Rassimus-Vorwurf Was die Briten zur Özil-Debatte sagen

In London fühlt sich Mesut Özil wohl: Sein Arbeitgeber, der FC Arsenal, stellt sich in der Rassismus-Debatte vor seinen Star. Doch auch auf der Insel wurde er für seine Auftritte bereits hart kritisiert.

Mesut Özil (Mitte) beim Arsenal-Training
WALLACE WOON/EPA-EFE/REX/Shutterstock

Mesut Özil (Mitte) beim Arsenal-Training


Als Mesut Özil, Per Mertesacker und Lukas Podolski im Juli 2014 nach ihrem Urlaub als Weltmeister zum FC Arsenal zurückkehrten, richtete Trainer Arsène Wenger in der Kabine anerkennende Worte an die Deutschen, und die Mitspieler klatschten. Das Prozedere wiederholte sich für Özil am Montag in Singapur, allerdings unter traurigeren Vorzeichen.

Dieses Mal hielt Arsenal-Geschäftsführer Ivan Gazidis anlässlich eines Grillabends vor Mannschaft und Trainerstab eine flammende, heftig beklatschte Rede, in der er laut Augenzeugen den Ex-Nationalspieler gegen die Angriffe aus der Heimat verteidigte und ausdrücklich die multikulturelle Beschaffenheit des Arsenal-Kaders feierte. "Unsere Vielfalt hat großen Anteil daran, dass wir ein besonderer Verein sind", verkündete der Premier-League-Verein zeitgleich in einer Twitter-Nachricht, die auch in Richtung Deutschland zielte.

Großbritannien ist aufgrund seiner kolonialen Vergangenheit für die Themen Rassismus und Diskriminierung bereits länger und auch stärker sensibilisiert, dementsprechend groß war das Echo, das der Rückzug des 29-Jährigen aus der DFB-Elf fand. Aus den Artikeln der seriösen Presse sprach eine gewisse Fassungslosigkeit, dass Özil antitürkischen Ressentiments nicht nur in den Untiefen des Internets, sondern laut eigener Aussage auch in den Medien und in Person des DFB-Präsidenten Reinhard Grindel begegnete.

"Mesut Özil, du hast unsere volle Unterstützung"

"Es ist surreal, dass jemand, der auf und abseits des Platzes so viel für sein Land geleistet hat, derart despektierlich behandelt wird", schrieb der spanische Arsenal-Kollege Héctor Bellerín: "Bravo Mesut Özil, dass du gegen dieses Verhalten vorgehst." Auch Ex-Gunners-Stürmer Ian Wright, dessen Familie aus Jamaika stammt, lobte den gebürtigen Gelsenkirchener für seinen Mut, jene Missstände anzusprechen, die Wrights Spielergeneration der Achtziger- und Neunzigerjahre nur hinter vorgehaltener Hand beklagen durfte, um nicht als zu weich für den rauen Profi-Job verunglimpft zu werden.

"Uns wurde immer gesagt, wir sollten 'einfach nur spielen', 'dankbar sein' und uns 'aus der Politik heraushalten'," so der 54-jährige Wright. "Mesut Özil, du hast unsere volle Unterstützung dafür, dass du über deine Erfahrungen und Themen redest, die viel größer und wichtiger als Fußball sind."

Video: Mesut Özil mit Arsenal in Singapur

Offener Rassismus auf den Rängen oder im öffentlichen Diskurs ist in England nicht zuletzt dank einer strengen Gesetzgebung beinahe verschwunden, doch unterschwellige Vorbehalte schwingen in der Berichterstattung über so manchen Sportler weiterhin mit. Nationalspieler Raheem Sterling, Kind jamaikanischer Einwanderer, wurde im Vorfeld der WM von "Daily Mail" und "Sun" wiederholt als materialistischer Rotzbengel porträtiert; wohl nicht zufällig bekam er von Zuschauern in Onlinekritiken beständig die schlechtesten Noten.

Die Gunners wollen Özil Geborgenheit geben

Wie Özil wäre auch Sterling im Falle seines Misserfolgs seine "Andersartigkeit" als mangelnder Patriotismus ausgelegt worden, spekuliert die "Times". "Für Immigranten ist Zugehörigkeit nur ein bedingtes Konzept. Spielst du gut, bist du einer von uns. Spielst du schlecht, bist du einer von denen."

In einem lesenswerten Essay im "Guardian" geht John McManus noch auf einen anderen Aspekt der Affäre ein. "Diaspora-Fußballer passen nicht in nationale Schablonen", schreibt er. "Die Antworten von Hardlinern auf beiden Seiten bilden eine Symbiose. Sie geben sich gegenseitig Nahrung, um den Menschen in der Mitte zu isolieren." Erdogans Appell an in Deutschland lebende Türken, sich nicht zu assimilieren, befeuere bewusst das rechtsradikale Narrativ in Europa, wonach es solchen Leuten an Loyalität fehle, so McManus.

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Mesut Özil: Der Rückzug

Bei den Gunners ist man jedenfalls entschlossen, dem fußballerisch staatenlos gewordenen Spielmacher in Nordlondon Geborgenheit zu geben. "Wir alle wollen Mesut helfen, damit er sich bei uns wie zu Hause fühlt, wie in einer Familie", sagte der neue Coach Unai Emery. Özil fühlt sich wohl in der britischen Hauptstadt, die selbst Fußballstars einen gewissen Grad an Anonymität gewährt.

Für viele Briten wirkte Özil nicht kampfeslustig genug

Medien und ein Teil der Arsenal-Fans haben Özil während seiner knapp fünf Jahre im Emirates-Stadion ab und an zwar nicht minder heftig für seine mitunter körper- und schweißlos anmutende Spielweise kritisiert, doch das hatte allein mit fußballkulturellen Vorurteilen auf der Insel zu tun, nicht mit seiner Herkunft. Für den Geschmack vieler Briten wirkte Özil einfach nicht kampfeslustig genug. Tatsächlich war er oft der Erste, der auf dem Spielfeld verloren ging, wenn Arsenals ewigen Schönspielern unter Trainer-Legende Arsène Wenger mal wieder das Konzept in der Defensive fehlte.

"Kritik ist normal, wenn ein Spieler nicht gut spielt", sagte Mesut Özils Berater Dr. Erkut Sögüt im Februar 2017 der BBC, als die Londoner in der Addition 2:10 gegen den FC Bayern in der Champions League verloren hatten. "Aber Mesut hat das Gefühl, dass die Leute sich nicht auf seine Spielweise konzentrieren, sondern ihn zum Sündenbock machen, wenn das Team schlechte Ergebnisse einfährt."

Nicht wenige Experten schätzen jedoch seine manchmal nur auf den zweiten Blick sichtbare Kunst am Ball, die am besten in bestehenden Strukturen zur Geltung kommt. In einem Beitrag für die BBC vor dem überraschend siegreichen FA-Pokal-Finale gegen Chelsea (2:1) im Mai 2017 hatten diverse Fachleute noch erklärt, warum der Weltmeister in der taktisch penibel eingestellten Nationalmannschaft von Joachim Löw so viel besser funktionierte als in Wengers Laissez-faire-System.



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paysdoufs 26.07.2018
1. Hmm
Da scheinen dem werten englischen und Arsenal-Publikum in der Bewertung der Causa aber ein paar Details entgangen zu sein. Etwa die rezenten Angriffe von Erdogan auf den deutschen Staat, seine Bürger und dessen offizielle Vertreter. Und danach ein bestimmter Fototermin. Wenn man das ausblendet fällt "Gratis-Toleranz/-Mut" natürlich deutlich leichter...
Marvin__ 26.07.2018
2. Erdogans Appell, sich nicht zu assimilieren,
Erdogans Appell, sich nicht zu assimilieren, wäre glaubwürdiger, wenn er sich auch an Ausländer in der Türkei richtete. Zu Hause nämlich sieht Herr Erdogan das Thema assimilieren offenbar anders. Oder warum lässt er regelmäßig Deutsche als "Terroristen" verhaften, die eine deutsche Vorstellung von Demokratie und Meinungsfreiheit verfolgen und nicht die Erdogansche?
ogoehni 26.07.2018
3. kein Kämpfer..
Wenn man die leidige Debatte um seine Verehrung des Autokraten von Ankara weglässt und nur die sportliche Seite sieht, bin ich nah bei Hoeneß. Im Artikel steht ja auch, dass er von der englischen Sportpresse hart attackiert wird, wegen seinem kraftlosen Gekicke. Wie bei der WM, es gibt keinen Schönheitspreis. Wir werden ihn in der Nationalmannschaft nicht vermissen, ,,nur Techniker" gibt es genügend in der Bundesliga,wir brauchen aber Spieler mit Kämpferherz, wie es der junge Schweinsteiger war.
bandelier 26.07.2018
4. Ob die Engländer Özil
ebenso pampern würden, wenn sein Präsident die Königin übelst beleidigt und bepöbelt hätte?
donjunta 26.07.2018
5. Das Problem ist doch die Vermischung zweier Dinge
1. özil macht das Foto mit Autokrat Erdogan und distanziert sich nich davon. Gerade mit entsprechenden Beratern sollte das nach 2 Monaten gelungen sein - der Wille scheint nicht vorhanden zu sein das macht es umso schlimmer - für mich hat so jemand in unserem Nationalteam nichts zu suchen. 2. seit Jahren spielt er unter seinen Möglichkeiten zumindest in der Nationalmannschaft. Das eine hat mit dem anderen relativ wenig zu tun, das beides kritisiert wird sollte ein Profi wie Özil abkönnen können. Die Dünnhäutige Reaktion und die Rassismusdebatte spricht Bände über seinen Charakter
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