Ballack über Löw "Manchmal funktioniert es einfach nicht mehr"

Michael Ballack hat sich zum WM-Debakel der deutschen Nationalmannschaft in Russland geäußert. Der frühere DFB-Kapitän ist verwundert darüber, dass Joachim Löw weiter als Nationaltrainer arbeiten darf.

Joachim Löw (l.), Michael Ballack (Archivbild von 2011)
REUTERS

Joachim Löw (l.), Michael Ballack (Archivbild von 2011)


Der frühere Nationalmannschaftskapitän Michael Ballack hat sich kritisch über den Verbleib von Joachim Löw als Nationaltrainer geäußert. "Ich war wie viele andere Leute auch überrascht, dass er seinen Job behalten hat. Er hat lange mit dem Team gearbeitet. Manchmal funktioniert es einfach nicht mehr, wenn jemand so lange mit einer Mannschaft zusammen ist wie er", sagte Ballack der "Deutschen Welle".

Löw sei letztlich für das Scheitern verantwortlich zu machen und sollte "professionell genug sein", um die richtigen Konsequenzen für seine Zukunft zu ziehen, sagte Ballack: "Es war ganz offensichtlich, dass einige Spieler nicht auf der Höhe waren. Und man konnte es schon vorher sehen, dass eine oder mehrere Positionen nicht optimal besetzt waren. Deshalb sollten die Verantwortlichen beurteilen, ob Löw immer noch der richtige Mann ist."

Die deutsche Fußballnationalmannschaft war bei der WM in Russland nach Niederlagen gegen Mexiko und Südkorea bereits nach der Vorrunde ausgeschieden. Löw, dessen Vertrag vor dem Turnier in Russland verlängert worden war, blieb trotz des Debakels im Amt und erfuhr dieUnterstützung der DFB-Spitze.

"Das ist keine echte Analyse"

Der 42-jährige Ballack kritisierte das Gremium um Präsident Reinhard Grindel dafür, Löw frühzeitig das Vertrauen ausgesprochen zu haben. "Die Weltmeisterschaft war eine große Enttäuschung, und dafür gab es Gründe. Man sollte sie ernsthaft analysieren und nicht sagen 'Wir analysieren das', während in Wahrheit bereits beschlossen ist, am Trainer festzuhalten", sagte Ballack: "Das ist keine echte Analyse."

Auch die Affäre um die Fotos der Nationalspieler Mesut Özil und Ilkay Gündogan mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan hätten ihren Teil zum WM-Aus in der Vorrunde beigetragen, sagte Ballack. "Niemand braucht so etwas vor einer Weltmeisterschaft." Ballack empfahl Özil, sich auf den FC Arsenal zu konzentrieren. Fußballer sollten "Schlagzeilen auf dem Spielfeld machen, nicht abseits davon".

Das Verhältnis von Ballack und Löw gilt als angespannt. Ballack wurde 2002 mit der Nationalmannschaft Vizeweltmeister bei der WM in Japan und Südkorea. Von 2004 bis 2010 war er Kapitän des DFB-Team, verletzte sich allerdings vor der WM in Südafrika und verpasste das Turnier. Er schied im Unfrieden aus der DFB-Auswahl, nachdem Löw das Amt des Kapitäns an Philipp Lahm übertragen hatte - und dieser auch über das Turnier hinaus Spielführer blieb.

bka/sid

insgesamt 53 Beiträge
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golfstrom1 11.10.2018
1. Ballack
Hier hat Michael Ballack absolut Recht. Ich halte es auch für äußerst gewagt mit Joachim Löw weiterzumachen. Er hat das peinliche und desolate Abschneiden zu verantworten und mit seiner Einstellung auch einen großen Teil an der mangelhaften Einstellung der Spieler zu verantworten. Das kuriose daran ist, dass er den notwendigen Umbruch ein Jahr vorher beim Konförderation-Cup ja selber schon eingeleitet hat, aber bei der WM diesen Spielern einfach nicht vertraut hat. Ich halte Löw für absolut kompetent genug den Umbruch jetzt einzuleiten und eventuell einen Neustart zu wagen. Aber er hat sich selber und seinem Image enorm geschadet.
Tavlaret 11.10.2018
2. Man sieht es selten selbst ein
Die Nationalelf brächte auf jeden Fall eine anderes Trainer- und Manager-Gesicht, der DFB einen anderen Präsidenten. Dieses "immer weiter so" nimmt die Lust am Fußball. In fast allen Branchen ist es so, dass irgendwann neue Besen besser kehren - die "alten Besen" können durchaus wieder "neue Besen" woanders sein. Aber gut, jetzt beginnt hier wieder der streit zwischen Löw-Befürwortern und Löw-Kündigern - alles schon gehabt. Schaun wir mal, wie's nächste Woche um diese Zeit aussieht. Nach 2 Niederlagen wird es lustig, wenn die N11 sich halbwegs durchgegurkt hat, bleibt's wie es ist.
K:F 11.10.2018
3. Durchaus nachvollziehbare Kritik
Wie soll so ein Neuanfang funktionieren? Löw scheint davon überzeugt zu sein, mit den verdienten Spielern "Neuanzufangen". Auch wenn Löw den 100 Fußballer testet, bleibt es doch bei dem alten System.
les2005 11.10.2018
4. teilweise berechtigt
Ich kann nicht beurteilen, ob Löw noch der richtige Trainer ist. Völlig klar ist dagegen, daß es unsinnig war, Löws Vertrag bereits vorab zu verlängern. Damit hat man sich unnötig seiner Handlungsmöglichkeiten beraubt und letztlich Löw die Deutungshoheit überlassen.
zeisig 11.10.2018
5. Der Weltmeister - Bonus.
Der Löw profitiert von seinem Weltmeister 2014 - Bonus. Jeder andere Trainer wäre nach diesem Turnier entlassen worden. Mitsamt Bierhoff.
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