Sammer gegen Lewandowski Der Feuerkopf hat sich verbrannt

Robert Lewandowski hat Cristiano Ronaldo zum Weltfußballer gewählt, nicht seinen Bayern-Kollegen Manuel Neuer. Das ist skurril. Gar nicht lustig ist aber das, was folgte: Die Kritik von Matthias Sammer.

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Robert Lewandowski, so viel wissen wir, hat bei der Abstimmung zum Weltfußballer des Jahres den Portugiesen Cristiano Ronaldo an die erste Stelle gewählt. Er tat dies als Kapitän der polnischen Nationalmannschaft, und er tat es bewusst, wie er auf Twitter erklärte (auf Polnisch). An Position zwei wählte Lewandowski Manuel Neuer, an drei Bastian Schweinsteiger. Nachzulesen ist das hier.

Warum Lewandowski Ronaldo seine Erststimme gegeben hat, wissen wir nicht. Vielleicht, weil elegante und torgefährliche Stürmer eben mit eleganten und torgefährlichen Stürmern sympathisieren. Wir ahnen, dass es eine Entscheidung für Ronaldo war, und keine gegen Manuel Neuer . Wir wissen auch das nicht. Es ist aber auch egal. Lewandowski hat gewählt und damit frei seine Meinung geäußert.

Wir wissen außerdem, dass Matthias Sammer das nicht gefallen hat. "Wir haben nicht geschimpft, aber wir haben schon drüber gesprochen." Mit diesen Matthias-Sammer-Worten, also etwas umständlich, aber nicht weniger deutlich, hat Sammer noch am Abend der Wahl seinen Unmut zum Ausdruck gemacht. Man wollte sich dann vorstellen, wie Sammer und Lewandowski einfach so "drüber sprachen" - und es wollte doch kein anderes Bild entstehen als das von einem Rapport. Einem Zur-Rede-Stellen.

Im Kern sind Sammers Worte Kritik an der freien Meinungsäußerung eines Bayern-Spielers, und das ist natürlich ein Unding. Sie legen aber auch den Blick frei auf die Radikalität, mit der der Sportchef das Selbstverständnis des Klubs verinnerlicht hat und (vor-)lebt. Nur so einer kann eine harmlose Abstimmung per Wahlzettel zu einem Angriff auf einen der ihren (Neuer) umdeuten. Und nur so einer kann eine öffentliche Abbitte des Kritisierten (die Lewandowski wiederum dementierte) erwarten - nur um den Verstoßenen danach umgehend wieder in den Kreis der Familie aufzunehmen. "Wir haben darüber gesprochen, er hat es ja auch öffentlich schon korrigiert, dass er Manuel als Nummer eins sieht. Dementsprechend ist das auch okay", so Sammer.

Sammer brannte schon immer für das, was er tat, "Feuerkopf" steht auf einer Biografie über ihn. Es war meist ausgerechnet die eigene Meinung, der eigene Kopf, der ihm in Dortmund oder bei der Nationalmannschaft Kritik (und Respekt) einbrachte. Im Fall Lewandowski hat sich der Feuerkopf verbrannt. Sammer ist zu weit gegangen, was schade ist. Und unverständlich.

Denn vor etwas mehr als einem Jahr empfand Sammer das Verhalten eines Bayern-Spielers schon einmal als ungebührlich. Philipp Lahm hatte in der "Zeit" Kritik geübt, die Sammer auf sich bezog (und die vielleicht auch auf ihn bezogen war, was Lahm dementierte). Nach Lahms Richtigstellung ließ Sammer aber nicht nur Gnade walten, er ging sogar noch weiter. Er sagte: "Ich kann ja nicht ständig mündige Spieler einfordern und bei der erstbesten Gelegenheit die Spieler dann in die Schranken weisen. Er hat da eine eigene Meinung, und das ist vollkommen okay."

Das ist auch heute noch ein guter Satz.

Erste Stimme unter Teamkollegen? Nicht mit Robert Lewandowski! Der Bayern-Profi und Kapitän der polnischen Nationalmannschaft wählte Manuel Neuer nur auf Platz zwei, für den es drei Punkte gab, und Bastian Schweinsteiger auf Rang drei, womit er einen Punkt erhielt.

Er war für Lewandowski der beste Fußballer des vergangenen Jahres und bekam vom Polen fünf Punkte: Cristiano Ronaldo. So dachten viele Abstimmungsberechtigte und wählten den Portugiesen zum Weltfußballer 2014. Er bekam die Auszeichnung zum dritten Mal nach 2008 und 2013.

Bei Kroatiens Nationaltrainer Niko Kovac scheint die Bayern-Verbundenheit auch noch Jahre nach seiner aktiven Zeit bei den Münchnern nachzuwirken. Er wählte drei Bayern-Profis auf die Plätze eins bis drei.

Für Kovac war Philipp Lahm der Beste des vergangenen Jahres. Neuer wählte der frühere Mittelfeldspieler auf Platz zwei, Schweinsteiger auf den dritten Rang.

Ähnlich wie Kovac stimmte auch der Bundestrainer, nur in anderer Reihenfolge. Für ihn war Neuer die Nummer eins, gefolgt von Lahm und Schweinsteiger. Letztgenannter war als Kapitän der deutschen Mannschaft ebenfalls abstimmungsberechtigt – und blieb bei seiner Stimmabgabe innerhalb des Teams.

Schweinsteiger gab Neuer seine Erststimme. Und auch dahinter folgten Teamkollegen vom FC Bayern: Auf Platz zwei Lahm, auf Platz drei Thomas Müller. Kicker-Redakteur Karlheinz Wild, der für Deutschland als Journalist an der Abstimmung teilnahm, variierte Schweinsteigers Reihenfolge nur leicht: Neuer, Müller und Lahm war sein Ranking.

Deutsche Spieler standen aber auch außerhalb Deutschlands hoch im Kurs. Etwa bei Kanadas Kapitän Julian De Guzman, der einst für Hannover 96 aktiv war.

Er gab Thomas Müller seine Erststimme und wählte Neuer auf Platz zwei. Dritter wurde bei ihm auch ein Bayern-Profi: Hollands Arjen Robben.

Der Kapitän von Mosambik heißt Dario Ivan Khan – und auch für ihn gehörte ein Deutscher auf Platz eins.

Toni Kroos war für Khan der beste Fußballer 2014. Dahinter folgten für ihn Ronaldo und Müller.

Der Nationaltrainer von Malta heißt Pietro Ghedin – und auch er trug auf Platz eins einen deutschen Namen ein. Allerdings weder Neuer, noch Lahm, noch Schweinsteiger, noch Müller, noch Kroos.

Finalheld Mario Götze, der mit seinem Tor gegen Argentinien Deutschland zum WM-Titel schoss, wurde von Ghedin zum besten Fußballer 2014 gewählt. Es folgen Müller und Robben.

Englands Nationalcoach Roy Hodgson hält offenbar auch viel von den deutschen Kickern, er gab Lahm seine Zweit- und Neuer seine Drittstimme. Seine erste Wahl überraschte die Fußball-Welt allerdings.

Für Hodgson war Argentiniens Javier Mascherano, hier im Zweikampf mit Hollands Nigel de Jong im WM-Halbfinale, der beste Fußballer 2014. Solch außergewöhnliche Votes gab es einige.

Diego Godín, Kapitän von Uruguay, erinnerte sich bei der Wahl wohl seiner Vereinszugehörigkeit. Schließlich wählte er auf die Plätze eins und zwei Teamkollegen von Atlético Madrid.

Für Godín war Diego Costa der beste Fußballer 2014. Gemeinsam holten sie vergangenes Jahr die spanische Meisterschaft und erreichten das Finale der Champions League. Im Tor von Atlético stand dabei übrigens Thibaut Courtois – den Godín auf Platz zwei vor Arjen Robben wählte.

Auch Jaba Kankava war als Kapitän der georgischen Nationalmannschaft abstimmungsberechtigt. Er wählte Ronaldo auf Platz zwei und Messi auf Platz drei. Der Beste kam für ihn aber aus Spanien.

Andrés Iniesta war für Kankava die Nummer eins 2014. In einem Jahr, in dem der Profi des FC Barcelona ausnahmsweise mal gar keinen Titel gewann, eine interessante Wahl.

Und dann gab es noch zwei Fußballer, die nur einmal die Erststimme bekamen – und zwar von Journalisten aus eher exotischen Ländern. Kenadid Mohamed aus Dschibuti setzte auf seiner Liste den Franzosen Karim Benzema auf Platz eins.

Und für Luc Ollivier aus Tahiti war Paul Pogba, französischer Nationalspieler in Diensten von Juventus Turin, der beste Fußballer des vergangenen Jahres.

Zum Autor
Christian Gödecke ist Sportchef von SPIEGEL ONLINE.

E-Mail: Christian_Goedecke@spiegel.de

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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Seite 1
rentner2012 14.01.2015
1. Mir ist unklar
wofür der Typ eigentlich gebraucht wird. Bei einer Firma nennt man seine Position wohl Frühstücksdirektor.
Q9653 14.01.2015
2. Zivilcourage
Erinenrn wir uns an Mehmet Scholl. Der äußerte sich im TV als "Fachmann" wohlwollend-kritisch über den Bayernclub. Wieder zuhause wurde er vor die Alternative gestellt: entweder als Angestellter des FC Bayern diesen AUSSCHLIEßLICH wohlwollend zu kommentieren - oder seine Stelle als Jugendtrainer aufgeben. Nun - er das Arbeitsverhältnis mit de, Club aufgelöst. Ach Lewi, hättest du doch auf den Ruf der Wildnis (des Geldes) verzichtet und wärst in Dortmund ein ganz Großer geblieben ...
joergeschnyder 14.01.2015
3. Nie in einer Mannschaft gespielt
Der Author hat sicher nie in einer Mannschaft gespielt, sonst wüsste er, das Mathias Sammer zu 100% Recht hat. Er hat zu richtigerweise Loyalität von Lewandowski eingefordert, etwas, was man von einem Mannschaftsspieler erwartet. Ich bin sicher, dass jeder von der Weltmeistermannschaft Neuer gewählt hätte, auch deswegen sind sie Weltmeister geworden: einer für alle, alle für einen.
Rassek 14.01.2015
4. Sammer..
Scheint sich fuer eine Art Herbert Wehner fuer arme zu halten )))
triqua 14.01.2015
5.
Was ist denn nun auf einmal? Herr Sammer macht nur das, was derzeit in der öffentlichen Diskussion vorgelebt wird ... Ein offenbar gestörtes Verhältnis zu anderen Meinungen haben ...
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