Debatte über Rassismus im Fußball Steilvorlage für den Stammtisch

Mesut Özil hat seinen Rücktritt mit dem Rassismus begründet, der ihm im Fußball begegnet. Seine plakativen Formulierungen machen es der Branche leicht, die Vorwürfe abzutun - und das ist problematisch.

Mesut Özil
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Vor wichtigen Fußballspielen wird auf den Großbildleinwänden der Stadien häufig ein Spot eingeblendet, in dem Fußballstars in ihren jeweiligen Landessprachen den Satz sprechen: "Nein zum Rassismus." Manuel Neuer, Zlatan Ibrahimovic, Lionel Messi - auch Mesut Özil ist dabei, er blickt allerdings nur stumm in die Kamera.

Die Botschaft: Rassismus hat im Fußball keine Chance.

Und jetzt erhebt einer aus diesem Spot plötzlich genau diesen Vorwurf des Rassismus. Mesut Özil begründet seinen Rücktritt aus der deutschen Nationalmannschaft sogar explizit damit. Es wäre also ein angemessener Zeitpunkt für die Branche, darüber zu sprechen, ob "No to Racism" nur ein folgenloses Werbefilmchen ist oder ob der Fußball tatsächlich ein Problem hat.

Allerdings sind seit Sonntag, seitdem Özil seine Erklärung veröffentlichte, lediglich Abwehrreflexe zu erkennen. Es gibt keine prominente Stimme aus dem Fußball, die dazu aufruft, Özils Vorwürfe zumindest ernsthaft zu prüfen. Oder wenigstens darüber nachzudenken, wie er darauf kommt.

Özil macht es den Kritikern leicht

Einige Aussagen des 29-Jährigen sind, vorsichtig gesprochen, plakativ formuliert. Die Gekränktheit schimmert an vielen Stellen durch. Dass er zudem keine eigenen Fehler eingesteht, macht es seinen Kritikern und denen, die er angreift, relativ leicht, auch die schwerwiegenden Rassismusvorwürfe entsprechend abzutun.

Der DFB, dessen Präsident Reinhard Grindel von Özil persönlich scharf angegangen wird, hat am Montag mit dem Hinweis gekontert, der DFB habe "in den vergangenen 15 Jahren eine vielschichtige Integrationsarbeit etabliert, die bis in die Amateurvereine wirkt". Er stehe "für Vielfalt, von den Vertretern an der Spitze bis zu den unzähligen, tagtäglich engagierten Menschen an der Basis".

Die DFL, die Vertretung der Profivereine, war noch deutlicher. Man kann auch sagen, kühler: Was Özil schreibe, sei "in keiner Weise hinnehmbar". Er schieße "über jedes nachvollziehbare Maß hinaus". Der Rassismus-Vorwurf sei "eine Unterstellung", so DFL-Boss Reinhard Rauball. Für die Würdigung von Özils Verdiensten in zehn Jahren im DFB-Team war nur noch ein dürrer unpersönlicher Satz übrig.

Der Gossenton liegt nah

Bayern-Präsident Uli Hoeneß, immer noch eine wichtige Person im deutschen Fußball, hielt sich nicht mit dem Rassismusvorwurf auf. Er glaubte, Özils sportliche Leistungen abwerten zu dürfen mit dem Satz, der 92-fache Nationalspieler habe "seit Jahren nur Dreck gespielt". Dass Hoeneß vulgär wird, ist zwar nicht neu. Aber es ist schon auffällig, dass in Zusammenhang mit Özil der Gossenton bei einigen sogenannten Experten nah liegt, den sie sich bei anderen Fußballern tunlichst verkneifen würden.

Das geht in die Richtung, in der sich der frühere Nationalspieler Mario Basler schon während der WM über Özil äußerte, in dem er dem Mittelfeldspieler die "Körpersprache eines toten Frosches" attestierte. Hoeneß und Basler würden mit Empörung zurückweisen, dass dies etwas mit Rassismus zu tun habe. Aber dem Stammtisch liefern sie mit einer solch rüden Wortwahl die perfekte Vorlage. Und damit bedienen sie viele Fußballfans in Deutschland.

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Mesut Özil: Der Rückzug

Die DFL hat am Montag erklärt: "Der deutsche Fußball hat mit unzähligen Aktionen bewiesen, dass er sich für Integration, ein faires Miteinander und ein weltoffenes Land engagiert." Genau diesen Eindruck hat man in den Vorwochen im Fall Özil nicht mehr gehabt, als sich die berechtigte Kritik am Erdogan-Foto mit Ressentiment vermischte und alle Funktionsträger vom Bundestrainer bis zum DFB-Kapitän abgetaucht waren. Özil sagt, er sei nach dem Südkorea-Spiel bei der WM von DFB-Fans übel beleidigt worden, unter anderem sei er "Türkenschwein" genannt worden. Aus dem deutschen Fußball war darüber keine große Empörung zu hören.

Man bräuchte Rauball oder Hoeneß nur einen Bruchteil der Leserzuschriften vorlesen, die SPIEGEL ONLINE in dieser Angelegenheit seit Mitte Mai von - sich als Fußballfans bezeichnenden - Mailschreibern erhalten hat, um ihnen klar zu machen: Es gibt im Fußball in Deutschland Rassismus. Und nicht zu knapp.

Aber solange dieses Thema nicht ernsthaft aufgearbeitet wird, solange man auf dem Standpunkt verharrt, Özil habe sich mit seiner Erklärung lediglich selbst geschadet, kann die Branche weitermachen wie bisher. Ab und zu wird sich ein Fußballer aus Einwandererfamilien beschweren, dass er von den Rängen rassistisch beleidigt worden sei. Es wird für den betroffenen Verein eine entsprechende Geldstrafe geben, und von den Großbildleinwänden verkünden Cristiano Ronaldo und Co. weiterhin: "Nein zu Rassismus."

insgesamt 174 Beiträge
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insel-banker 24.07.2018
1. Man darf nicht alles mit den Füßen treten
Wer eigentlich verhält sich wirklich rassistisch: Derjenige, der die törichte Handlung eines anderen als solche benennt (Idiotie gibt es überall!), oder derjenige, der sein eigenes Fehlverhalten und seine anhaltende Uneinsichtigkeit hinter dem Gegenvorwurf des Rassismus zu verstecken versucht? Wer Anstand einklagt, sollte diesen selber auch an den Tag legen – und zwar auf allen Seiten! Das ist das zentrale Gebot globaler Intelligenz, die mehr als je zuvor benötigt wird!
privatbahn 24.07.2018
2. viel öffentliches bla bla bla
Würden wir diese Debatten führen, wenn Mesut Özil keinen Migrationshintergrund hätte? Nein würden wir nicht. Wir führen die Debatte wegen eines Fotos. Die selben Leute die ihn für das Foto mit Erdogan kritisiert haben, kritisieren nun all jene die sich Özil gegenüber angeblich rassistisch äußern. Der Rassismus als Reflex, um sogar ein Foto mit einem Despoten gut zu heißen. Eben noch Täter, jetzt Opfer. Mesut Özil kann einem nur leid tun.
mittelschichler 24.07.2018
3. Welch ein Blödsinn
Der Deutsche Fussball hat kein Rassismusproblem. Seit etlichen Jahren gehe ich ins Stadion, auch zu Auswärtspartien. Ja, es gibt Verunglimpfungen jeglicher Art. Das hat aber eher mit Rivalität der betreffenden Vereine zu tun. Im Vergleich zur französischen, italienischen, griechischen, türkischen, und russischen Liga, teils auch der englischen, ist dieser Rassismusvorwurf im deutschen Fußball nicht nennenswert.
ned divine 24.07.2018
4. Rassismus hin oder her,
eines ist klar, vorbildlich oder gar korrekt hat sich wirklich niemand in der ganzen ausufernden Schlammschlacht verhalten. Ds reicht vom Spieler Mesut Özil selbst bis zum gesamten "Team", welches ja wirklich keines ist, Kameradschaft ist jedenfalls was anderes. Es wird immer deutlicher warum diese "NichtMannschaft" auch nicht gewinnen konnte. Da scheinen nur Egoisten, Egomanen und Einzelkämpfer zu agieren. Teamgeist Fehlanzeige. Was den DFB mit seinen sogenannten Schlipsträgern betrifft, die machen alles nun nur noch schlimmer, von Typen wie Höness mal ganz zu schweigen....."Wer im Glashaus sitzt, Herr Höness oder". Sie sind sowas von anstandslos mit Ihrer Vergangenheit sollten sie den Mund beser gar nicht mehr aufmachen! Inzwischen kann man nur noch hoffen, dass diese Schmierenkomödie langsam mal ein Ende findet, es ist unerträglich geworden.
Strai 24.07.2018
5. Falscher Ansatz
Özil ist gekränkt und will keine eigenen Fehler eingestehen. Also holt er die Rassismus-Keule raus – und alle fallen darauf rein. Natürlich gibt es Rassismus im Fußball, denn der ist Teil der Gesellschaft und in der Gesellschaft gibt es Rassismus. Den gilt es zu bekämpfen, aber eben nicht nur speziell im Fußball. Und auch nicht so, wie Özil es macht, im Stil eines Trolls, der Öl ins Feuer gießt und verbrannte Erde hinterlässt.
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