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08. Mai 2012, 11:06 Uhr

Fürth-Coach Büskens

Begehrter Entflammer

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Mike Büskens hat Greuther Fürth in die erste Bundesliga geführt. Der Erfolg mit den eigentlich "Unaufsteigbaren" hat ihn attraktiv für andere Vereine gemacht. In Leverkusen, in Augsburg, in Berlin - überall werden wohl Trainerstühle frei. Kann der "Entflammer" von Fürth widerstehen?

Wild purzelten die Fürther Spieler durch die Gegend, von einer Bierdusche durchnässt umarmte Manager Rachid Azzouzi jeden, der nicht rechtzeitig flüchten konnte. Und Mike Büskens? Der Aufstiegstrainer schaute auf die jubelnden Fans, sprach ein paar launige Worte, griff über die Balustrade und hievte seine beiden Töchter herüber, die auf der Tribüne ausgeharrt hatten.

Fraglos war es ein "emotionales Bedürfnis", Laura und Kiara "an diesem Moment teilhaben zu lassen", wie er später erklärte. Es war aber auch ein Signal: Seht her, selbst im Moment des größten Triumphes hat sich an meiner Prioritätensetzung nichts geändert.

Seine noch in Gelsenkirchen lebende Familie, das hat Büskens schon oft betont, ist ihm das Wichtigste. In Fürth haben sie diese Geste registriert, sie haben gemerkt, dass sich Büskens auch in den emotionalen Momenten der Aufstiegsfeier nicht zum Verein bekannt hat. Die Frage, ob er nun seinen bis Juni 2012 datierten Vertrag verlängert oder eines von offenbar mehreren konkurrierenden Angeboten wahrnimmt, beschäftigt die 115.000-Einwohner-Stadt seit Wochen.

Viele Trainerstühle werden frei

Zumal das Trainerkarussell bundesweit rotiert. Dem 1. FC Köln hat Büskens zwar abgesagt - doch auch der FC Augsburg, Hertha BSC, eventuell Leverkusen und Gladbach für den nicht auszuschließenden Fall, dass Lucien Favre geht, suchen einen Coach. Und bei manchem dieser Clubs kann man sich Büskens prima vorstellen. Diesen Mann, der in Fürth eine junge, hungrige Mannschaft aus technisch guten, schnellen Spielern geformt hat.

Derzeit wird in Fürth jede Geste, jedes Wort von Büskens seziert. Spricht er von "wir" gilt das als Signal, dass er bleibt, benutzt er die Vergangenheitsform ("haben oft überzeugend gespielt"), als Signal, dass er abgeschlossen hat. "Eine Scheiße", sei das, hat er bei der letzten Pressekonferenz ausgerufen. Diese Interpretationen. Verdammt noch mal, er spiele doch mit offenen Karten. "Heuchelei" sei seine Sache nicht. Und Heuchelei wäre es, wenn er hinter dem Rücken des Vereins und der Fans mit anderen Clubs verhandle. "Das geht nicht. Ich möchte heute, morgen und übermorgen in den Spiegel gucken können."

Um Geld, das betont er immer wieder, gehe es nicht. Man darf ihm das wohl glauben, schließlich hat der 44-Jährige, der in Fürth im Hotel wohnt, immer wieder besser dotierte Angebote ausgeschlagen. "Ich habe oft im Interesse von Fürth entschieden, weil ich wusste: Dieser Weg hier ist noch nicht zu Ende." Er ist es auch heute noch nicht. Nur dass der Vertrag erfüllt ist und sich offenbar andere Wege aufgetan haben. "Ich möchte die Zeit haben, mich mit Anfragen zu beschäftigen und eine Vergleichbarkeit zu schaffen."

"Bujo" sei immer Malocher geblieben, sagen die Schalker

Büskens weiß, dass er nach den vergangenen zweieinhalb Jahren als einer jener aufstrebenden Trainertalente gilt, die auch für Vereine mit internationalen Ambitionen interessant werden. Anders gesagt: Wenn bei einem der Clubs, mit denen er spricht, das "Gesamtpaket" stimmt, ist er wohl weg. Vorausgesetzt, dessen Geschäftsstelle liegt näher an Gelsenkirchen als Fürth. Wenn er dem "Kleeblatt" die Treue halten sollte, dann, weil es doch eine besondere Geschichte ist, die den Verein mit einem Coach verbindet, der von konservativen Werten durchdrungener ist als manch älterer Kollege.

"Bujo", erzählen sie auf Schalke, sei immer ein Malocher geblieben. Einer, der am Wurststand aushilft, wenn beim Straßenfest Not am Mann ist. Einer, der zur Fanfeier kommt, wenn er eingeladen wird. Einer, der seine Fürther Spieler in der Halbzeitpause rundmacht, wenn sie - nach dem faktisch vollbrachten Aufstieg - beim FSV Frankfurt einen spannungsarmen Auftritt hinlegen.

"Wir können uns nicht am Montag feiern lassen und dann am Freitag vor 3000 unserer Zuschauer so einen Mist abliefern." Seine Spieler haben auf ihn gehört und noch den Ausgleich geschafft. Er würde es nie zugeben, aber in seinem tiefsten Inneren hätte Mike Büskens vielleicht doch das Gefühl, dass er eine Mannschaft im Stich ließe, die auch deshalb aufgestiegen ist, weil sie ihm bedingungslos gefolgt ist.

Es hat ihn jedenfalls nachdenklich gestimmt, was in den letzten Wochen in Fürth passiert ist. Die 25.000 Fans vorm Rathaus bei der Aufstiegsfeier, all die Kleeblatt-Flaggen, die plötzlich aus den Fenstern hängen, der kleine Junge, der Büskens verschämt erzählt hat, wie traurig er sei, wenn der Trainer weggehe. All die Emotionalität, die plötzlich in Fürth aufgebrochen ist. Fürth ist entflammt. Kein guter Zeitpunkt zu gehen.

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