Pressestimmen zum Özil-Rückritt "Mit dieser Generalabrechnung macht er sich selbst zum Buhmann"

Verlierer auf beiden Seiten - das ist der Tenor der deutschen Pressestimmen nach dem Rücktritt Mesut Özils. Die Nationalmannschaft verliert einen genialen Spieler - und Özil selbst verspielt ein wichtiges Gut.

Mesut Özil
AP

Mesut Özil


Pressestimmen zum Rücktritt Mesut Özils aus der Nationalmannschaft:

"Sein Rundumschlag vom Sonntag wird vielen noch lange in den Ohren klingen. Er wird den DFB und seinen Präsidenten Grindel, den Özil offen zum Rücktritt auffordert, noch tiefer in die Krise stürzen. Das Versagen des Verbandes rund um die Causa Özil/Erdogan, verbunden mit dem Versagen in der Aufarbeitung des sportlichen Desasters während der WM könnte selbst einen über alle Maßen selbstgefälligen Verband wie den DFB zu Reaktionen zwingen, die mehr sind als Retusche. In vielem, nicht in allem, ist Özil am Sonntag über das Ziel hinausgeschossen. Grindel offen rassistische Tendenzen zu unterstellen, geht zu weit, auch Özils pauschale Attacken gegen Medien, die in die gleiche Richtung zielen, sind ebenso abstrus wie unverschämt."


Frankfurter Allgemeine Zeitung"


"Es ist das eingetreten, was zu befürchten war und sich abgezeichnet hatte: Der Fall Mesut Özil endet mit Verlierern auf beiden Seiten. Mit dem Rücktritt des Spielgestalters verliert die deutsche Fußball-Nationalmannschaft einen in Topform genialen Spieler, einen Ausnahmekönner, einen Weltstar, der technisch einer der besten in der Geschichte des deutschen Fußballs ist. Und Özil selbst verliert Wertschätzung. Ton und Inhalt seiner Rücktrittserklärung wirken zum Teil längst nicht reflektiert und selbstkritisch genug.

Es ist sehr schade, dass das Kapitel Nationalspieler Özil so zugeschlagen wird. Es ist ein Rücktritt und Rundumschlag mit enormer Tragweite, der die Krise des deutschen Fußballs verschärfen dürfte."

"Welt"


"Dass Özil nach dem Foto mit Ilkay Gündogan und dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan, das Mitte Mai entstanden ist, so lange geschwiegen hat, war fatal. Der 29-Jährige hat gestern in größeren Stellungnahmen sehr ausführlich Position bezogen. Eine Meinung hatte und hat er also. Warum hat der Spieler von Arsenal London sich nicht gleich gewehrt, sondern bis weit nach der WM gemauert? Schweigen ist nicht immer Gold. Nun hat Mesut Özil mit einem Rundumschlag reagiert, in dem er alles und jeden angegriffen hat. 'Rassismus und fehlenden Respekt' nennt er als Gründe für seinen Schritt. Mit dieser Generalabrechnung macht er sich aber selbst zum Buhmann."

"Rheinpfalz"


"Özil bedankt sich nicht für die Unterstützung, die ihm die allermeisten Fans stets entgegenbrachten. Er bedankt sich nicht für die bedingungslose Treue bis zum Schluss von Bundestrainer Löw.

Und besonders wichtig: Mesut Özil bekennt sich nicht zu Werten wie Meinungsfreiheit oder Toleranz. Werte, für die Deutschland und der DFB stehen - aber der türkische Staatschef Erdogan nicht. Kein kritisches Wort zu Despot Erdogan, kein Wort der Selbstkritik. Stattdessen Wut-Attacken gegen DFB-Präsident Grindel, den er als Rassisten brandmarken und offenbar stürzen will.

Wer so über Deutschland denkt, kann nicht für Deutschland spielen. Oder um es mit Özils Worten zu sagen: Genug ist genug."

"Bild-Zeitung"


Özils Erklärung - warum eigentlich auf Englisch? - klingt einnehmend, wenn er auf Respekt und auf die Hochachtung vor dem familiären Erbe verweist, die seine Mutter ihn gelehrt hätten. In Wahrheit spricht daraus eine Art umgekehrter Chauvinismus. Er solle nie vergessen, wo er herkam, habe seine Mutter ihn gemahnt. Was hindert ihn, sich zu erinnern, wo er hingekommen ist? Mindestens so borniert ist Özils Standpunkt, das alles habe nichts mit Politik zu tun, und überhaupt sei er ja bloß Fußballer. Schon im Mai hätte Özil wissen können, dass solche Persönlichkeitsspaltung nicht funktioniert. Im Licht der folgenden Diskussion hätte er es wissen müssen. Sich dem zu verweigern, ist ein Armutszeugnis und ein Affront. Mesut Özil als Vorbild - der Fall ist erledigt."

"Kölner Stadtanzeiger"


"Der türkische Staatspräsident Erdogan baut sich sein eigenes Recht zusammen - ohne Rücksicht auf Verluste tritt er das Völkerrecht mit Füßen, lässt kritische Menschen einfach in den Knast wandern, entlässt Tausende von Beamten, denkt laut über die Wiedereinführung der Todesstrafe nach und, und, und. Nein, Herr Özil, so einem Mann muss und sollte man keinen Respekt zollen, egal, ob man selbst türkische Wurzeln hat oder nicht."

"Flensburger Tageblatt"


"Wie Gündogan versuchte Özil, das Treffen (mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan) als eine Zusammenkunft rein privater Art begreiflich zu machen. Was er allerdings genauso wie sein Mitspieler übersah - oder womöglich übersehen wollte -, ist der Umstand, dass allein schon aufgrund von Erdogans Amt ein politischer Zusammenhang besteht. Gegen diesen Kontext mag Özil sich in seiner Erklärung sträuben - an der öffentlichen Wahrnehmung dürfte sich aber wenig ändern, zumal sich Erdogan seinerzeit im Wahlkampf befand.

Durch Özils Rücktritt ist dem DFB, der im Zuge dieser Affäre zu keinem Zeitpunkt souverän gewirkt hat, eine womöglich unliebsame Entscheidung abgenommen worden. Für den geplanten Neuaufbau des DFB-Teams durch den Bundestrainer Joachim Löw könnte sich Özils Demission gar als Chance erweisen. Doch die Erdogan-Affäre hinterlässt im DFB gleichwohl Misstöne."

"Neue Zürcher Zeitung"


"Er hat das lange Schweigen mit einer Erklärung in drei Teilen beendet, die den Effekt einer Bombe hatte. Er spart niemanden aus: die Medien, die Führung des DFB, die Politiker, die ihm nie eine Geste verziehen hätten, die für ihn nur Respekt für das höchste Amt im Land seiner Familie gewesen sei.

Es ist ein schmerzlicher Bruch, voller Groll. Und der ist verheerend für den bereits zerkratzten Mythos einer vielfältigen und bunten Nationalmannschaft, die Symbol für die gelungene Integration in einem siegreichen Deutschland war und die auch fester Bestandteil der politischen Narration von Kanzlerin Angela Merkel war."

"Corriere della Sera"

Weitere Reaktionen zum Rücktritt von Mesut Özil:

"Grindel hätte gehen sollen, nicht Özil"

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oka/dpa



insgesamt 183 Beiträge
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Seite 1
meresi 23.07.2018
1. Vorhang
Eine Geschichte die zum Lachen und Weinen anregt. Man sieht deutlich dass auf beiden Seiten die Nerven ob dieser Geschichte blank liegen. Schlechte Medienberater sag ich mal, in beiden Lagern. Deeskalation sieht anders aus bei Profis. Hier waren auf beiden Seiten absolute Amateure bzw. Stümper am werken. Na, wenigstens hat einer der Beteiligten die Reißleine gezogen wenn auch mit einem roundhouse kick. Warum hat mich keiner angerufen und um Rat gefragt ? war nur ein Scherzerl...
goethestrasse 23.07.2018
2. Überschrift
Özil - DFB - Grindel Rücktrittsforderung - CDU - Merkel - Erdogans Rache.
mariakar 23.07.2018
3. Der DFB hat im Vorfeld bei der ganzen Sache
kläglich versagt. Der DFB hat die Causa Özil und Gündogan komplett falsch eingeschätzt. Dass dann Özil als einziger der Spieler der Pressekonferenz fern bleiben durfte, verstärkte den Ärger, zumal Gündogans Erklärung auch nur so halbherzig war. Dass Özil jetzt dem DFB Rassismus vorwirft, ist lachhaft. Wäre das so, hätten sie ihn gleich nach den Fotos rausgeschmissen. Und er selber hätte nicht so lange für den DFB gespielt. Es gibt keine deutsch-türkische Nationalmannschaft, so wie es auch keine deutsch-italienische Nationalmannschaft gibt. Das hat Özil leider bis heute nicht verstanden. Die beste Erklärung kommt dazu von der Integrationsbeauftragten der Regierung. Frau Widmann-Mauz Worten gibt es nichts hinzuzufügen.
Der Souverän 23.07.2018
4. Erdogans Rache
Man mag von dem Ganzen mit all seinen Facetten halten, was man will. Der wahre Sieger in diesem unsäglichen Wirrwarr ist mal wieder der Diktator vom Bosporus, der alles mit seiner schlau getimeten Einladung ins Rollen gebracht hat. Deutschland auf allen Ebenen attackieren, das war schon immer eines seiner Hauptvergnügen. Dumm, wer darauf noch herein fällt.
neutralfanw 23.07.2018
5.
Die Überschrift des Artikels ist sehr treffend. Ein enttäuschter Nationalspieler (frühes Ausscheiden aus der WM) sucht verzweifelt einen Grund zurückzutreten. Özil hat einer Minderheit in Deutschland einen riesigen Dienst erwiesen. Den Nachteil werden die integrierten Deutsch-Türken erkannt haben. Erdogan wird in den nächsten Stunden entsprechende Kommentare veranlassen. Wollte Özil das?
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