Achtelfinal-Aus für Mexiko Toller Fußball, schlechter Verlierer

Zum siebten Mal in Folge scheitert Mexiko bei einer WM im Achtelfinale. Doch wer Brasilien mit attraktiver Spielweise die Stirn bietet, verdient Respekt. Schade, dass Trainer Osorio den durch überhastete Aussagen verspielte.

Mexikos Trainer Juan Carlos Osorio
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Mexikos Trainer Juan Carlos Osorio

Aus Samara berichtet


Mexikos Trainer Juan Carlos Osorio hätte einfach stolz sein können. Oder über seine taktischen Ideen und die attraktive Spielweise seiner Mannschaft referieren können. Hätte, hätte...

Osorio entschied sich nach der 0:2-Niederlage im WM-Achtelfinale gegen Brasilien aber für die Rolle des schlechten Verlierers: "Der Schiedsrichter hatte in der zweiten Hälfte zu viel mit geschundenen Fouls zu tun", sagte der 57-Jährige und stellte vor allem Brasiliens Matchwinner Neymar an den Pranger - ohne seinen Namen zu nennen.

Osorio bezog sich auf die viel beachtete Szene in der 71. Minute, als der eingewechselte Miguel Layún Neymar beim Ballholen auf den Fuß trat und dieser im Anschluss lange behandelt werden musste. "Es ist eine Schande für den Fußball", sagte der Trainer und machte den angeblich schwindenden Spielfluss für die Niederlage verantwortlich. Was blanker Unsinn ist, denn verloren hat seine Mannschaft, weil im Torabschluss nur mittelmäßig begabte Spieler auf eine gut organisierte und resolute Abwehr trafen.

Nur einer der insgesamt 14 Torschüsse der Mexikaner kam auf das Tor von Brasiliens Torhüter Alisson. Sieben Abschlüsse wurden außerhalb des Strafraums abgegeben, was die Chance auf ein Tor nicht gerade erhöht.

Im fünften Achtelfinale dieser Weltmeisterschaft rechneten viele Experten und wohl auch Osorios Konterpart Tite mit einer weiteren Defensivschlacht. So, wie es Gastgeber Russland am Vortag vorgemacht hatte. Routinier Rafael Márquez rückte mit 39 Jahren erstmals in die Startelf, bei seiner fünften WM-Teilnahme spielte Márquez im defensiven Mittelfeld.

Doch Osorios Überraschung entpuppte sich nicht als verteidigende Maßnahme, er ließ seine Mannschaft mutig nach vorne spielen. Mexiko wechselte geschickt zwischen Pressing-Attacken und einer tief stehenden Abwehrformation, mit den hoch und breit platzierten Außenstürmern Carlos Vela und Hirving Lozano wurde das Spiel auseinandergezogen; durch hohe Aufmerksamkeit bei zweiten Bällen sollten Abschlussaktionen herbeigeführt werden.

Wie schon beim 1:0-Sieg gegen Deutschland ging Osorio mit seiner attraktiven Spielidee ins Risiko. Bei Eckbällen für Brasilien beorderte er gleich drei Spieler an die Mittellinie und setzte im Zentrum auf Manndeckung. Der Plan ging auf - zumindest bis zum Strafraum der Brasilianer. Dann fehlten allerdings Abgeklärtheit, Entschlossenheit und Übersicht, um die besser postierten Nebenleute zu finden. Die Qualität der Abschlüsse stand in keinem Verhältnis zum restlichen Spiel der Mexikaner.

Wäre der russische Ansatz besser gewesen?

Nun könnte man anführen, Mexiko hätte die siebte Niederlage in einem WM-Achtelfinale seit 1994 verhindern können, wenn das Team dieses Duell wie Russland gegen Spanien angegangen wäre: tief verteidigend, auf Zerstörung des Ballbesitzfußballs aus, ohne Ambitionen, selbst nach vorne zu spielen. Und vermutlich hätte das Brasilien noch mehr Probleme bereitet, wie das Gruppenspiel gegen Costa Rica gezeigt hat, als die beiden Tore erst in der Nachspielzeit fielen.

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WM 2018: Kein Fünftes Spiel für Mexiko

Doch das hätte nicht den Stärken Mexikos entsprochen - und letztlich ist es für den Fußball eine gute Nachricht, wenn bei einer WM so viele verschiedene Systeme gespielt werden. "Dass wir auf einem solchen Level gegen Brasilien spielen konnten, zeigt, wie gut Mexiko ist", sagte Osorio und ließ dann doch etwas Stolz durchblicken. "Brasilien ist so eine gute Mannschaft, und trotzdem haben wir das Spiel lange ausgeglichen gehalten."

In vier Jahren ist wieder Weltmeisterschaft, und es ist sehr wahrscheinlich, dass die Mexikaner dann wieder dabei sein werden. Ob mit dem vor dem Turnier in Russland stark in der Kritik stehenden Osorio, ist noch nicht geklärt, aber der Kolumbianer meint zu wissen, was bis dahin passieren muss: "Mexiko braucht mehr Spieler, die in den besten Ligen spielen." Elf der 23 Profis verdienen ihr Geld in Europa, aber meist bei Klubs, die nicht international im Einsatz sind.

Bei der WM 2022 in Katar soll es dann endlich mit dem Viertelfinale klappen.

Brasilien - Mexiko 2:0 (0:0)
1:0 Neymar (51.)
2:0 Firmino (88.)
Brasilien: Alisson - Fágner, Thiago Silva, Miranda, Filipe Luís - Casemiro - Paulinho (80. Fernandinho), Coutinho (86. Firmino) - Willian (90.+1 Marquinhos), Neymar - Gabriel Jesus
Mexiko: Ochoa - Ayala, Salcedo, Márquez (46. Layún) - Álvarez (55. Dos Santos), Gallardo - Herrera, Guardado - Vela, Lozano - Chicharito (60. Jiménez)
Schiedsrichter: Gianluca Rocci (Italien)
Gelbe Karten: Filipe Luís, Casemiro / Álvarez, Herrera, Salcedo, Guardado
Zuschauer: 42.000



insgesamt 10 Beiträge
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Seite 1
peterpretscher 02.07.2018
1. Schöner Fußball, schlechter Verlierer.....
.....wie hätte Deutschland gegen Brasilien(Nemayr) ausgesehen.? Ich kann den mexikanischen Trainer verstehen, wenn er sich über die Schauspielerei von Nemayr aufregt!
hnf0506 02.07.2018
2. Rot für den Mexikaner, gelb für Neymar
Es war eindeutig zu sehen dass die Mexikaner Neymar auf den Fuß getreten hat als der am Boden lag. Dafür wäre eine klare rote Karte verdient gewesen. Und für Neymar gelb wegen seiner schauspielerisch minderwertigen Leistung.
t1taner 02.07.2018
3. Neymar
Neymar ist ein recht schlechter Schauspieler, auch in diesem Fall hat er übertrieben, was man aber nicht vergessen sollte, mit nem fussballschuh (stollen!) auf den ungeschützten knöchel zu treten ist bestimmt unglaublich schmerzhaft und Neymar wird vermutlich noch die nächsten Tage daran erinnert werden. Man sollte also lieber über Tätlichkeiten reden als über Schauspielerei
Valis 02.07.2018
4. Neues Regelwerk
Natürlich ist Mexiko verdient ausgeschieden. Aber die Sache mit Neymar nervt aber auch langsam. So toll er auch Fussball spielen kann. Ich kann dieses jammern und Schauspielere nicht mehr sehen. Es ist fremdschämen und es ist eine Beeinflussung des Schiedsrichters. Ein neues Regelwerk sollte sich dieses Thema mal aufgreifen. Spieler die offensichtlich bei weitem mehr draus machen als es war sollte man lange sperren!
Seraphan 03.07.2018
5.
Trainer wie Osorio braucht die Welt. Ich hoffe, man hat in México genau zugeschaut, dass man mit dem vorhandenen, eher durchschnittlichen, Spielermaterial durchaus international mithalten konnte. Mir haben die verschiedene Einstellung und die Taktikwechsel gegen Deutschland und Brasilien gefallen.
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