Vom Foto bis zum Rücktritt Chronologie der Özil-Erdogan-Affäre

Mesut Özil tritt aus der deutschen Fußballnationalmannschaft zurück - gut zwei Monate nachdem er an der Seite des türkischen Präsidenten posierte. Was ist in der Zwischenzeit passiert?

Özil und Erdogan in London (Mai 2018)
DPA

Özil und Erdogan in London (Mai 2018)


Es dauerte Wochen, bis Mesut Özil sich öffentlich zu der Affäre um das Foto mit dem türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan äußerte - das Bild hatte seit dem 14. Mai für Schlagzeilen, Kritik und Aufregung gesorgt. Nun, Ende Juli, veröffentlichte Özil drei Erklärungen. Er kritisiert darin den DFB, prangert Rassismus an - und erklärt seinen Rücktritt aus der deutschen Fußballnationalmannschaft. Wie konnte es so weit kommen? Die Chronologie der vergangenen Wochen:

14. Mai

Einen Tag vor der Nominierung des vorläufigen WM-Kaders tauchen Fotos auf, die die Nationalspieler Mesut Özil und Ilkay Gündogan in London mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan zeigen. Gündogan schreibt auf sein Trikot-Geschenk: "Für meinen Präsidenten, hochachtungsvoll." Später am Tag erklärt er via Instagram: "Es war nicht unsere Absicht, mit diesem Bild ein politisches Statement abzugeben."

Der Deutsche Fußball-Bund reagiert pikiert, Präsident Reinhard Grindel sagt, das Duo habe sich für Erdogans "Wahlkampfmanöver missbrauchen" lassen. DFB-Teammanager Oliver Bierhoff sagt, er habe "nach wie vor überhaupt keine Zweifel an Mesuts und Ilkays klarem Bekenntnis, für die deutsche Nationalmannschaft spielen zu wollen und sich mit unseren Werten zu identifizieren".

Ilkay Gündogan, Mesut Özil, Recep Tayyip Erdogan und Cenk Tosun
DPA

Ilkay Gündogan, Mesut Özil, Recep Tayyip Erdogan und Cenk Tosun

15. Mai

Joachim Löw beruft Özil und Gündogan in sein vorläufiges WM-Aufgebot, obwohl auch er verstimmt ist. "Das war keine glückliche Aktion", sagt der Bundestrainer über die Fotos und kündigt ein Gespräch an. Sanktionen oder ein Verzicht auf beide sei aber "zu keiner Sekunde" Thema gewesen. Regierungssprecher Steffen Seibert erklärt im Namen von Kanzlerin Angela Merkel, es sei eine Situation gewesen, "die Fragen aufwarf und zu Missverständnissen einlud".

19. Mai

Özil und Gündogan unterbrechen ihren Urlaub, treffen in Berlin Löw, Grindel und DFB-Direktor Oliver Bierhoff zur Aussprache. Im Schloss Bellevue besuchen sie Frank-Walter Steinmeier. Der Bundespräsident sagt: "Beiden war es wichtig, entstandene Missverständnisse aus dem Weg zu räumen." Joachim Löw sagt in der ARD: "Es gab ein Gespräch, und von daher denke ich, dass wir jetzt so langsam über andere Themen reden können."

2. Juni

Beim Länderspiel in Klagenfurt gegen Österreich (1:2) sorgt Özil für die Führung. Er und Gündogan werden ausgepfiffen. Thomas Müller verteidigt das Duo, beide seien "wichtiger Teil unseres Teams. Für uns ist das Thema abgehakt".

5. Juni

Beim Medientag im Trainingslager in Südtirol stellt sich Gündogan den Fragen einiger Pressevertreter. "Einige Reaktionen haben mich getroffen, vor allem auch die persönlichen Beleidigungen", sagt er. "Ich verstehe, dass man die Aktion nicht gut finden muss." Özil schweigt.

6. Juni

Bundespräsident Steinmeier äußert sich in der "Zeit" befremdet über die Foto-Aktion, sie habe ihn "ein bisschen ratlos gemacht". Angesichts der Tatsache, dass beide Spieler in Deutschland groß geworden seien, hätte es sie "nicht überraschen dürfen, dass ihr Treffen mit dem türkischen Staatspräsidenten Kritik auslöst". Ob die Spieler sich entschuldigt hätten, sei "eine Interpretationsfrage".

7. Juni

Oliver Bierhoff erklärt zu Vorwürfen gegen den DFB zum Umgang mit dem Thema: "Was hätten wir noch mehr machen sollen? Ich bin der Meinung, wir haben sehr viel gemacht - und jetzt reicht es dann auch."

8. Juni

Bierhoff fordert die Medien in der ARD auf, das Thema zu beenden. Bei der WM-Generalprobe in Leverkusen gegen Saudi-Arabien (2:1) wird Gündogan vom Zeitpunkt seiner Einwechslung an ausgepfiffen. Löw reagiert getroffen, die massive Ablehnung habe ihn "geschmerzt", sagt er.

9. Juni

Gündogan twittert, er sei "immer noch dankbar, für dieses Land zu spielen".

10. Juni

Kanzlerin Merkel sagt in der ARD: "Ich glaube, die beiden Spieler haben nicht bedacht, was das Foto auslöst mit dem Präsidenten Erdogan." Sie sei überzeugt, dass beide Spieler die deutschen Fans in keiner Weise enttäuschen wollten.

15. Juni

DFB-Direktor Oliver Bierhoff sagt zwei Tage vor dem WM-Auftaktspiel gegen Mexiko: "Ich sehe nicht die Notwendigkeit, das Thema hier noch mal aufzugreifen."

17. Juni

Beim 0:1 gegen Mexiko steht Özil in der Startelf, Pfiffe sind im Stadion nicht zu vernehmen. Gündogan sitzt 90 Minuten auf der Bank. Nationaltorwart Manuel Neuer spricht über den Einfluss des Wirbels auf die WM-Vorbereitung: "Am Anfang hat das schon ein bisschen gestört in der Mannschaft, war sogar belastend."

27. Juni

DFB-Präsident Reinhard Grindel kündigt an, die Affäre nach der WM mit einer "zielführenden Diskussion" gründlich aufzuarbeiten: "Wir müssen gemeinsam mit der sportlichen Leitung überlegen, wie wir die Spieler noch stärker sensibilisieren können", sagt er in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". Am selben Tag scheidet der amtierende Weltmeister gegen Südkorea (0:2) aus dem Turnier aus.

29. Juni

"Ich werde einige Zeit brauchen, um darüber hinwegzukommen", schreibt Özil auf Twitter über das WM-Aus.

5. Juli

DFB-Direktor Oliver Bierhoff räumt Fehler im Umgang mit der Erdogan-Affäre ein. "Wir haben Spieler bei der deutschen Nationalmannschaft bislang noch nie zu etwas gezwungen, sondern immer versucht, sie für eine Sache zu überzeugen. Das ist uns bei Mesut nicht gelungen. Und insofern hätte man überlegen müssen, ob man sportlich auf ihn verzichtet", sagt er in der "Welt". Einen Tag später rudert er zurück und meint, er habe sich "da offenbar falsch ausgedrückt". Was genau er hatte sagen wollen, bleibt unklar.

8. Juli

Mesut Özils Vater reagiert in der "Bild am Sonntag" auf die Äußerungen von Bierhoff: "Diese Aussage ist eine Frechheit. Sie dient meiner Meinung nach nur dazu, die eigene Haut zu retten." DFB-Präsident Grindel fordert Mesut Özil zu einer öffentlichen Stellungnahme für die Zeit nach dem WM-Urlaub auf. Die Fans seien enttäuscht, weil sie noch keine Antworten auf ihre Fragen erhalten hätten, sagt Grindel dem "Kicker".

11. Juli

Ex-Kapitän Philipp Lahm sagt in einem Interview mit der "Zeit": "Jetzt ist die Zeit zu analysieren: die Leistungen auf dem Platz, den Umgang mit dieser Affäre. Und danach muss man mit seiner Haltung an die Öffentlichkeit gehen. Das wäre die richtige Aufarbeitung."

18. Juli

Jürgen Klopp, Trainer des FC Liverpool, nimmt Özil und Gündogan in Schutz: "Wir sollten nicht vergessen, dass die beiden nun mal türkische Wurzeln haben, auch wenn sie hier in Deutschland aufgewachsen sind."

22. Juli

Özil äußert sich erstmals öffentlich zum Thema - und tritt aus der Nationalmannschaft zurück. "Schweren Herzens und nach gründlicher Überlegung werde ich wegen der zurückliegenden Vorkommnisse nicht länger für die deutsche Nationalmannschaft spielen", schreibt er und kritisiert "Rassismus und fehlenden Respekt" (die Erklärung im Wortlaut können Sie hier nachlesen). Außerdem greift er Grindel scharf an: "Ich äußere mich jetzt nicht wegen Grindel, sondern weil ich es will. Ich werde nicht länger der Sündenbock für seine Inkompetenz sein."

aar/dpa/sid

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insgesamt 9 Beiträge
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wassolldasdenn52 23.07.2018
1. Folgerichtig und gut
Wie die Sicht von Mesut Özil aussieht, ist prinzipiell seine Sache. Dass die Mehrheit der Deutschen es nicht gut findet, dass er sich mit Erdogan ablichten ließ, der die heutigen Deutschen als Nazis verunglimpfte, lässt das Ganze in einem anderen Licht erscheinen. Auch, wenn er uneinsichtig bleibt, so hat er sich dennoch unerträglich geoutet. Aus diesem Aspekt hat er sich aus der Nationalmannschaft zurecht zurück gezogen. Mehr muss man dazu gar nicht berichten, denn so darf man es schliesslich auch erwarten. Auch der DFB muss sich da nichts vorwerfen lassen. Wenn es zur Meinungsfreiheit gehört, dass Özil nun so handelt und sich ungerecht behandelt fühlt, dann muss man auch den Menschen hierzulande zugestehen es konträr zu sehen, ohne sich gleich rassistische Vorwürfe einzuhandeln. Das ist gelebte Meinungsfreiheit! Punkt! Hier noch immer mehr hinein interpretieren zu wollen, so wie es Herr Özil nun gerne hätte, das geht entschieden zu weit! Im Übrigen war er ohnehin nicht in WM-Form und wurde nach meiner Meinung bisher auch weit überschätzt. Wir haben mehr gute Spieler, die Özil auch bisher schon locker das Wasser reichen konnten, die aber leider oft an der überheblichen Eitelkeit des Herrn Löw scheiterten.
hape2412 23.07.2018
2. Ich habe dem Treffen der beiden Spieler mit Erdogan
bisher keine große Bedeutung beigemessen. Es ist vollkommen verständlich, dass Spieler mit türkischen Wurzeln auch in der Heimat ihrer Eltern gut angesehen sein möchten. Beide sind dort wegen ihrer Entscheidung für die deutsche Fußballnationalelf - nicht für Deutschland - zu spielen, unter anderem als "Verräter" bezeichnet worden. Ihr Handeln war verständlich, aber eben auch ein wenig naiv. Die Folgen eines solchen Treffens in der deutschen Öffentlichkeit hätten ihnen bewusst sein müssen, zumal beide auch PR-Berater haben, die sie hätten entsprechend warnen müssen. Ich denke auch, dass die ganze Angelegenheit niemals so hochgekocht wäre, wenn Özil sich rechtzeitig, am besten kurz vor der WM knapp dazu geäußert hätte. Eine Entschuldigung jedoch wäre meiner Meinung nach nicht im geringsten gerechtfertigt gewesen. Eine Aussage, etwa mit dem Tenor "Die Türkei ist das Land meiner Eltern und deswegen war das Treffen mit Präsident Erdogan auch ein Zeichen meines Respektes vor der türkischen Kultur und den Wurzeln, die ich dort dadurch besitze, dass meine Eltern dort geboren wurden." hätte mMn die ganze Geschichte relativ schnell beendet. Es wäre insbesondere aber am DFB gewesen, Özil einen solchen Rat zu geben. Bierhoff als PR-Profi hätte so etwas wissen müssen. Das Nachtreten durch ihn und Grindel war katastrophal. Löw als Trainer hätte intern Özil auch in Schutz nehmen müssen. Mesut Özil ist ein introvertierter, sehr sensibler Mensch. Ich kann daher seine jetzige Reaktion zumindest nachvollziehen. Zumindest Bierhoff, aber auch Löw hätten unbedingt wissen müssen, was die teilweise öffentliche Hetze bei einem derart sensiblen Menschen anrichten kann. Der DFB hat den eindeutigen Fehler gemacht, die Diffenrenzen mit Özil öffentlich auf großer Bühne auszutragen und ihn praktisch hingehängt. Nochmals: das Treffen mit Erdogan ist naiv, ungeschickt, aber nicht so gewesen, dass es eine derartige öffentliche Reaktion, auch seitens des DFB verdient gehabt hätte. Die ganze Angelegenheit hätte auch intern still geregelt werden können, eventuell mit einer kurzen gemeinsamen Stellungnahme. Vergessen werden darf nicht - auf gar keinen Fall - dass der Mensch Mesut Özil einer Hexenjagd ausgesetzt war, die er so nie verdient gehabt hätte. Diese Hexenjagd hätte auch viel wenige sensible Menschen schwer mitgenommen. Er ist dadurch in eine aus seiner Sicht ausweglose Situation geraten, aus der er nur so ausbrechen konnte, wie es jetzt geschehen ist. Mezut Özil ist ein Mensch und kein Instrument, das der Pflege nationaler Eitelkeiten dienen muss. Diesem Menschen gegenüber schäme ich mich für die Behandlung, die er in Deutschland zu großen Teilen erfahren musste. Ungeschickt und naiv - ja. Einer Reaktion würdig, die einen Menschen massiv beschädigen kann: nie im Leben !
gandhiforever 23.07.2018
3. In den beiden Monaten
In den beiden Monaten ist aus der Affaere eine Grindel-Affaere geworden.
Nonvaio01 23.07.2018
4. gerade auf BBC1 News
die Nachricht das Oezil aus der NM ausgetreten ist, dazu die story von der Erdogan affaehre und der bericht schliesst mit de Oezil worten: German when we win, he said, imigrants when we lose. Besser haette man es nicht sagen koennen. Oezil hat voellig recht. Spielte Klose schlecht war er der Pole, spielte er gut war er Miro bei den fans. Deutschland ist eine schande, integration gab es nie und ist auch nicht ernsthaft gewollt. Wer hat den freunde unter den "integrierten" die auch zu geburtstagen eingeladen werden?
EckivonRemagen 23.07.2018
5. Rücktritt von Oezil aus der Fussball-Nationalmannschaft
In der ganzen Sache sind wahrscheinlich alle dem Führer vom Bosporus auf den Leim gegangen. Ich schließe nicht aus, dass da auch ein gewisser Druck oder auch Angst auf die deutsch-türkischen Fußballer ausgelöst wurde. Im Hinblick darauf, dass auch die Deutsch-Türken zu einem großen Teil in Deutschland nie ange- kommen sind, liegt hier ein gutes Stück Arbeit für die Deutsche Regierung und dem DFB, die an genommen werden muss. Jetzt sind kluge Köpfe gefragt sonst erleben wir ein Fiasko. Den deutschen Polit-Frühschoppen-Redner als auch den türkischen Religionsvereinigungen sei eine Funkstille empfohlen.
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