletzungen zermürbt, seine Karriere. Mehr als 200 Tore hat er in 16 Jahren für Southampton erzielt. Für die englische A-Nationalelf kein einziges.



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