Real-Regisseur Özil: Der linkische Superstar

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Mesut Özil hat es ganz nach oben geschafft: Der 23-Jährige führt Regie im Mittelfeld des spanischen Edelclubs Real Madrid. Dennoch werden seine Qualitäten in Deutschland noch unterschätzt. Im Champions-League-Halbfinale gegen die Bayern wird er zeigen, was er wert ist.

Real-Spieler Mesut Özil: Der Zauberer von Öz Fotos
dapd

Normalerweise müsste Mesut Özil der unbestritten größte deutsche Fußballstar dieser Zeit sein. Der 23-Jährige ist Spielmacher von Real Madrid, etwas Größeres gibt es im internationalen Fußball nicht. Doch in der öffentlichen Wahrnehmung rangiert Özil irgendwo hinter Mario Gomez, Philipp Lahm und Bastian Schweinsteiger. Unterschätzt zu werden - das begleitet ihn durch seine Karriere. Und es entspricht seinem Naturell.

Özil ist kein Mann für die erste Reihe. Wenn er irgendetwas in seiner Sportlerkarriere nicht mehr lernen wird, dann ist es der geschmeidige Auftritt in der Öffentlichkeit. Die Radiomikrofone und Fernsehkameras umkurvt er mit Vorliebe, ihm fehlt die Eloquenz, in Interviews klammert er sich an die gängigen Fußballfloskeln. Özil ist für den Rummel nicht geschaffen.

Dass er sich bei Real trotzdem durchgesetzt hat, bei diesem Club der Super-Egos und Narzissten, spricht erst recht für seine Klasse. Wenn Madrid am Dienstagabend (20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) sein Champions-League-Halbfinale bei Bayern München bestreitet, wird Özil für 90 Minuten die Gelegenheit bekommen, die Lahms, Gomez' und Schweinsteigers in den Schatten zu stellen.

Spanische Presse nennt ihn "Zauberer von Öz"

Am vergangenen Wochenende gab es wieder einen dieser Özil-Momente, die dazu beigetragen haben, dass die spanische Presse den Deutschen zum "Zauberer von Öz" umgetauft hat. Bei der Ligapartie gegen Sporting Gijon hatte der Nationalspieler per Traumpass Stürmer Karim Benzema freigespielt, der ohne Mühe zum 3:1-Endstand für den Tabellenführer verwandeln konnte.

In seiner ersten Real-Saison, nachdem er 2010 von Werder Bremen nach Spanien gewechselt war, waren diese Özil-Momente die Regel. Der Deutsche spürte das Vertrauen, dass Coach José Mourinho in ihn setzte. Er zahlte es zurück. Der Star im Real-Mittelfeld hieß fortan Özil, nicht Káká, der Brasilianer, für den der spanische Rekordmeister im Jahr zuvor noch 65 Millionen Euro Ablösesumme gezahlt hatte.

Zuletzt wirkte er allerdings leicht überspielt, wurde von Mourinho auch schon mal aus der Startelf genommen oder vorzeitig ausgewechselt. "Das Genie ist müde", hat die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" getitelt, aber bei Madrid ist das eher ein normaler Vorgang. Die Saison in Spanien ist anstrengend, die Spitzenclubs absolvieren ungefähr zehn bis manchmal 15 Pflichtspiele mehr als in Deutschland pro Jahr. Die gesamte Saison über auf gleichmäßig hohem Niveau zu spielen, das schafft bei Real in der Offensive nur der einzige, der als absolut unverzichtbar gilt: Cristiano Ronaldo, der 41-Tore-Mann der Primera Division.

Mourinhos Spielweise nicht immer Özil-like

Mourinhos Spielweise bei Madrid kommt Özil zudem nicht unbedingt entgegen. Weil der Trainer lieber den Ball ohne Umschweife nach vorne tragen lässt, statt ihn im Mittelfeld kreisen zu lassen, statt mit Kurzpässen und Dribblings zu arbeiten. Manchmal kommen die besonderen Qualitäten des Deutschen dadurch nicht zur Geltung. Möglicherweise wäre der große Real-Rivale, der FC Barcelona, sogar der noch bessere Club für Özils Spielweise gewesen. Aber das wäre für einen so mit Talent gesegneten Fußballer wie den Deutschen jammern auf allerhöchstem Niveau.

"Der Hype rund um Real Madrid ist riesig, deshalb muss man auch mit weniger guten Phasen umgehen können, wenn man hier spielen will", hat Özil im "Kicker" gesagt. Und dass er am liebsten bis zum Karriereende noch bei Real spielen möchte. Das kann noch dauern. Der Mann ist erst 23 Jahre alt, hat aber schon 31 Länderspiele gemacht. Er hat eine Laufbahn im Höchsttempo hingelegt - das erste Ligaspiel für Schalke 04 mit 17 Jahren, der Wechsel zu Werder Bremen mit 19, sein erstes WM-Turnier mit 21 Jahren. Direkt danach der große Karrieresprung zu Real.

Özil, das Kind türkischer Gastarbeiter aus dem Ruhrpott, hat es sehr früh ganz nach oben geschafft. Er fährt einen 200.000 Euro teuren Ferrari, den Urlaub hat er auf einer Yacht vor Ibiza verbracht, in der Boulevardpresse wird über Freundinnen aus dem Glamour-Milieu berichtet.

Özil hat das alles mitgenommen, aber wenn man ihn im Umkreis der Nationalmannschaft erlebt, wirkt er dann doch eher wie ein linkischer kleiner Junge. Der einfach richtig gut Fußball spielen kann.

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insgesamt 16 Beiträge
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1. Ahrens wieder..
Stelzi 16.04.2012
"Mourinhos Spielweise bei Madrid kommt Özil zudem nicht unbedingt entgegen. Weil der Trainer lieber den Ball ohne Umschweife nach vorne tragen lässt, statt ihn im Mittelfeld kreisen zu lassen, statt mit Kurzpässen und Dribblings zu arbeiten. Manchmal kommen die besonderen Qualitäten des Deutschen dadurch nicht zur Geltung. " Schon komisch, bei der Nationalmannschaft scheint er dieses vertikale Spiel durchaus zu beherrschen. In Wirklichkeit beherrscht er es auch bei Real, das ist nur wieder so ein Ahrens-Aussetzer um den Artikel zu strecken.
2. Schau mer mal
seworo 16.04.2012
Mesut Özil hat in großen Spielen noch nie gezeit, was in ihm steckt. Hoffen wir mal, dass es bei der EM anders wird!
3.
Locutus 16.04.2012
Zitat von seworoMesut Özil hat in großen Spielen noch nie gezeit, was in ihm steckt. Hoffen wir mal, dass es bei der EM anders wird!
Was zählen sie denn als große Spiele?
4. Unsinn
earl grey 16.04.2012
Zitat von seworoMesut Özil hat in großen Spielen noch nie gezeit, was in ihm steckt. Hoffen wir mal, dass es bei der EM anders wird!
Unsinn - dann wäre er in Madrid schon längst weg vom Fenster...
5.
meinsenf1 16.04.2012
Zitat von StelziSchon komisch, bei der Nationalmannschaft scheint er dieses vertikale Spiel durchaus zu beherrschen. In Wirklichkeit beherrscht er es auch bei Real, das ist nur wieder so ein Ahrens-Aussetzer um den Artikel zu strecken.
Er kann beides, aber das mit Barca dachte ich mir auch schon öfter, wenn er wieder mit Doppel-/Dreifach-Pass arbeiten wollte und der Mitspieler lieber abzieht statt zurück zu spielen.
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