Özil-Rücktritt Die Last auf den Schultern

Mesut Özils Rücktritt bedeutet auch sportlich einen herben Verlust für die Nationalmannschaft. Der 29-Jährige war der Schlüsselspieler der Ära Löw - auch wenn das nicht immer bemerkt wurde.

Nationalspieler Mesut Özil
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Nationalspieler Mesut Özil

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Ach, ja, die Körpersprache. Es ist das beliebteste Argument der Özil-Kritiker in den vergangenen Jahren gewesen. Die hängenden Schultern, der traurige Blick. Für Özil wurden ganz neue Kategorien der sportlichen Bewertung geschaffen. Die Teamkollegen mochten noch so sehr über den Platz schlurfen, am Ende war es doch wieder Özil, an dessen Figur die Einstellung auf dem Platz festgemacht wurde.

Nach 92 Länderspielen und fast zehn Jahren in der Nationalmannschaft war es das nun für Özil, und die Kritiker müssen sich einen anderen suchen, an dem sie sich abarbeiten können. Der im Zorn erfolgte Rücktritt des 29-Jährigen ist ein gesellschaftspolitischer Aufreger. Aber er brockt der Nationalelf von Bundestrainer Joachim Löw auch ein sportliches Problem mittelgroßer Dimension ein. Einen wie Özil hat die DFB-Elf nicht zur Verfügung.

Mesut Özil war der Lieblingsspieler von Joachim Löw. Auch diese Beziehung hat in diesem Sommer Schaden genommen, wie so vieles rund um den DFB und seine A-Mannschaft. Seit 2009 hat Löw auf seinen Mittelfeldspieler gesetzt, auf seine Kreativität, auf seine Pässe, die oft so überraschend und unangekündigt kamen, dass viele Zuschauer sie so schnell gar nicht bemerkten. Geschweige denn würdigten. Bei der WM 2010 bewahrte Özil das Team gegen Ghana vor dem frühen Aus und Löw vor einer möglichen Entlassung, es war der Grundstein dafür, dass diese Mannschaft jahrelang so gefeiert wurde - auch das hat Löw nicht mehr vergessen.

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Mesut Özil: Der Rückzug

In jedem Turnierspiel seit 2010 stand Özil in der Startformation. Diese Serie endete erst in Russland, als Löw zur zweiten WM-Partie gegen Schweden auf seinen Zehner verzichtete. Da war der mediale Druck auf Löw und Özil schon so groß geworden, dass beide damit nicht mehr adäquat umgehen konnten. Dass der Bundestrainer seinen zentralen Mittelfeldspieler opferte, hatte auch damit zu tun und war sportlich nur begrenzt vermittelbar.

Deutschland sei 2014 nicht wegen Özil, sondern trotz Özil Weltmeister geworden, hört man oft. Das Gleiche wird auch gerne von den gleichen Leuten über Löw gesagt. Vielleicht funktionierte die Verbindung zwischen dem Trainer und seinem Mittelfeldmann auch deshalb so gut. Beide standen regelmäßig im Zentrum der Anfeindungen, beide polarisieren, und beiden war klar, dass sie nur miteinander Erfolg haben würden. Özil spielt immer. Das war die Löw-Maxime. Davon in Russland abzurücken, war einer der Keime des Scheiterns.

Es stimmt: Özil schlich zuweilen über den Platz, aber es war ein Schleichen desjenigen, der damit beschäftigt ist, die Lücke in der gegnerischen Abwehr zu erspähen und häufig genug auch zu finden. Ihm läuferische Defizite zu attestieren, war allerdings immer schon Unfug. Özil ist einer der laufstärksten Spieler in der DFB-Elf gewesen. Selbst bei dem furchterregend langsamen Tempo, das die Mannschaft in Russland gegen Südkorea anschlug, hatte er noch die besten Werte zu verzeichnen.

Özil hat nie gerne geredet

Mesut Özil hat sich bei Real Madrid durchgesetzt, beim FC Arsenal spielt er seit Jahren eine zentrale Rolle, die Kritik an seiner Spielweise ist er aber nie losgeworden. Was auch daran lag, dass er keiner ist, der dafür viel tut, dass ihm die Sympathien zufliegen. Özil hat zwar Millionen Follower in den sozialen Netzwerken, mehr als jeder andere Nationalspieler. Für ihn ist es jedoch der einfachste Weg der Kommunikation. Özil hat in der Öffentlichkeit nie viel geredet, er hat es vor allem sehr ungern getan. Vor den Medien schien er regelrecht Angst zu haben, Angst, ihren Fragen nicht gewachsen zu sein. Er hangelte sich bei Pressekonferenzen von Phrase zu Phrase der Kategorie: "Ich spiele dort, wo der Bundestrainer mich hinstellt." In dieser Hinsicht blieb er der kleine Junge aus Gelsenkirchen, nicht der erwachsene Mann, der sich seiner Rolle und Verantwortung bewusst ist.

Wer Özil bei Trainingseinheiten der Nationalmannschaften beobachtete - sofern das der Öffentlichkeit noch möglich war -, bewunderte die Ballbehandlung, die Passsicherheit dieses Spielers, der in dieser Hinsicht allen anderen Nationalspielern überlegen war. Die manchmal stehen blieben und zuguckten, was Mesut Özil wieder mit dem Ball anstellte.

Ein Spielmacher, der seine Vorzüge im Unauffälligen entfaltete. Das scheint ein Widerspruch in sich selbst zu sein, aber bei Özil ging das auf. So einer fehlt dem Bundestrainer ab sofort. Das wird der größte Umbruch sein, mit dem Joachim Löw nach dieser WM klarzukommen hat. Man könnte nachvollziehen, wenn der Bundestrainer deswegen mal die Schultern hängen ließe.



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Seite 1
peter-11 24.07.2018
1. endlich
Vielen Dank für einen wohltuenden und sportlich sachlichen Kommentar. Super beschrieben, auch wenn das Millionen "Bundestrainer" anders sehen und wohl wieder mit ihrer "Fachkompetenz" herum geifern werden. Wer solche Dauernörgler zum Freund hat, braucht wahrlich keine Feinde.
ludna 24.07.2018
2. Ah, wir Zuschauer sind nur zu blöd
Pässe, "die oft so überraschend und unangekündigt kamen, dass viele Zuschauer sie so schnell gar nicht bemerkten". Die Mitspieler wohl auch nicht.
tarelsun 24.07.2018
3. Liebling
Mesut Özil war der Lieblingsspieler von Joachim Löw. Genau das ist doch unser Problem. Es hat keine Lieblinge zu geben. Man überzeugt sportlich oder man fährt nicht mit. Egal ob man da Özil Müller oder Neuer heißt. Alle 3 hätte man besser daheim gelassen.
mirror66 24.07.2018
4. Fatal
Das Absurde daran: die politischen Kräfte, die Özil in der Türkei auf wirklich blödsinnigste Weise unterstützt, sind denen, die ihn hier rassistisch angreifen äußerst ähnlich. Der Unterschied: in der Türkei haben sie sich die Macht ergaunert und zerstören das ganze Land, hier täten sie das gerne ... wird aber nix. Ein Propagandist Türkischer Nazis wird von Deutschen Nazis angefeindet? Meine Anteilnahme hält sich in Grenzen!
argonaut-10 24.07.2018
5. So
jetzt haben wir den Salat. Nur Leute, die wirklich Fussball gespielt haben, würden ein Talent wie Özil richtig bewerten können. So ein Spieler kommt nur alle x-Jahre mal. So wie Modric beispielsweise auch. Was nützt ein Kros, der 100te von Pässen auf kurze Distanz sicher spielt, auch einen guten Torschuß hat, der aber bei der WM weniger nach hinten gearbeitet hat, als beispielsweise Özil. Und noch etwas... wenn wir schon die Politik rauslassen wollen beim Sport... dann lasst die Merkel ebenfalls aus der Umkleide.
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