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"Millerntor Roar": Der Urknall der Fanzine-Szene

Am 29. Juli 1989 erschien die erste Ausgabe des "Millerntor Roar": Das Heft der FC-St.-Pauli-Anhänger sollte eine Vorreiterrolle in der deutschen Fanszene einnehmen. Sven Brux erinnert sich im Magazin "11FREUNDE" an die Anfangsjahre zwischen Kneipe und brandneuen Computern.

Cover Fanzine 1991: Vorreiter in der deutschen Fanszene Zur Großansicht

Cover Fanzine 1991: Vorreiter in der deutschen Fanszene

Der "Millerntor Roar" war ein Produkt der Euphorie. Als Stadtteilinitiative hatten wir gerade erfolgreich das Stadionbauprojekt "SportDome" verhindert. Viele von uns kamen zudem aus der Punkszene, in der Fanzines schon eine längere Tradition hatten. Es erschien uns also nur logisch, auch ein solches Heft zu machen. Dass wir damit in der deutschen Fanszene Vorreiter sein würden, war uns damals nicht bewusst.

Wie auch, die bundesweite Vernetzung der Fanzines und Initiativen begann erst Anfang der Neunziger. Unser Vorbild waren die englischen Fanzines, vor allem "When Saturday Comes". So humorvoll und intelligent wollten wir auch über Fußball schreiben. Mit der druckfrischen Nullnummer sind wir dann auch beim Abschlusstraining des FC St. Pauli vor dem Spiel gegen Werder Bremen aufgetaucht. Der damalige Geschäftsführer Manfred Campe wollte uns sofort verscheuchen, wurde aber von den anwesenden Rentnern tüchtig zusammengeschissen: "Lass die Jungs doch mal machen!"

Der Erfolg war unglaublich. Wir hatten 1000 Stück gedruckt, 16 Seiten für 50 Pfennig, und waren uns sicher, die würden wir vor dem Stadion nicht los. Wurden wir aber, auch wenn der eine oder andere Käufer gedacht haben wird, wir sind die Stadionzeitung. Wir haben da keine Aufklärungsarbeit geleistet. Ein paar Monate später waren es schon 3500 Exemplare und wir merkten: Wir können etwas bewegen!

Es wird so lange gelabert, bis keiner mehr kann

Das bedeutete allerdings auch mehr Verantwortung. Wenn wir regelmäßig etwa 10.000 Leser erreichten, konnten wir nicht irgendwas im Suff dahinschreiben. Den Fanladen als Treffpunkt gab es damals noch nicht. Redaktionssitzungen fanden also in Privatwohnungen statt und endeten in der Regel spätabends in der Kneipe. Es herrschte das bewährte linke Konsensprinzip: Es wird so lange gelabert bis keiner mehr kann.

Ansonsten haben wir uns schnell professionalisiert. Die Nullnummer wurde noch mit Prittstift und Schere produziert, die erste reguläre Ausgabe schon auf damals brandneuen Computern geschrieben. Der "Roar" spaltete sich 1993 auf, in "Unhaltbar" und "Übersteiger", in Fundis und Realos, wie ich das damals genannt habe. Im "Unhaltbar" wurde mehr theoretisiert, der "Übersteiger" war näher dran an der Fanszene. Aber beide Redaktionen waren nicht verfeindet. Als uns unser neuer Layouter, die Pfeife, kurz vor Redaktionsschluss hatte sitzen lassen, halfen die Kollegen vom "Unhaltbar" aus.

In den Neunzigern boomten dann die Fanzines und hatten in manchen Stadien durchaus Einfluss. Das hing davon ab, wie stark die Macher in den Fanszenen verankert waren. Was im "Schalke Unser" stand, hatte Relevanz in Gelsenkirchen. Anonyme Schreibtischtäter hatten es da natürlich schwerer.

"Übersteiger, Zeckenblatt - Wir haben eure Lügen satt"

Am Millerntor erschienen zeitweise bis zu fünf Magazine gleichzeitig, der "Splitter" etwa und "PiPa Millerntor". An die Bedeutung des "Übersteiger" kam aber keines dieser Blätter heran. Der Beweis dafür war ein Transparent bei einem Derby im Volksparkstadion. Auf einem Bettlaken mitten vor der Westkurve stand der Spruch: "Übersteiger, Zeckenblatt - Wir haben eure Lügen satt". Wir fühlten uns eher geschmeichelt als angegriffen.

Der Spruch ist bis heute ein Running Gag am Millerntor. Auf einer Jubiläums-CD wird er vielstimmig im Chor gesungen und manche begrüßen sich auch heute noch gerne mit diesem Spruch. Das hat sich der "Übersteiger" auch verdient, das alte Zeckenblatt.

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