Von Birger Hamann
Hamburg - Er wollte nichts sagen, ließ die Reporter in den Katakomben des Estadio Santiago Bernabéu einfach stehen. Dabei hätte Mesut Özil viel zu erzählen gehabt. Etwa, warum sich sein Team, Real Madrid, im Champions-League-Gruppenspiel gegen Borussia Dortmund lange Zeit so schwer getan hatte. Oder wie er, Özil, kurz vor Schluss diesen Freistoß zum 2:2-Endstand ins BVB-Tor zirkelte. Die Journalisten hatten viele Fragen an Özil, bekamen aber keine Antworten.
Der selbst auferlegte Maulkorb des deutschen Nationalspielers war eine nonverbale Antwort auf die heftige Kritik in der spanischen Presse, die sich Özil in den vergangenen Wochen gefallen lassen musste. Etwa nach dem vergangenen Wochenende, als Madrid zu Hause 4:0 gegen Real Saragossa gewonnen hatte, die Zeitung "El Mundo" den Spielmacher dennoch als "Mitternachtsexpress" bezeichnet, der "furchtbare Spiele macht, wenn der Vollmond scheint". Und das Sportblatt "Marca" schrieb nach dem Erfolg in der Liga: "Er hatte im Pokal Pause und dachte wohl, er bekommt die ganze Woche frei. Denn auch gegen Saragossa ließ er sich nicht blicken."
Mit solch einer Kritik müsse er leben, hatte Özil vor dem Duell gegen den BVB gesagt. Er sei jetzt fast seit zweieinhalb Jahren bei Real und kenne den Umgang der Presse mit den Spielern. In Spanien wird man schnell vom Helden zum Buhmann, und genau diese Rolle scheint derzeit Özil auszufüllen. Denn obwohl der 24-Jährige gegen Dortmund nicht nur den späten Ausgleich erzielt, sondern zudem auch das zwischenzeitliche 1:1 durch Pepe vorbereitet hatte, waren die Kritiken am Mittwoch wieder miserabel.
Weil Freistöße bei Real aber meist eine Angelegenheit von Oberdiva Cristiano Ronaldo sind, kommt Özil selten zum Zuge. Dabei spricht die Statistik klar für den Deutschen: Nach einer Erhebung der "Marca" war Özil während seiner Real-Zeit bei 15 Freistößen zweimal erfolgreich, was einer Trefferquote von 13,3 Prozent entspricht. Ronaldo dagegen kommt mit neun Toren bei 146 Freistößen nur auf eine Quote von 6,2 Prozent.
Mit seinem späten Ausgleichstor sorgte Özil dafür, dass Real nach wie vor eine gute Ausgangslage in der Gruppe D besitzt. Madrid liegt mit sieben Punkten einen Zähler hinter Spitzenreiter Dortmund und drei vor dem Dritten Ajax Amsterdam. Damit reicht den Spaniern ein Sieg im letzten Gruppenspiel zu Hause gegen die Niederländer - selbst wenn sie die kommende Partie bei Manchester City verlieren würden. Zumindest das Sportblatt "As" würdigte diesen Umstand und schrieb: "Özil bewahrt Real vor einer Krise. Sein Freistoßtor sichert den Madrilenen alle Chancen in der Champions League."
Özil, der in dieser Saison in allen Liga- und Champions-League-Spielen Reals zum Einsatz kam, dürfte mit seinem Auftritt gegen den BVB das Duell auf der Spielmacherposition gegen Luka Modric vorerst für sich entschieden haben. Der Kroate spielte gegen Dortmund vor der Abwehr neben Xabi Alonso. Özils großen Auftritt beim Ausgleichstor sah er nur von der Bank, Modric war in der Halbzeit ausgewechselt worden.
Beim Bezahlsender Sky sagte der Deutschtürke nach dem Spiel: "Natürlich wollten wir gewinnen. Aber man muss auch ein Kompliment an Dortmund machen - sie haben bis zur letzten Minute gekämpft. Letztendlich können wir zufrieden sein."
Özil redete also doch mit Journalisten - nur nicht mit spanischen.
Mit Material von dpa und sid
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