Mesut Özil Dauerthema Identität

Türkei oder Deutschland? Jahrelang rangen die beiden Fußballverbände um den Ausnahmefußballer Mesut Özil, der im August 2009 sein Pflichtspieldebüt für die DFB-Elf gab. Eine Dokumentation über Symbolisches und Vorbildliches.

Mesut Özil (Archiv)
GUILLAUME HORCAJUELO/EPA-EFE/REX/Shutterstock

Mesut Özil (Archiv)


Mesut Özils Rücktritt aus der deutschen Fußballnationalmannschaft hat die Debatte um Identität und Integration von deutschen Fußballern mit Migrationshintergrund angefeuert. Der Offensivspieler hatte mit diesem Thema schon seine ganze Karriere zu tun, das zeigen diese ausgewählten Artikel und Zitate aus mehr als einem Jahrzehnt.

APRIL 2007:

Vater Mustafa hofft, dass sein Sohn - der seinen türkischen Pass beim Konsulat zurückgab - vielleicht sogar ein Signal gesetzt hat für andere Deutsch-Türken, das zu einer besseren Integration beitragen könnte; auch, weil die Familie zuletzt von Türken als "Verräter" hingestellt wurde.

OKTOBER 2008:

Für welche A-Nationalmannschaft er zukünftig auflaufen wird, ist allerdings noch nicht sicher. Oliver Bierhoff, Manager der deutschen Fußballnationalmannschaft, hofft jedoch auf ein Zeichen, auch an andere junge Fußballer mit ausländischen Wurzeln. "Sollte sich Özil für den DFB entscheiden, wäre das vorbildlich für die Integration anderer Ausländer hier", sagt er damals gegenüber der "Sport Bild", fügt jedoch hinzu : "Dieser Rolle sollte er sich auch bewusst sein." Allerdings buhlt zu diesem Zeitpunkt auch die Türkei um Özil.

JANUAR 2009:

"Unentschlossen zwischen den Fußball-Kulturen" sieht die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung den Jungprofi". Die Nationaltrainer Deutschlands und der Türkei bekunden ihr Interesse an Özil. "Mesut spielt für uns intern in den Planungen eine Rolle, aber das ist seine Entscheidung. Die kann ihm keiner abnehmen", sagt Joachim Löw. Der türkische Trainer Fatih Terim betont: "Wir werden alles tun, damit er für uns spielt."

FEBRUAR 2009:

"Ich bin in Deutschland geboren und wurde hier ausgebildet. Ich bekenne mich zu meinen türkischen Wurzeln, hoffe aber, dass sich durch meine Entscheidung viele Deutsche mit Migrationshintergrund mehr mit der deutschen Nationalmannschaft identifizieren", zitiert die "Welt" den damals 20-jährigen Özil.

MÄRZ 2009:

Auch die Politik sieht Özil als mehr als "nur" einen talentierten Fußballer. Grünen-Politiker Cem Özdemir sieht ihn im Interview mit der "taz" als "Eisbrecher": "Ich werbe aktiv dafür, dass sich hier aufgewachsene türkischstämmige Fußballer für eine sportliche Karriere in Deutschland entscheiden. Dabei ist es auch wichtig, dass es die ersten Eisbrecher wie Mesut Özil gibt. So wird in ein paar Jahren die Diskussion beendet sein, ob die deutsche Nationalmannschaft auch die Nationalmannschaft von Deutschtürken oder anderen Migrantengruppen ist."

"Grindel hätte gehen sollen, nicht Özil"

Zitate starten: Klicken Sie auf den Pfeil

OKTOBER 2009:

Doch Özil wird schnell auch zur Zielscheibe jenes politischen Spektrums, das keine türkischstämmigen Fußballer in der Nationalelf sehen möchte. Als "Plastedeutscher" bezeichnet ihn der NPD-Sprecher Klaus Beier. Özil verzichtet auf juristische Schritte. Vor der Bundestagswahl leiht er zwei Projekten sein Gesicht: einer deutsch-türkischen Wahlfibel der Bundeszentrale für politische Bildung, und einem Internetprojekt auf, in dem tagespolitische Themen in eine Serienhandlung eingebettet werden. Es finde es "wichtig, dass Jugendliche wählen sollten", sagt Özil, der"FAZ".

NOVEMBER 2009:

Seine eigene Integration thematisiert Özil in einem Gespräch mit der "Sport Bild": "Ich stehe für eine gute Integration von Migranten in Deutschland. Wenn man hier als Spieler mit türkischen Wurzeln in der Nationalmannschaft eine tragende Rolle spielen darf, was ich mir wünsche, dann hilft das auch für die weitere Integration vor allem junger Migranten weiter. Deshalb habe ich mich zuletzt auch für Integrationsprogramme eingesetzt."

SEPTEMBER 2010:

Im "SPIEGEL"-Interview spricht Özil darüber, inwieweit der Fußball zur Integration bei ihm persönlich und bei anderen ausländischen Mitspielern beigetragen hat: "Ich glaube, dass der Fußball eine sehr große Rolle in der Gesellschaft spielt. Der hohe Unterhaltungswert, die große Medienaufmerksamkeit, die vielen Zuschauer - all das führt automatisch zu einer besseren Integration.

OKTOBER 2010:

Im Rahmen des EM-Qualifikationsspiels der DFB-Elf gegen die Türkei sorgt ein - angebliches - Interview mit der türkischen Zeitung "Hürriyet" für Wirbel. Dort wird Özil das Zitat "Erklärt mich nicht zum Verräter, wenn ich ein Tor schieße" in den Mund gelegt. Über den damaligen DFB-Kommunikationsdirektor Harald Stenger lässt Özil ausrichten, er habe dieses Interview nie geführt. Während des Spiels wird er von den türkischen Fans ausgepfiffen. Nach seinem Treffer jubelt er nicht ausgelassen, "aus Respekt vor dem Land meiner Vorfahren", wie die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" schreibt.

Der türkische Präsident Abdullah Gül missbilligt in einem Gespräch mit der "Süddeutschen Zeitung" die Pfiffe gegen Özil: "Das hätten sie nicht tun sollen. Und wenn Mesut Özil mich gefragt hätte, für wen er spielen soll, hätte ich ihn ermutigt, im deutschen Team zu spielen. Ich unterstütze ihn uneingeschränkt. Was er tut, ist ein sehr gelungenes Beispiel für Integration, und es ist ein Beitrag zur deutsch-türkischen Freundschaft."

Nach der Partie kommt Bundeskanzlerin Angela Merkel in die Kabine und gratuliert Özil. Löw ergänzt laut "Bild": "Ich denke, dass Mesut ein Musterbeispiel für Integration ist. Mesut hat sich den muslimischen Glauben, die türkische Kultur bewahrt und spielt trotzdem für Deutschland Fußball. Das ist ein tolles Signal."

Das bei diesem Zusammentreffen mit der Bundeskanzlerin entstandene Foto ist kein Zufallsprodukt: "Wir haben das getan, weil das Foto mit der Kanzlerin und Mesut Özil ein Bild mit besonderer Symbolkraft und von gesellschaftspolitischer Bedeutung ist", sagt Stenger. "Es steht für Integration, für die Rolle, die der Fußball dabei spielt, für die Bedeutung der Nationalmannschaft. Deshalb haben wir das Tabu gebrochen."

Regierungssprecher Steffen Seibert hingegen sagt, es habe nie die Absicht bestanden, "ein Integrationsbild" zu machen, das Motiv mit Özil sei "ein fotografischer Zufall". Er habe das Bild ausgewählt, weil Özil wie Miroslav Klose ein Torschütze war. ("SPIEGEL")

MÄRZ 2016:

Özil veröffentlicht auf seiner Facebook-Seite ein Foto, das ihn vor der Kaaba in Mekka zeigt. Die damalige AfD-Chefin Frauke Petry kommentiert dies wie folgt: "Man könnte Özil fragen, ob er mit diesem Bekenntnis auch eine politische Aussage treffen wollte." Auch ihr Parteikollege Alexander Gauland äußert sich im "SPIEGEL" dazu: Bei Fußballspielern akzeptiere er dies, aber "bei Beamten, Lehrern, Politikern und Entscheidungsträgern würde ich sehr wohl die Frage stellen: Ist jemand, der nach Mekka geht, in einer deutschen Demokratie richtig aufgehoben? Liegt die Loyalität beim deutschen Grundgesetz, oder liegt sie bei einem Islam, der ein politischer Islam ist?"

cvn/bka/mfu



TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.