FCN-Trainer Köllner Nürnberger Erzählmensch

Mit 47 hat Michael Köllner sein erstes Profiteam als Trainer übernommen. Mit dem 1. FC Nürnberg steht er kurz vor dem Erstliga-Aufstieg. Das hat das Team auch seinen ungewöhnlichen Methoden zu verdanken.

Nürnbergs Trainer Michael Köllner
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Nürnbergs Trainer Michael Köllner

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Die Geschichte mit der Urkunde ist zu schön, um sie wegzulassen, auch wenn sie schon mehrfach erzählt wurde. Als Michael Köllner bei der Bundeswehr war, hat er sich zum Zahnarzthelfer ausbilden lassen. Als es zur Abschlussprüfung kam, war er der einzige Mann unter 300 Frauen. Einen männlichen Zahnarzthelfer, das gab es in Bayern bisher noch nie. Auf seiner Urkunde wurde das -in am Ende des Wortes Zahnarzthelferin einfach mit einem dicken Filzschreiber durchgestrichen.

Es ist nur eine Anekdote, aber sie sagt viel über den Trainer des 1. FC Nürnberg aus. Köllner macht gerne Sachen, die ungewöhnlich sind, geht Wege, die andere nicht gehen. Zu Weihnachten hat er seinen Spielern Bücher geschenkt: "Bildung hat noch niemandem geschadet." Im Sommer hat er das Team zu einer Klosterbesichtigung mitgenommen. Wenn politische Wahlen anstehen, macht er das in der Kabine zum Thema, ihn interessiere es einfach, "was ein 20-Jähriger über die politische Landschaft denkt", hat er der "Bild"-Zeitung erzählt.

Man kann jedenfalls nicht sagen, dass der Trainer mit seinen Methoden keinen Erfolg hätte. Der 1. FC Nürnberg steht nach mauen Zweitligajahren als Tabellenzweiter kurz vor dem Wiederaufstieg in die Bundesliga. Das Spiel am Abend beim Dritten Holstein Kiel (20.30 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) ist vielleicht die letzte harte Probe der Saison. Der FCN, den alle nur den "Club" nennen, liegt seit Monaten auf einem direkten Aufstiegsplatz, vier Spieltage trennen ihn noch von der Seligkeit.

In Franken sind sie überzeugt, dass Köllner, der das Traineramt vor einem Jahr übernahm, daran seinen Hauptanteil hat. In der Presse wird er als ein "Glücksfall für den Club" bejubelt, wahrscheinlich wurde seit Hans Meyer kein Coach an der Noris mehr so gefeiert.

Der Ostdeutsche und der Oberpfälzer

Meyer und Köllner, der Ostdeutsche mit der DDR-Biografie und der Oberpfälzer, so unterschiedlich sie erscheinen, es sind ähnliche Typen. Eigenwillig, den Kopf auch gerne mal aus dem Fußball herausstreckend, offenbar sind solche Charaktere die Richtigen in Nürnberg. Wenn Köllner Zeit hat, guckt er beim Stammtisch der FCN-Ehemaligen vorbei und diskutiert mit den Altvorderen, die den Klub 1968 letztmals zum Deutschen Meister gemacht haben, so etwas kommt gut an.

Köllner ist mittlerweile 48 Jahre alt, und der 1. FC Nürnberg ist tatsächlich seine allererste Trainerstation im Profifußball. Vielleicht auch deswegen der Enthusiasmus. Wenn er über den FCN spricht, findet er so schnell kein Ende, die "Süddeutsche Zeitung" hat ihn einen "Erzählmenschen" genannt.

Vor dem FCN hat Köllner fast 15 Jahre für den Deutschen Fußball-Bund (DFB) gearbeitet, er hat die Nachwuchsarbeit für den Verband in Bayern koordiniert. Manche mögen sich gar nicht vorstellen, dass man nach 15 Jahren beim DFB sich noch einen so eigenen Kopf bewahren kann, aber Köllner hat das offensichtlich geschafft. Zuletzt hatte er das Nachwuchsleistungszentrum der Nürnberger geleitet. Er hat dort kräftig aufgeräumt und sich, so heißt es, dadurch nicht nur Freunde gemacht. Köllner sagt, im Fußball gehe es zu wie in einer Familie, "manchmal muss man weich sein, manchmal streng", sagt er der "Süddeutschen Zeitung". Und er ist der Familienvater.

Mertesacker-Interview im Fach

Mit seinen Spielern geht er auch mal ins Kino, wenn er glaubt, dass er ihnen mit dem Film etwas vermitteln kann. Zuletzt hat er den Profis den Mertesacker-Text aus dem SPIEGEL ins Fach gelegt, den Strafenkatalog im Team hat er abgeschafft, er sagt, wenn ihm die Einstellung eines Spielers nicht gefalle, werde er halt nicht aufgestellt: "Das ist die größte Strafe für einen Spieler." Von Zusammenhalt ist viel die Rede, wenn er über Fußball spricht: "Wenn die Mannschaft keine Einheit ist, dann hilft auch die beste Taktik nicht."

Ein Trainer, der seinen Spielern Bücher schenkt und sie ins Kloster schickt - wenn es sportlich mal nicht laufen sollte, macht das auch schnell angreifbar für Spott und Kritik. Aber derzeit funktioniert es, und Sportdirektor Andreas Bornemann lässt seinen Trainer machen.

Der Verein hat wie fast in jedem Jahr im Winter Spieler Richtung Bundesliga abgeben müssen, um Geld hereinzuholen. Stürmer Cedric Teuchert spielt jetzt beim FC Schalke, der sich in der Vergangenheit in schöner Regelmäßigkeit beim FCN bedient hat. Verteidiger Patrick Kammerbauer wechselte zum SC Freiburg, dennoch hat sich das Team auch in der Rückrunde an der Tabellenspitze halten können, ist im Windschatten von Spitzenreiter Fortuna Düsseldorf geblieben. Der Aufstieg, es wäre der achte in der Geschichte des FCN. Aufs und Abs sind sie allerbestens gewohnt in Nürnberg. Gerade haben sie mal wieder ein Auf.

Köllner hat in seiner DFB-Zeit ein Buch geschrieben, einen Ratgeber für Talente, die Profis werden wollen. Das dickste Kapitel darin trägt die Überschrift "Lebensführung".



insgesamt 4 Beiträge
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dogeatdog 23.04.2018
1. Für mich bleibt Köllner
der beste Trainer im deutschen Profifußball. Der Vergleich mit Herrn Meyer passt super. Der gute Mann hat uns den DFB-Pokal ins Frankenland geholt, Kölner wird sogar Meister. Auch Dieter Hecking war ein Fachmann von Format. Die Einschätzung " vielleicht die letzte harte Probe der Saison" teile ich zu 100%. Da kommen noch einige Punktelieferanten auf uns zu. Nicht abwarten und gewinnen. Ich tippe mal auf einen Sieg gegen Holstein Kiel am heutigen Abend. Vielleicht sucht ja Herr Köllner auch die Nähe zu den Altforderen beim Stammtisch, weil er gerne zum "äusseren Zirkel" dazugehören möchte. Am Ende der Saison könnte es für Kiel noch gegen den HSV in die Relegation gehen oder Jahn Regensburg überholt die sogar noch. Die haben tatsächlich einen Trainer: Achim Beierlorzer !
hamburger.jung 23.04.2018
2.
Interessante Diskrepanz bei den Fans. Nr. 2 liegt nach heute wohl eher richtig.
brotherandrew 24.04.2018
3. Dumm ...
... gelaufen, nicht wahr? Prognosen sind immer schwierig. Vor allem, wenn sie die Zukunft betreffen. Und erst recht, wenn sie vom persönlichen Urteil des Hellsehers getrübt sind. So schlecht kann der Trainer des Clubs nicht sein, wie Sie meinen. Wer in Kiel 3:1 gewinnt, hat nicht viel falsch gemacht. Dafür aber einiges richtig gut gemacht.
loreley123 24.04.2018
4. Man
kann schon sehen, besonders nach dem Sieg gegen Kiel, wer hier der größte Schwätzer ist @ Joern V. Der Erfolg gibt Köllner recht. Er ist Ein guter Trainer.
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