Mexikos Nationaltrainer Osorio im Interview "Ohne Angst und ohne Minderwertigkeitskomplex"

Mexiko ist der erste Gegner des DFB-Teams bei der WM. Der umstrittene Nationaltrainer Juan Carlos Osorio erklärt, warum die Gruppe F die schwerste ist - und wieso er einem 39-Jährigen vertraut.

Juan Carlos Osorio
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Juan Carlos Osorio

Ein Interview von , Mexiko-Stadt


Zur Person
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    Der Kolumbianer Juan Carlos Osorio, 56 Jahre alt, trainiert die mexikanische Auswahl seit Oktober 2015. Er wird wegen seines Spielstils angefeindet und bisweilen auch, weil er als Ausländer das mexikanische Nationalteam trainiert. Osorio war sechs Jahre bei Manchester City in zweiter Reihe tätig. Seine größten Erfolge feierte er als Cheftrainer mit dem kolumbianischen Spitzenklub Atlético Nacional.

SPIEGEL ONLINE: Señor Osorio, Mexiko eröffnet die WM am 17. Juni gegen den aktuellen Weltmeister. Es gibt sicher leichtere Aufgaben.

Osorio: Wir sehen das vor allem als große Chance. Wir bereiten uns als Fußballer das ganze Leben darauf vor, uns mit den Größten zu messen. Deutschland wird von vielen bewundert und beneidet. Es ist das Modell, dem viele Fußballkulturen folgen wollen. Joachim Löw hat gute Arbeit geleistet und nach der WM in Brasilien die Struktur des Spiels verändert. Er hat die Mannschaft erneuert und eine tolle Mischung aus jung und alt zusammen. Der Auftakt wird sehr schwer, aber wir werden auf Augenhöhe sein, das ist sicher.

SPIEGEL ONLINE: Im -Confed Cup vor einem Jahr waren Sie das noch nicht, da hat Mexiko 1:4 verloren. Welche Schlüsse haben Sie aus dem Spiel gezogen?

Osorio: Damals fehlten uns mit Carlos Salcedo, der heute in Frankfurt spielt, und mit Diego Reyes wichtige Akteure hinten, wir mussten die ganze Defensive neu ordnen. Mit unserer besten Mannschaft wäre das Spiel anders ausgegangen. Aber wir haben gelernt, wie tödlich der deutsche Fußball ist. Das Umschaltspiel ist irre schnell. In welcher Formation auch immer: Deutschland ist ein sehr gefährlicher Gegner.

SPIEGEL ONLINE: Wird die mexikanische Mannschaft bei der WM im Wesentlichen die des Confed-Cups sein?

Osorio: Nein, im vergangenen Jahr haben sich neue Spieler aufgedrängt oder ihren Platz in der Mannschaft konsolidiert.

SPIEGEL ONLINE: Welche?

Osorio: Das sind vor allem diejenigen, die mit Ihren Vereinen in Europa Meisterschaften oder Pokale gewonnen haben: Héctor Herrera mit Porto, Marco Fabián und Salcedo mit Eintracht Frankfurt und Hirving Lozano mit der PSV Eindhoven. Das hat die Spieler stärker gemacht. Wettkämpfe und Training auf höchstem Niveau machen die Spieler in meinen Augen besser. Das können wir Ihnen hier in Mexiko nicht bieten. Deswegen haben wir auch zwölf Spieler in unserem Kader, die in Europa spielen.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie sich bei Salcedo und Fabián nach den Schwächen der Deutschen erkundigt?

Osorio: Wir hören uns an, was sie uns erzählen, aber eigentlich ist das nicht nötig, denn den deutschen Fußball verfolgen wir hier in Mexiko jedes Wochenende ganz intensiv. Wir bewundern den deutschen Fußball über die Maßen.

SPIEGEL ONLINE: Wo sehen Sie Mexiko in der Gruppe, wen müssen Sie schlagen, um ins Achtelfinale zu kommen?

Osorio: Vorneweg einmal: Unsere Gruppe ist die schwerste von allen bei der Weltmeisterschaft. Schweden hat Italien eliminiert, und vergessen wir nicht, dass sie bei der WM 2002 Argentinien rausgeworfen haben. Sie spielen einen sehr direkten Fußball mit einem rigiden System, und Südkorea ist die beste asiatische Mannschaft der Gegenwart. Es wird sehr schwer, weiterzukommen.

SPIEGEL ONLINE: Mexiko ist zum 16. Mal bei einer WM dabei, aber auch Rekord-Verlierer. Bei den vergangenen sechs Turnieren war immer im Achtelfinale Schluss. Wie wollen Sie das Viertelfinale, das in Mexiko so sehr ersehnte fünfte Spiel erreichen?

Osorio: Dieses fünfte Spiel ist eine Obsession und ein Hindernis für die Entwicklung des mexikanischen Fußballs. Das ist ein extra Stress, der nicht notwendig ist. Wir können nur das spielen, was wir können. Ohne Angst und ohne Minderwertigkeitskomplex. Aber dafür müssen wir unseren besten Fußball zeigen. Dann kann Mexiko sehr weit kommen in Russland.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben den früheren Barcelona-Spieler Rafa Márquez trotz seiner 39 Jahre, trotz der Ermittlungen der US-Drogenfahndung gegen ihn und seines gerade verkündeten Karriereendes nominiert. Warum?

Osorio: Weil Rafael sehr erfahren ist, eine hohe technische Qualität hat und trotz seines Alters noch fit ist. Er wird sehr wichtig für uns sein. Entweder als Startspieler oder als Einwechselspieler, je nachdem, gegen wen wir spielen.

SPIEGEL ONLINE: Welcher Mexikaner könnte sich in Russland in den Fokus spielen?

Osorio: Vor allem Hirving Lozano, der Linksaußen der PSV Eindhoven. Auch Héctor Herrera vom FC Porto und Héctor Moreno von Real Sociedad haben das Zeug für eine große Weltmeisterschaft.

SPIEGEL ONLINE: Mexiko hat in neun Jahren zwölf Trainer verschlissen, Sie sind nun schon seit drei Jahren hier und einer der erfolgreichsten Nationalcoachs des Landes überhaupt. Aber dennoch werden Sie in der Presse und von Fußball-Legenden wie Ex-Real-Madrid-Stürmer Hugo Sánchez ständig angefeindet für ihren Stil, das angeblich fehlende Konzept und die hohe Rotation. Was läuft da schief?

Osorio: Das sind alles sehr subjektive Meinungen, auf die ich nicht antworte. Im Fußball redet jeder mit. Ich übernehme Verantwortung für meine Arbeit. Aber die Fakten liegen auf dem Tisch. Wenn wir objektiv sind und unsere Qualifikations - und Turnierspiele anschauen, waren es immer dieselben acht bis neun Spieler, denen ich vertraut habe. Auch ihr Deutschen wechselt doch. Mal ist es Draxler, mal Gündogan, dann wieder Sané oder Khedira. Es ist doch normal, dass man in einer guten Nationalmannschaft zwei bis drei Spieler austauscht.

SPIEGEL ONLINE: Und dass Sie bis kurz vor der WM experimentieren?

Osorio: (wechselt ins Englische) Über das Experimentieren kann man diskutieren. Aber ich rede mit vielen großen Trainern auf der ganzen Welt, und alle stimmen mit mir überein. Und ihr könnt doch sicher sein, dass ich mir nicht über Nacht ausgedacht habe, welchen Spieler ich auf einer bestimmten Position einsetze, sondern dass wir das im Training lange probiert haben. Und den Herrn, den Sie zuvor angesprochen haben, der kann sagen, was er will. Er sucht immer Schuldige. Und wenn ich das bin, ist das okay für mich.

SPIEGEL ONLINE: Wie hat sich die mexikanische Mannschaft denn seit Brasilien 2014 entwickelt?

Osorio: Das Team ist heute wesentlich kompletter und flexibler. Wir haben jetzt drei Spieler, die auf zwei oder drei unterschiedlichen Positionen spielen können. Und andere, die gut mindestens zwei Position einnehmen können. Und wir haben unser Kopfballspiel deutlich verbessert. Außerdem haben wir mit Lozano und Salcedo zwei Spieler nach Europa gebracht.

SPIEGEL ONLINE: Wer ist für Sie der Favorit auf den Titel in Russland?

Osorio: Für Europa ist das vor allem Deutschland, aber auch Spanien. Für Lateinamerika sind es Brasilien und Argentinien.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben ein Angebot zur Vertragsverlängerung des mexikanischen Verbands ausgeschlagen. Das heißt, Sie gehen nach der WM, egal wie Mexiko abschneidet?

Osorio: Ich liebe die tägliche Arbeit mit einem Team und Spielern. Das kann eine Nationalmannschaft nicht bieten. Ich war sechs Spielzeiten bei Manchester City unter anderem als Assistenztrainer tätig. Ich würde sehr gerne in England als Chefcoach arbeiten oder auch in der Bundesliga. Was muss ich machen, um bei Bayern München Trainer zu werden? (lacht)



insgesamt 9 Beiträge
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Seite 1
klarakk 07.06.2018
1.
Mexiko, Schweden und Südkorea? Ein Vorrunden Aus liegt in der Luft.
Sal.Paradies 07.06.2018
2. Ja, ganz sicher
Zitat von klarakkMexiko, Schweden und Südkorea? Ein Vorrunden Aus liegt in der Luft.
Mexiko, Schweden und Südkorea? Ein Vorrunden Aus für "diese" 3 Mannschaften liegt in der Luft. Ja, zwei davon werden ganz sicher die Segel streichen. Wer es sein wird? Eine enge Geschichte, weil da jeder jeden schlagen kann (natürlich auch D). Übrigens hat Osorio vergessen zu erwähnen, dass die NM beim Confed-Cup mit einer B-Elf angetreten ist, während er lediglich auf zwei wichtige Spieler verzichten musste. Mexico ist trotzdem ein sehr unangenehmer Gegner, was sie öfter gegen ARG und BRA zeigten.
hooge789 07.06.2018
3. Schön schwierig.
Die schwierige Gruppe wird Deutschland fordern. Und das ist sehr gut für D. D wird sich in dieser Gruppe in Form kämpfen. Ich sehe einen durchwachsenen Start auf uns zukommen.
mullertomas989 07.06.2018
4. Er müsste Deutschland schlagen....
... und dann das Viertelfinale erreichen. Dann wären großen Vereine interessiert an ihm. Bayern München allerdings nicht, denn die haben ja schon den ehemals kroatischen Nationaltrainer verpflichtet...
Nonvaio01 07.06.2018
5. ich leg mich fest
Deutschland und SK kommen weiter. Schweden hat sich im Play off gegen extrem schwache Italiener qualifiziert, die gewinnen kein soiel bei der WM. SK ist denke ich technisch besser als Mexico, die sind immer dribbelstark und haben lungen die nie aufgegen wie es scheint. 1: Deutschland 2: SK 3: Mexico 4: Schweden
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