Nachwuchstrainer zum Fall Özil "Es wäre traurig, wenn sich Spieler jetzt gegen Deutschland entscheiden"

Mesut Özil hat seinen DFB-Abschied mit Rassismus begründet. Ist das auch ein Thema im Nachwuchsfußball? Jugendcoach Tim Hendrik Hoffmann spricht über Anfeindungen auf dem Platz - und wie Jugendliche damit umgehen.

Junge mit Özil-Trikot
imago/ Stefan Zeitz

Junge mit Özil-Trikot

Ein Interview von


Zur Person
  • JFV Calenberger Land
    Tim Hendrik Hoffmann, geboren 1987 in Hemer, ist ein deutscher Fußball-Nachwuchscoach. Hoffmann trainierte bereits die U17 von Fortuna Köln, war Nachwuchskoordinator und -trainer in der Jugendabteilung von Hannover 96 und coacht aktuell die U15 des Jugend-Förder-Vereins Calenberger Land. Der 30-Jährige hat seit 2013 die Uefa-A-Trainerlizenz, und unterrichtet am Gymnasium Laatzen die Fächer Sport und Deutsch.

SPIEGEL ONLINE: Herr Hoffmann, in Deutschland diskutieren aktuell viele den Rücktritt von Mesut Özil aus der Fußballnationalmannschaft. Bewegt Özils Abschied auch die 14-Jährigen in ihrem Team?

Tim Hendrik Hoffmann: Natürlich war Mesut Özil auch bei uns kurz Kabinenthema - auch wenn meine Jungs noch nicht die politische Dimension dahinter verstehen. Aber: Der Fußballer Özil hat für sie eine enorme Strahlkraft, allein schon wegen seines Weltmeistertitels genießt Özil bei ihnen hohes Ansehen. Für sie ist er ein sportliches Vorbild, seine Technik und Tricks wollen die Kinder beherrschen. Dass so ein guter Fußballer nun in der Nationalmannschaft aufhört, fanden einige schockierend. Es gab auch Verständnis.

SPIEGEL ONLINE: Können Sie das näher erklären?

Hoffmann: Die Spieler haben sich gefragt: 'Warum wurde Özil so kritisiert? Warum ist er von einigen als Symbol des deutschen Scheiterns bei der WM dargestellt worden? Er ist doch derjenige, der noch vor vier Jahren der große Star gewesen ist.' Die Kinder haben die Rückendeckung für Özil vermisst und waren überrascht, dass der Teamgedanke so wenig gezählt hat.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben es angesprochen: Der Rücktritt von Özil hat eine politische Dimension. Er wirft einem Teil des Deutschen Fußball-Bunds, Sponsoren und Fans Rassismus vor. Ist Rassismus auch ein Thema im Nachwuchsfußball?

Hoffmann: Ich möchte andersherum beginnen: In meinen fast 15 Jahren als Nachwuchstrainer habe ich eher Gegenteiliges erlebt. Junge Menschen sind sehr interessiert, von Kindern aus anderen Kulturkreisen zu lernen. Diese Neugierde beobachte ich auf jedem Teamabend, wo bereits das unterschiedliche Essen, das die Kinder von zu Hause mitbringen, für Berührungen zwischen den Kulturen sorgt. Aber: Es hat rassistische Attacken von außen gegeben. Ich erinnere mich an zwei Partien, als unsere türkischstämmigen Spieler rassistisch beleidigt worden sind.

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Mesut Özil: Der Rückzug

SPIEGEL ONLINE: Wie reagieren Jugendliche in solchen Situationen?

Hoffmann: In diesem Fall mit Humor. Aber das entspricht sicher nicht dem Normalfall. Für die meisten jungen Spieler sind solche Anfeindungen eine bis dahin unbekannte Erfahrung, und deshalb suchen sie in diesen Momenten ganz unbewusst nach Halt in der Gruppe. Dann ist wichtig, dass sich jeder Spieler bei uns - egal wo er herkommt -, wohlfühlt und akzeptiert wird. Im besten Fall steckt das Team solche Beleidigungen gemeinsam weg.

SPIEGEL ONLINE: Wo sehen Sie in so einer Situation Ihre Rolle als Trainer?

Hoffmann: Es ist doch ganz einfach: Was wir als Erwachsene vorleben, eignet sich der Nachwuchs meist als Verhaltensweise auch an. Ausgrenzung darf keine Chance haben. Es geht auf dem Fußballplatz und im echten Leben um Respekt und Toleranz, das erkläre ich ihnen. Leider fehlt die Toleranz manchmal.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie ein Beispiel?

Hoffmann: In meiner Zeit im Nachwuchsleistungszentrum in Hannover haben wir einige Spieler begleitet, die wegen ihrer Herkunft beispielsweise zwischen dem deutschen und türkischen Verband entscheiden konnten. Sie hatten das Talent für eine Karriere im Nationalteam. Es gab Fälle, dass ein Junge zuerst für Deutschland spielen wollte und sich später für die Türkei entschied. Die Gründe dafür waren unterschiedlich, aber einige spekulierten sofort, ohne Hintergründe zu kennen: 'Warum nun doch die Türkei? War er für den DFB nicht gut genug? Schlägt sein Herz doch nicht für Deutschland?' So etwas ärgert mich.

SPIEGEL ONLINE: Warum?

Hoffmann: Ist es denn wirklich von Bedeutung, welche Wurzeln bei wem überwiegen? Junge Menschen sollen sich ausprobieren - ohne, dass Außenstehende versuchen zu interpretieren, warum, welche Entscheidung getroffen worden ist. Manchmal ist mir diese Debatte auch zu emotional aufgeladen, zumal für einige Jugendliche die Frage nach der Herkunft nicht an erster Stelle stehen muss. Es geht auch um sportlichen Ehrgeiz und die Frage, in welchem Land kann man sich den Traum von einer Karriere in der Nationalmannschaft, von einer Weltmeisterschaft, verwirklichen.

SPIEGEL ONLINE: Wie läuft die Wahl zwischen zwei Ländern eigentlich ab?

Hoffmann: Mittlerweile haben ausländische Verbände wie der türkische auch in Deutschland ein sehr gutes Netzwerk an Scouts. Die wissen, welcher Spieler talentiert ist und für sie infrage kommt. Der Verband zeigt dann Interesse und lädt ihn persönlich für einen Lehrgang ein. Dieses Interesse schmeichelt natürlich jungen Leuten und gibt ihnen das Gefühl von Wertschätzung. Wenn sich der Kicker dann auch im Team wohlfühlt, kann das bei der Verbandswahl den Ausschlag geben.

SPIEGEL ONLINE: Nach dem Fall Özil - was muss im Umgang mit Spielern passieren, die auch woanders ihre Wurzeln haben?

Hoffmann: Jeder - ob Spieler, Familie oder Berater -, muss erkennen, dass sich der Verband mit dem Thema auseinandersetzt und Özils Vorwürfe ehrlich aufarbeiten will. Ein trauriges Szenario wäre, wenn der Fall Özil dazu führte, dass sich hier ausgebildete Spieler gegen Deutschland entscheiden. Das wäre schade - auch für die gute Integrationsarbeit, die in vielen Vereinen seit Jahren geleistet wird. Mein persönliches Fazit lautet: Wir sollten alle Kinder zu respektvollen Menschen ausbilden, die sich hier im Team wohlfühlen. Das funktioniert nur mit Offenheit und gilt natürlich auch abseits des Fußballplatzes.



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e-matt 26.07.2018
1. Kann ich als ehemaliger Jugendfußballtrainer bestätigen ...
... im Team habe ich noch nie so etwas wie Rassismus gesehen. Ganz im Gegenteil, es sind viele Freundschaften zwischen verschiedener Kulturen enstanden. Die deutschen Fußballvereine mit ihren unzähligen Ehrenämtlern leisten hier eine unglaubliche Arbeit. Sie holen die Kids (egal welcher Herkunft) von den Straßen und zeigen ihnen Werte wie Respekt, Teamarbeit und Toleranz. Das mit dem Rassismus, bekommen die Kinder von Ihren Eltern beigebracht ...
vliege 26.07.2018
2. Unsinnige Debatte
Nun müssten ja bald alle Spiegel Journalisten, Autoren etc. ihren Senf abgegeben haben. Es wird ein Thema hoch geschrieben um das Sommerloch zu füllen. Erdogan macht den Trump um von inneren Problemen (Lira) abzulenken. Des weiteren will er mit diesem durchschaubaren Manöver, die in Deutschland gut ausgebildeten türkischstämmigen Nachwuchsspieler für das seit Jahren schwächelnde Türkei Team mobilisieren. Die EM 2024 im eigenen Land soll schließlich ein Erfolg werfen. Rassismus und Vorurteile gibt es überall und in jedem Land. Besonders in den Ländern, die gegen andere gerne und bei Kritik reflexartig die Rassismus/Nazikeule gegen andere zücken. Es gibt in Deutschland seit 30 Jahren immer mehr erfolgreiche Spitzensportler mit ganzem oder teilweisen Migrationshintergrund und bis dato gab es nie solch eine MMn Scheindebatte. Das "Problem" besteht in erster Linie bei Menschen/ Athleten, die sich nicht vollends auf Integration können oder wollen. Pogba, Zidane, Mbappe nimmt jeder als Franzosen wahr. Das wichtigste ist aber, das sie es selber tun, sie verkörpern und Leben es vor. Niemand wird gezwungen seine "Wurzeln" zu leugnen, jedoch sollte man nicht auf zwei Hochzeiten tanzen und sich je nach Lage entscheiden. Gerade die Türkei spielt da ein merkwürdiges Doppelzüngiges Spiel. Einerseits verlangen sie in der Türkei vollständige Assimilation von Kurden, Albaner, Bulgaren etc. andererseits verurteilt Erdogan Assimilation gegenüber hier lebender Türken als Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Was auch immer das heißen mag.
deepocean 26.07.2018
3. Toll,
..dass es solch engagierte Menschen wie Herrn Hoffmann gibt. Diese leisten einen wesentlichen Beitrag zur Integration! Kinder sind in vielem unkomplizierter als wie verkopfte Erwachsene.... Umso ärgerlicher macht es mich, wenn ein erwachsener mann in einer Selbstmitleidorgie nicht nur sich selbst schadet, sondern damit auch die engagierten Integrationsbemühungen in den Schatten stellt.... Natürlich gibt es Rassimus etc in Deutschland , aber, es gibt eben auch genau das Gegenteil.... und meine Hoffnung ist, dass dies Mehrheit darstellt (in diesem Zusammenhang hatte Herr Loeb hier neulich einen tollen Kommentar geschrieben....)
mr.combs 26.07.2018
4. Debatte ist verfehlt
Deutschland bietet diese Spieler an, was sie nie in der Türkei oder sonst wo auf dieser Welt bekommen werden. Deutschland ist sicher bei der EM und WM dabei. Halbfinale ist meistens drin. Wer kann das von der Türkei behaupten? Wenn die meisten dieser Spieler die Wahl haben, werden sie sich immer für Deutschland entscheiden. Zumindest wenn sie gut genug sind. Ich mache mir da keine Sorge
Levator 26.07.2018
5. Traurig ist
in der Tat der Umstand, dass offensichtlich immer nur für türkisch stämmige Personen ein extra Süppchen gekocht werden soll. Die Herren Khedira und Boateng beispielsweise haben keine Probleme mit rassistischen Anfeindungen gehabt. Möglicherweise ist dieser Umstand damit zu begründen, dass diese beiden Herren so vernünftig sind und keine politischen Statements in Form von Bildern mit Diktatoren veröffentlichen lassen. Was die Nachwuchs- und Jugendarbeit im Fußball angeht, wird sich auch in der Zeit "nach Özil" ein talentierter Spieler eher für eine weitere Förderung in hiesigen N11 entscheiden, schon alleine der Tatsache geschuldet, wenn es mit der Karriere klappen sollte, einfach eine bessere Zukunft vor sich zu haben, als es ein Nationalspieler für den türkischen Verband je hätte.
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