Michael Reschke beim VfB Stuttgart Der neue Häuslebauer

Eigentlich sollte nach dem Aufstieg Ruhe beim VfB Stuttgart einkehren. Doch der Wechsel des Sportvorstands sorgt für heftige Debatten. Der Präsident gerät in Erklärungsnot.

Sportvorstand Michael Reschke, Präsident Wolfgang Dietrich
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Sportvorstand Michael Reschke, Präsident Wolfgang Dietrich

Aus Stuttgart berichtet


Michael Reschke ist ein kommunikationsstarker Mann. 150 Mal, so der 59-Jährige, habe er in den vergangenen drei Jahren in München mit Uli Hoeneß am Frühstückstisch gute Gespräche geführt. Bei den Bayern war Reschke Kaderplaner, seit Freitag hat seine neue Karriere offiziell begonnen: als Sportvorstand beim VfB Stuttgart. Auch bei den Schwaben ist ein wichtiger Teil seines Jobs: reden. Bereits drei Unterhaltungen habe er in der kurzen Zeit mit Teammanager Günther Schäfer geführt.

Reschke hat Freude an der Kommunikation: "Die Gespräche machen richtig Spaß", sagt er. Kernige Jungs seien das beim VfB. Der Rheinländer Reschke pflegt die Offenheit, die seine Landsleute zu gefälligen Gesprächspartnern macht. Doch der Geschäftsmann Reschke weiß auch, wann er lieber nichts sagt.

Turbulente Tage, die viele Fragen aufwerfen

In Stuttgart haben sie zuletzt "turbulente Tage" erlebt, die "eine Menge Nerven und Kraft" gekostet hätten. So sagt es VfB-Präsident Wolfgang Dietrich - und hat in diese Bilanz die Beinaheblamage im Pokal bei Energie Cottbus (4:3 i. E.) am Sonntag noch gar nicht mit eingerechnet.

Was Dietrich meinte, war die Freistellung von Reschkes Vorgänger Jan Schindelmeiser Anfang August. Schindelmeiser war der Bauherr des jungen Aufsteigers VfB, er war auch das Gesicht der erfolgreichen Ausgliederung des Profibetriebs in eine AG Anfang Juni. Die überraschende Trennung warf Fragen auf. Wie es zur Verpflichtung kam, wann Reschke angesprochen wurde, was Schindelmeiser seinem Nachfolger an Ratschlägen mit auf den Weg gab - all das bleibt Reschkes und Dietrichs Geheimnis.

Michael Reschke
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Michael Reschke

Nur so viel: Die Summe einzelner Punkte habe zum Rausschmiss geführt, lässt sich Dietrich widerwillig zu einer Antwort hinreißen. Von vielen vermeintlichen Alleingängen Schindelmeisers ist im Speziellen die Rede. Dem entgegnet der Gefeuerte im "kicker": "Beim VfB Stuttgart gibt es nicht einen einzigen Spieler, der nicht als Produkt eines Teamprozesses verpflichtet wurde."

Badstuber und Aogo "wichtige Neuzugänge"

In Stuttgart gelten die Ausführungen des Flensburgers Schindelmeiser als ein wenig glaubhafter als jene des Schwaben Dietrich. Die "Stuttgarter Zeitung" kommentierte in Richtung Vorstandsboss: "Teamwork heißt bei ihm, dass sich alle hinter dem Präsidenten versammeln." Schindelmeiser sei Dietrich zu mächtig geworden, heißt es. Der sagt nun: "Die Wahrheit ist nicht so oder so. Sie ist immer so und so."

Für Schindelmeiser war der immer wieder proklamierte Weg der jungen Mannschaft mit ordentlich Potenzial wohl zu alternativlos, Dietrich vermisste Erfahrung in der Mannschaft. Minuten nach Schindelmeisers Kündigung hob der 28-jährige Holger Badstuber das VfB-Trikot in die Kameras, fünf Tage später machte Dennis Aogo, 30 Jahre alt, das gleiche. Zwei frühere Nationalspieler, die Reschke nun "wichtige Neuzugänge" nennt, da die junge Mannschaft "Rückhalt und Unterstützung" brauche.

Es darf als gesichert gelten, dass der neue Sportvorstand schon vor Dienstantritt seine Einschätzungen abgeben durfte - mindestens. So berichtete Uli Hoeneß bei "Sky", dass ihn Reschke, den auch Pep Guardiola zu Manchester City lotsen wollte, vor der Asienreise der Bayern Ende Juli von einer möglichen beruflichen Veränderung und Angeboten erzählt habe. Reschke und Dietrich widersprachen dieser Darstellung nicht.

Reschkes Visionen

Weil bis zur Trennung von Schindelmeiser aber noch gut zwei Wochen ins Land zogen, fehlt Reschke nun die Zeit, "sinnvolle Coups" auf dem Transfermarkt zu landen. Die Konzentration auf die Jugend sei auch für ihn Idealbild, jedoch im Angesicht einer kniffligen Bundesligasaison, in der es keine klassischen Absteiger gebe, schwer umsetzbar.

Reschke dürfte mit dieser Sichtweise voll auf Dietrichs Linie liegen, was ihn für den Präsidenten zu einem doppelten Gewinn macht. Im Gegensatz zur Personalie Schindelmeiser ist die Wahrheit in diesem Fall wohl eindeutig: Der 59-jährige Reschke ist Stuttgarts Transfercoup des Sommers - das schützt Dietrich vor heftigeren Debatten.

Bedenken, dass der hochgelobte Kaderplaner als sportlich Hauptverantwortlicher im Rampenlicht Probleme bekommen wird, lässt Reschke nicht gelten. Auch in Leverkusen sei er vor seiner Münchner Zeit zehn Jahre Manager und nicht nur für die Kaderplanung zuständig gewesen. Sicher sei aber auch, dass sich sein Berufsbild verändern werde.

"Ich werde deutlich näher am Trainer, der Mannschaft und am Klub sein." Diesen Karriereschritt habe er bewusst gewählt. Auch wenn die Transfersummen in Stuttgart andere sein werden als in München, reizen Reschke die dortigen Möglichkeiten nach der Ausgliederung, "die auch Visionen realistisch erscheinen lassen." Visionen hatte auch Jan Schindelmeiser. Er durfte sie nicht mehr realisieren.



insgesamt 9 Beiträge
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spmc-125536125024537 15.08.2017
1. Was ist Reschkes Motivation?
Nach Lektüre des Artikels bleibt für mich die Frage: warum geht man statt zu den Bayern oder nach Manchaster zum Aufsteiger Stuttgart? Und warum sieht man das als Karriereschritt statt als Abstieg? Das Geld kann es doch hier nicht sein
crazy_swayze 15.08.2017
2.
Sollte Reschke die Transfers Badstuber und Aogo mitverantwortet haben, so muss man sich fragen wo darin denn die große Fachexpertise besteht. Das sind Transfers von der Resterampe, für die es kein besonderes Fachwissen braucht. Die beiden haben in der letzten Saison gerade mal eine handvoll Spiele gemacht.
gruenertee 15.08.2017
3.
Auf Badstuber und Aogo hätte man auch verzichten können. Ich sehe da nur ein paar Senioren, die noch kurz vor dem Karriereende ein paar Euros mitnehmen wollen. Ein Abstieg ist für die kein Schreckensszenario.
nummer50 15.08.2017
4. Erfolg
Sollte der VFB in der Liga bleiben, wird es als Erfolg von Reschke und dem Präsidenten gesehen, aber wehe wenn sie wieder absteigen, dann kann der Präsident unter Umständen seinen Hut nehmen.
Ignorant00 15.08.2017
5. Posten?
Zitat von spmc-125536125024537Nach Lektüre des Artikels bleibt für mich die Frage: warum geht man statt zu den Bayern oder nach Manchaster zum Aufsteiger Stuttgart? Und warum sieht man das als Karriereschritt statt als Abstieg? Das Geld kann es doch hier nicht sein
Bei den Bayern war er Kaderplaner, in Stuttgart Sportvorstand. Das ist also durchaus ein Karriereschritt: wichtigerer Posten bei kleinerem Club (und wer weiß was man ihm bei Manu angeboten hat?) Geht da immer um die Prioritäten: So ist Eberl ja auch lieber bei Gladbach mit ganz viel Gestaltungsmöglichkeiten geblieben, als zu den Bayern mit dann weniger Kompetenzen zu gehen.
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