Wolfsburg-Profi Kruse Erstmals verzockt

Max Kruse hat in seiner Karriere vieles richtig gemacht, derzeit aber fällt der Wolfsburger vor allem mit Negativschlagzeilen abseits des Platzes auf - ein möglicher Rückschlag für seine EM-Nominierung.

Bongarts/Getty Images

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Der Fußballprofi Max Kruse ist in seiner sportlichen Vereinskarriere bisher immer ein Stück weiter nach oben geklettert. Vom FC St. Pauli aus der 2. Liga zum SC Freiburg in die Bundesliga, von dort zu Borussia Mönchengladbach in die höheren Regionen der Tabelle, der VfL Wolfsburg sollte die nächste logische Steigerungsform in die nationale oder gar internationale Spitze werden. Schritt für Schritt kalkulierte Karriereplanung.

Aber es scheint, als hätte sich Kruse, bekanntermaßen ein passionierter Pokerspieler, erstmals in seiner Laufbahn verzockt. Sportlich läuft es mit sechs Treffern nach 26 Spieltagen eher mittelprächtig. Der Verein hängt als Tabellenachter seinen Ansprüchen in der Liga weiter hinterher, die VW-Abgasaffäre liegt wie Mehltau seit Monaten über dem gesamten Klub. Und jetzt macht Kruse auch noch abseits des Platzes jede Menge Schlagzeilen, die ihn sportlich nicht unbedingt voranbringen dürften.

Zuerst kolportierte die "Bild"-Zeitung, Kruse habe damit geprahlt, er habe bereits einmal Sex mit einer Kandidatin der RTL-Trashshow "Der Bachelor" gehabt, im Sport1-Video plauderte er locker darüber, dass er den Datingdienst Tinder schon mal ausprobiere. All das sind schon Meldungen, die man in einem Fußballverein, der sich um den Anstrich des Superseriösen bemüht, nicht besonders gerne hört - über die der VfL aber noch gnädig hinwegsah. Aber die letztens kursierende "Bild"-Geschichte, dass Kruse angeblich 75.000 Euro frühmorgens nach einem Pokerabend in einem Berliner Taxi liegen gelassen haben soll, hat die Oberen dann doch auf den Plan gerufen.

"Keine Negativschlagzeilen für sich und den Arbeitgeber"

VfL-Boss Klaus Allofs sprach von einer Geldstrafe im fünfstelligen Bereich und wurde mit deutlichen Worten zitiert: "Wir haben ihm erklärt, welches Verhalten wir von unseren Spielern erwarten. Ich kann nur hoffen, dass es für ihn eine Lehre ist und dass er sein Verhalten etwas ändert." Und er fügte hinzu: "Wenn man Bundesligaprofi ist, kann das wunderschön sein, aber man steht auch unter Beobachtung. Man muss sein Verhalten immer darauf abstimmen, dass es keine Negativschlagzeilen für sich und den Arbeitgeber gibt."

In Wolfsburg reagiert man derzeit nicht umsonst mehr als sensibel auf solche Nachrichten. Stadt und Verein hängen am Tropf des Hauptsponsors Volkswagen. Jahrelang war Geld das geringste Problem. Aber jetzt geht bei VW die Angst vor Entlassungen um, Milliarden-Strafzahlungen im Zuge der Abgasaffäre stehen im Raum. Meldungen darüber, dass die Profis dessen ungeachtet mit dicken Geldbündeln in der Gegend unterwegs sind, kann man beim VfL aktuell überhaupt nicht gebrauchen. "Was Max gemacht hat, passt nicht zu dem, wie wir den Verein aufstellen und darstellen wollen", sagte Trainer Dieter Hecking im "Kicker".

Die "Bild" hat am Dienstag zudem nachgelegt und im denkbar spöttischsten Ton darauf hingewiesen, dass Kruse sich im Winter-Trainingslager bereits einen Rüffel eingefangen habe, weil dem Verein die Frühstücksgewohnheiten des Profis nicht passten. Demnach setze Kruse zu sehr auf fetthaltige Schokoaufstriche. Wenn die Meldungslage bereits solch ein Niveau erreicht, dann blinken im Verein alle Alarmleuchten.

Kruse musste sich nie fehlende Einstellung vorwerfen lassen

Der Profi selbst hat sich zu all dem noch nicht zu Wort gemeldet, stattdessen geht er juristisch gegen die Berichterstattung der vergangenen Tage vor. Dass er bei der 0:1-Niederlage in Hoffenheim am Samstag zu den Schwächeren im Team gehörte, passt ins allgemeine Bild.

Wobei Kruse sich bei all seinen Vereinen nie den Vorwurf fehlender Professionalität gefallen lassen musste. Auch in Mönchengladbach machte er zwar Schlagzeilen mit seiner Vorliebe für schnelle, schicke Autos, mit seinen Poker-Auftritten. Aber nach zwei Jahren Gladbach unter dem gestrengen Lucien Favre ging er mit der Bilanz von 23 Treffern aus 66 Ligaspielen. Leistung hat er immer und überall gebracht.

Auch ein Grund, warum er seit nunmehr drei Jahren zum engeren Dunstkreis der Nationalmannschaft gehört, 14 Mal ist er im DFB-Dress bisher aufgelaufen. Seine Aussichten, zur EM im Sommer nominiert zu werden, sind dennoch gering. Und sie sind in den vergangenen Tagen nicht gestiegen.

Der Bundestrainer sieht Eskapaden seiner Nationalspieler abseits des Platzes überhaupt nicht gerne. Selten hat man Joachim Löw so verärgert erlebt wie direkt vor der EM 2012, als Meldungen über eine angebliche Affäre von Verteidiger Jérome Boateng ans Tageslicht gelangten. Der damalige Dortmunder Kevin Großkreutz hatte bei Löw letztlich ausgedient, als die Öffentlichkeit rechtzeitig zur WM 2014 erfuhr, dass der Spieler in einer Hotellobby herumgepöbelt hatte.

Die Nationalmannschaft soll ihr klinisch reines Image behalten, um das sich der Manager Oliver Bierhoff seit Jahren im Sinne eines reibungslosen und lukrativen Sponsoring bemüht. So ein bunter Vogel wie Kruse stört das Bild. Zumal immer noch die Geschichte herumwabert, der Spieler sei 2014 nicht nur aus sportlichen Gründen nicht für die WM nominiert worden, sondern weil er auch intern beim DFB gegen die Etikette verstoßen habe.

Aber das ist beileibe nicht der einzige Grund, warum der Wolfsburger die EM wohl daheim verfolgen muss. Löw ist ohnehin kein Trainer, der gesteigerten Wert auf zu viele Stürmer im Kader legt. Und dass mit dem wiedererstarkten Mario Gomez die Planstelle Angreifer auch anderweitig gefüllt werden kann, macht Kruse noch mehr zum Verzichtbaren. Und das ist womöglich sogar entscheidender als ein verkehrter Brotaufstrich.



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insgesamt 42 Beiträge
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Seite 1
fusselsieb 15.03.2016
1. soziales Engagement
Ich denke, man sollte über Kruse nicht den Stab brechen. Er hat weder was kriminelles getan, noch sich irgendwie geschmacklos geäußert. Da gibt es ganz andere Kaliber, die dem Staat Millionen vorenthalten haben und nun wieder von Presse und Fans hofiert werden. Kruse hat 6 Mio im Jahr zur freien Verfügung. Umgerechnet auf ein normales Gehalt hat er nun etwa 750€ "gespendet". Ein feiner Zug.
jupp78 15.03.2016
2.
Also wirklich verstehen tue ich die Aufregung hier auch nicht. So wild waren seine Äußerungen über Tinder und entsprechende Kandidatin nun auch nicht. Und das war das einzige, was von ihm aktiv gesteuert getan wurde. Dass er das Geld hat liegen lassen, ist eigentlich schon Strafe genug und da steckt ja nun sicher kein Vorsatz dahinter. Wirklich lächerlich wird es bei der Aufstrichnummer. Klar kann da ein Trainer oder ein Mannschaftsarzt mal einen Rüffel fallen lassen, aber wenn was interessant daran ist, dann wohl, dass solche Dinge irgendwer aus der Mannschaft Richtung Bild weiter gibt. Das ist Kruse nun auch nicht anzulasten.
dr_nutschie 15.03.2016
3. Sportlich verzichtbar...
sowohl für Jogi als auch für Wolfsburg. Wer will solche Spieler im Kader haben??
frank_w._abagnale 15.03.2016
4. Hohlraum....
Was man in den Beinen hat, kann man eben nicht im Köpfchen haben....
unter_linken 15.03.2016
5.
Zitat von fusselsiebIch denke, man sollte über Kruse nicht den Stab brechen. Er hat weder was kriminelles getan, noch sich irgendwie geschmacklos geäußert. Da gibt es ganz andere Kaliber, die dem Staat Millionen vorenthalten haben und nun wieder von Presse und Fans hofiert werden. Kruse hat 6 Mio im Jahr zur freien Verfügung. Umgerechnet auf ein normales Gehalt hat er nun etwa 750€ "gespendet". Ein feiner Zug.
Ich weiß zwar nicht, wieso man keinen Kommentar schreiben kann, ohne vergleichend auf andere Personen einzugehen, aber das bleibt ihr Geheimnis. Aber die Person auf die Sie hinaus wollen hat nach Bezahlung ihrer Schuld, also auf ein normales Gehalt gerechnet, ca. 30000€ "gespendet". Ein feiner Zug, finden Sie nicht?
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