Von Antje Luz
Ein solches Lob kommt einem Ritterschlag gleich: "Er ist ein großartiges Talent", sagt Stürmerstar Zlatan Ibrahimovic über seinen jungen Teamkollegen Alexander Merkel. Zehn Pflichtspiele, drei Vorlagen, ein Tor: Das ist die Zwischenbilanz des in Kasachstan geborenen Deutschen, der seit dieser Saison für den AC Mailand in der Serie A aufläuft.
Es ist eine bemerkenswerte Karriere: Der ehemalige Jugendspieler des VfB Stuttgart hat seit 2010, dem Jahr seiner Volljährigkeit, einen Profivertrag beim aktuellen italienischen Tabellenführer. Der holte ihn bereits 2008 für die "Primavera" - die Jugendmannschaft - nach Mailand, mit der Merkel 2010 den italienischen Pokal gewann.
Merkels Profi-Debüt fand gleich auf der ganz großen Bühne statt: Bei der Champions-League-Partie gegen Ajax Amsterdam im Dezember 2010 wurde er im Schlussviertel für den Brasilianer Robinho eingewechselt. Einen Monat später stand er in der Startaufstellung für das Serie-A-Spiel gegen Cagliari Calcio, und noch im Januar schoss er sein erstes Tor im Pokalwettbewerb gegen den AS Bari.
Auf dem Platz überzeugt der deutsche U19-Nationalspieler durch seine Schnelligkeit und seine Spielübersicht. Diese Leistung ist auch eine Folge der akribischen Vorbereitung bei Milan.
Als er sechs Jahre alt war, zog Familie Merkel nach Deutschland. Alexander begann bei der hessischen JSG Westerwald und wechselte mit elf Jahren in die Nachwuchsakademie des VfB Stuttgart. Mit 16 kam er dann zum AC Mailand. Der technisch versierte Angreifer spielt außerdem seit 2007 in den deutschen Jugendnationalmannschaften, lieferte Vorlagen und machte dort bislang zwei Tore.
Merkel ist ein typischer Vertreter seiner Fußballergeneration: bescheiden, professionell, aufmerksam. Er wolle von den Stars lernen, und "lernen kann man jeden Tag etwas" - auch beim Zusehen von der Bank aus oder beim Zuhören, wenn die erfahrenen Spieler beim gemeinsamen Mittagessen reden, sagt der Jungprofi.
Trainer Allegri vertraut dem Deutschen
Nur durch Reden kann er sich bei Mailand allerdings nicht weiterentwickeln. Erfahrung und Spielpraxis bekommt er nur durch möglichst viele Einsätze. Und da stehen seine Chancen gut. Coach Massimiliano Allegri, der in den neunziger Jahren selbst Mittelfeldspieler unter anderem beim SSC Neapel und Delfino Pescara war, glaubt an Merkel. Er setzt den Deutschen ein, weil er dessen Talent vertraut.
Eine mutige Strategie, denn im Zweifel geben Italiens Trainer der Erfahrung den Vorzug. Sein Mannschaftskollege Ibrahimovic hat die Erklärung dafür parat: "Wenn einer nicht gut spielt, wird ein anderer gekauft. Die Italiener haben nicht die Geduld, einem Spieler die Entwicklungszeit zu geben. Sie haben den Druck, gleich Resultate zu liefern." Merkel ergänzt: "In Italien investieren sie vor allem sehr viel Geld, und dann wollen sie natürlich nicht verlieren, aber mit jungen Spielern kann man vielleicht nicht gewinnen."
Allegri denkt offenbar anders, er hat auch kaum eine Alternative. Der Trainer braucht Merkel. Die etablierten Milan-Führungsspieler Andrea Pirlo und Massimo Ambrosini sind seit Wochen verletzt. Auch Clarence Seedorf, Gennaro Gattuso und Kevin-Prince Boateng, die ebenfalls im Milan-Mittelfeld zu Hause sind, mussten aufgrund von Blessuren pausieren. Die im Winter transferierten Mark Van Bommel und Urby Emanuelson hatten für die Champions League - aus der Milan allerdings mittlerweile ausgeschieden ist - keine Spielberechtigung.
Allegri muss sich in diesen Wochen bei fast jedem Spiel eine andere Aufstellung ausdenken und das Gleichgewicht in der Mannschaft neu austarieren. Bisher ist ihm das zumindest in der Liga noch gelungen. Milan ist nach wie vor Tabellenführer, Lokalrivale Inter hat jedoch zuletzt aufgeholt und ist mittlerweile erster Verfolger mit nur noch zwei Punkten Abstand.
Am Samstag kommt es zum Mailänder Derby, durch die enge Tabellenkonstellation noch brisanter als in den vergangenen Spielzeiten. Merkel hat gute Chancen auf die Startelf. Womöglich rückt er nach hinten als Verstärkung für die Verteidigung. es wäre ein weiterer wichtiger Vertrauensbeweis für den jungen Deutschen.
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