Grindel zum Fall Özil "Hätte mich deutlicher positionieren müssen"

Vier Wochen nach Mesut Özils Rücktritt aus der Nationalmannschaft hat DFB-Präsident Reinhard Grindel in einem Interview Fehler eingeräumt. Er will aber trotzdem im Amt bleiben.

Reinhard Grindel
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Reinhard Grindel


DFB-Präsident Reinhard Grindel hat sich in einem Interview mit der "Bild am Sonntag" selbstkritisch über sein Verhalten im Umgang mit Ex-Nationalspieler Mesut Özil geäußert. "Ich hätte mich angesichts der rassistischen Angriffe an der einen oder anderen Stelle deutlicher positionieren und vor Mesut Özil stellen müssen", sagte Grindel. "Da hätte ich klare Worte finden sollen."

Rassistische Beleidigungen, die Özil im Juli als Grund für seinen Rücktritt aus der Nationalmannschaft angegeben hatte, bezeichnete Grindel als "völlig inakzeptabel". "Dass er sich da vom DFB im Stich gelassen fühlte, tut mir leid", sagte der 56-Jährige.

Grindel betonte aber auch, dass er sich "zu keinem Zeitpunkt" abfällig über Özils sportliche Leistung geäußert oder dem Mittelfeldspieler die Schuld am historischen Vorrundenaus bei der WM in Russland gegeben habe. "Für mich war immer klar, dass wir zusammen gewinnen und zusammen verlieren. Einen einzelnen Spieler für das Ausscheiden verantwortlich zu machen, wäre ja absurd", sagte Grindel.

Kein Rücktritt Grindels und noch kein Treffen zwischen Löw und Özil

Özil hatte Grindel in der öffentlichen Begründung seines Rücktritts schwere Vorwürfe gemacht. Unter anderem schrieb Özil, er habe sich herabgewürdigt und bevormundet gefühlt. Obwohl ihn die Aussagen getroffen haben, wie er schon in einer ersten Reaktion auf Özils Statements Ende Juli eingeräumt hatte, habe der DFB-Präsident nie darüber nachgedacht, selbst Konsequenzen zu ziehen und seinen Posten zur Verfügung zu stellen. "Ich habe sehr großen Rückhalt bei den Landesverbänden und in der Bundesliga", sagte Grindel und stellte klar, dass er mindestens bis zur nächsten Wahl im Amt bleiben wolle.

Zu einer möglichen Rückkehr Özils in die Nationalmannschaft sagte Grindel, dass darüber "unser Präsidium und der Bundestrainer gemeinsam beraten" müssten. Es habe aber "bislang ja nicht einmal ein Gespräch zwischen Jogi Löw und Mesut Özil gegeben", sagte er. "Ich weiß, dass das dem Bundestrainer sehr wichtig wäre." In den vergangenen Wochen hatten sich verschiedene Nationalspieler zu Özils Rücktritt geäußert. Zuletzt hatte Toni Kroos gesagt, dass sein ehemaliger Mitspieler "Quatsch" verbreitet habe, weil es in der Nationalmannschaft keinen Rassismus gebe.

Neben dem Fall Özil räumte Grindel im Interview weitere Fehler des DFB ein. So habe er erkannt, dass der aus Marketinggründen entwickelte Claim "Die Mannschaft" von der Basis "als sehr künstlich" empfunden werde und deshalb "auf den Prüfstand" gestellt werden müsse. Zudem solle es in Zukunft mehr öffentliche Trainingseinheiten und niedrigere Ticketpreise geben, um wieder näher an die Fans heranzurücken.

mmm/dpa/sid

insgesamt 20 Beiträge
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ghosthh 19.08.2018
1. Keine Überraschung
Dem Druck nachgebend eine halbherzige Entschuldigung raushauen, ein paar Goodies für die Fans (Ticketpreise, öffentliche Trainingseinheiten) oben drauf garnieren, und bloß keine persönlichen Konsequenzen ziehen. Alles wie gehabt.
heindeburk 19.08.2018
2. DFB braucht führungsschwachen Präsidenten
Herr Grindels Stärken, die angeblich für starken Rückhalt in Verband und Ligen sorgen, bleiben erneut verborgen. Hier biegt und windet sich jemand, der am Sessel klebt, ohne Verantwortung übernehmen zu wollen. Offenbar fehlt ihm schlicht die berufliche Alternative, er wäre arbeitslos, stünde vor dem Nichts. Das geht natürlich nicht - armer Grindel. Ist egal, was Sie tun und entscheiden. Bleiben Sie ihm Amt, denn solche führungsschwachen Personen braucht der DFB offenkundig
silesian 19.08.2018
3. er hat es noch immer nicht verstanden
Herr Grindel gibt weiterhin Statements eines Provinzpolitikers ab. Das er im gleichen Maße am Niedergang des deutschen Fußballs wie die Herren Bierhoff und Löw beteiligt ist, scheint ihm nicht in dem Sinn zu kommen. Mit der Führung des weltweit größten Verbandes ist er schlicht und einfach überfordert. Als kleiner Apparatschik droht er einem großen Schaden anzurichten.
kyros 19.08.2018
4. Kritik an Özil war berechtigt!
Die Kritik, dass Sport nicht für politische Zwecke ausgenutzt werden sollte, war berechtigt. Als Zuwanderer aus der Türkei mit kurdischer Herkunft finde ich es wichtig, dass der DFB sich zu dem gemeinsamen Foto von Özil und Gündogan mit Erdogan äußert. Schlimmer wäre es, wenn der DFB sich nicht dazu geäußert hätte. Ob Grindel darüber hinaus rassistische Ansichten hat, kann ich nicht beurteilen, aber aus der Kritik, die er geäußert hat, kann man das nicht ableiten. Schlimmer ist in diesem Fall eine Äußerung von Hoeneß, der nicht das Foto, sondern abfällig die Leistung von Özil kritisiert.
claus7447 19.08.2018
5. Neuanfang
Dem einzigen dem ich einen Neuanfang zutrauen würde wäre Löw. Abgehalfterte Politiker mit wenig Weitblick und Selbstüberschätzung sollten in den Ruhestand gehen - Grindel wäre Nr. 1!
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