Mesut Özil Integrationsmaskottchen wider Willen

Mesut Özil war einst das Gesicht eines modernen, weltoffenen Deutschlands. Nun hat er einen Fehler gemacht, wird rassistisch beschimpft und tritt zurück. Was ist da nur schiefgelaufen?

Özil, Merkel, Wiese und Khedira im EM-Quartier 2012
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Özil, Merkel, Wiese und Khedira im EM-Quartier 2012

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Um das Drama des Mesut Özil zu begreifen, lohnt es sich, acht Jahre zurückzuschauen. Der 8. Oktober 2010 ist im Rückblick der Tag, an dem die Tragödie ihren Anfang nahm. An jenem Freitag spielte die deutsche Nationalmannschaft in der EM-Qualifikation gegen die Türkei.

Die Mehrzahl der 76.000 Zuschauer im Berliner Olympiastadion drückte der Türkei die Daumen. Sie pfiffen Mesut Özil bei jeder Ballberührung gnadenlos aus - weil er sich für Deutschland entschieden hatte. Anders als Nuri Sahin und die Zwillingsbrüder Hamit und Halil Altintop, die an jenem Abend in Berlin das Trikot der Türkei trugen. Die drei kamen genau wie Özil als Kinder türkischer Einwanderer im Ruhrpott zur Welt, entschieden sich aber gegen eine Karriere in der DFB-Elf und für die türkische Nationalmannschaft.

Trotz der Pfiffe der türkischen Fans machte Özil damals ein überragendes Spiel, der damals 21-Jährige war Dreh- und Angelpunkt des deutschen Spiels. Er schoss das 2:0, auf den Torjubel verzichtete er aus Respekt vor seinen türkischen Wurzeln. "Ausgerechnet unser Özil", jubelte die "Bild" am nächsten Tag.

Merkel besucht die Nationalmannschaft in der Kabine
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Merkel besucht die Nationalmannschaft in der Kabine

Nach dem 3:0-Sieg eilte Bundeskanzlerin Angela Merkel in die Kabine der deutschen Mannschaft. Sie wollte sich im Glanz des türkischstämmigen Profis sonnen, der plötzlich für ein weltoffenes und erfolgreiches Deutschland stand. Ein Fotograf des Bundespresseamts schoss ein Foto, das Özil seither verfolgt: Merkel schüttelt dem Nationalspieler die Hand, der mit freiem Oberkörper in der Kabine steht. Das Foto sollte zeigen: Özil gehört zu Deutschland. Der schüchterne Mittelfeldspieler wurde plötzlich zu Deutschlands Integrationsmaskottchen.

An jenem Abend traf Özil aber noch jemand anderen: Recep Tayyip Erdogan. Der damalige türkische Regierungschef und die Bundeskanzlerin hatten das Spiel gemeinsam auf der Ehrentribüne verfolgt. Heute undenkbar, damals selbstverständlich. Während seines Berlin-Besuchs rief Erdogan damals die in Deutschland lebenden Türken dazu auf, sich zu integrieren. "Da bin ich selbstverständlich dafür, dass die Menschen türkischer Abstammung hier in Deutschland sich integrieren für ihr eigenes Glück", sagte Erdogan. Hätte Özil damals für ein Foto mit dem türkischen Premier posiert, hätte sich wohl kaum jemand aufgeregt.

Özil und Erdogan im Mai
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Özil und Erdogan im Mai

Doch seit 2010 hat sich vieles verändert: Erdogan hat sich als autoritärer Herrscher entpuppt, der Menschenrechte mit Füßen tritt. Deutschland ist ein Land, das mit seiner Rolle in der Welt hadert und noch immer keine Haltung im Umgang mit Migranten und ihren Nachfahren gefunden hat. Und Merkel ist eine Politikerin geworden, die Bilder mit Flüchtlingen oder Migranten inzwischen lieber meidet. Und Özil ist inzwischen zu einem Weltstar mit 31 Millionen Facebook-, 23 Millionen Twitter-, und 17 Millionen Instagramfollowern geworden, der nirgendwo so kritisch gesehen wird wie in Deutschland.

Özil spielt seit 2010 in Madrid und London, in Mannschaften mit Profis aus aller Herren Länder, in denen allein Leistung zählt und nicht der Reisepass. Er selbst hat sich in all den Jahren mit Statements zu Politik und Integration zurückgehalten. Durch Interviews hangelte er sich mit den üblichen Fußballerphrasen.

Nur einmal, 2015, macht er seiner Wut Luft. Er ärgerte sich öffentlich darüber, dass er noch immer als "Deutschtürke" bezeichnet werde. "Nur ich werde so bezeichnet. Bei Sami Khedira sagt keiner 'der Deutsch-Tunesier' oder bei Lukas Podolski und Miroslav Klose 'der Deutsch-Pole'", sagte Özil damals der "Sport-Bild". "Viele vergessen, dass ich in Gelsenkirchen geboren wurde, in Deutschland aufwuchs."

Der Ball liegt beim DFB und der deutschen Öffentlichkeit

Mit der AfD haben inzwischen jene Teile der deutschen Gesellschaft ein Sprachrohr im Bundestag gefunden, die der Ansicht sind, dass Deutsche mit türkischen Wurzeln wie Özil grundsätzlich nichts in der Nationalmannschaft verloren haben. Sein Foto mit Erdogan gab ihnen den willkommenen Anlass, ihre rassistischen Ressentiments in die Welt hinauszuposaunen.

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Mesut Özil: Der Rückzug

Als die NPD 2006 einen WM-Planer herausbrachte, auf dem ein Foto des schwarzen, damaligen Nationalspielers Patrick Owomoyela zu sehen war, begleitet mit der Parole: "Weiß. Nicht nur eine Trikot-Farbe! Für eine echte NATIONAL-Mannschaft!", sorgte das für einen Aufschrei in Sport und Politik. Wenn heute AfD-Bundestagsabgeordnete wie Martin Hohmann eine Nationalelf ohne türkischstämmige Spieler fordern, sorgt das nur noch für Schulterzucken.

Für Özil war das zu wenig.

Übrigens: Streng genommen ist Özil gar nicht zurückgetreten. Er schrieb, er wolle nur so lange nicht mehr für Deutschland spielen, wie er "Rassismus und Respektlosigkeit" empfinde. Der Ball liegt damit beim DFB und der deutschen Öffentlichkeit.

Video: Tschüss, Deutschland! - Zurück in die Türkei

insgesamt 202 Beiträge
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Seite 1
Das dazu 23.07.2018
1. Perfekte Zusammenfassung
Der den Ball ganz klar dahin legt, wo er hingeört. In die Politik und zum DFB. Özil war zu naiv, ja. Aber mies benommen und benehmen sich andere, allen voran die "unser Özil" Bild-Zeitung.
rosabalou 23.07.2018
2. wie lange soll uns....
...dieses Thema denn noch verfolgen - vielleicht bis zum Ende des Sommerlochs? Das Thema ist viel zu hoch gehängt. Özil hat mit dem Foto sicher nicht ganz glücklich agiert, aber was solls? Zuerst einmal ist Özil MENSCH, dann vielleicht Deutscher, oder Türke oder Deutsch-Türke. Was spielt das für eine Rolle? Diese Häme und Hetze hat niemand verdient. Vielleicht sollte sich mancher Forist einmal verdeutlichen, dass jeder Mensch Ausländer ist, es kommt halt nur darauf an, in welchem Land wir uns gerade aufhalten. Viele Kommentare sind einfach nur ekelhaft...........
tinosaurus 23.07.2018
3. Berechtigt
Die Kritik an Özil hinsichtlich der gemeinsamen Ablichtung mit dem Autokraten Edogan finde ich absolut berechtigt. Mit der katastrophalen Leistung der Mationalelf hat es allerdings nichts zu tun und da hat Özil auch recht. Ich finde es traurig und beschämend, dass er die Tragweite seiner Aktivität mit Erdogan bis heute nicht begriffen hat und nicht begreifen will.
kellys 23.07.2018
4. und immer immer wieder....
ich kann sie bald nicht mehr sehen diese Kommentare zum Fall eines Fußballers . Aber die Medien haben schon lange nicht mehr einen solchen Knaller zum Sommerloch füllen gehabt. Also gönne ich es ihnen und werde entspannt auf dem Balkon liegen und Musik hören. Irgendwann wird der faule Zauber ja vorbei sein.
ekel-alfred 23.07.2018
5. Es reicht,
ich kann den Mist mit den "türkischen Wurzeln" echt nicht mehr hören und lesen. Mein Vater wurde in Preußen, Königsberg geboren und floh wie viele andere auch von dort. Muss ich deshalb jetzt mit Putin Fotos machen? Habe ich deshalb russische Wurzeln? Özil ist hier geboren, er hat hier die Schule absolviert und hat hier die Chance bekommen, Fußballprofi zu werden. Das einzige, was ihn noch mit der Heimat seiner Eltern verbindet, sind höchstens die Großeltern oder die Sprache. Und wenn er sich zwei Welten zughörig fühlt, hat er was falsch gemacht.
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