Mirko Slomka Vom SC Harsum ins Herz der Schalker

Er trägt Jacket und Jeans, er ist kein Lautsprecher, aber seine Botschaften kommen bei den Spielern an: Mirko Slomka hat den FC Schalke 04 zum Titelfavoriten gemacht. Das Fußballmagazin RUND stellt den Trainer vor, der eigentlich nicht so recht zu den Knappen passt.


Dort, wo Marc Wilmots oder Ebbe Sand eine ewige Bleibe gefunden haben, dort ist Mirko Slomka bisher nicht angekommen: mitten im Schalker Herzen. Diesen sorgsam behüteten Raum wird er erst an jenem Tag betreten dürfen, an dem er die Meisterschale durch die Arena trägt. Und wahrscheinlich bleibt selbst dann ein letztes Gefühl des Zweifels. Zu fremd ist dieser Mann. Mathe und Sport hat der gebürtige Hildesheimer studiert, aktiv war er beim SC Harsum und TSV Fortuna-Sachsenross Hannover. Slomka ist der einzige Quereinsteiger in der Bundesliga. So einer hat es schwer an diesem Ort der Traditionen, wo raue Burschen wie Huub Stevens verehrt werden.

Fußball-Lehrer Slomka: Anti-Idyll Gelsenkirchen
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Fußball-Lehrer Slomka: Anti-Idyll Gelsenkirchen

Slomka stammt aus einer Welt, die fremd wirkt im Antiidyll Gelsenkirchen. Ski und Tennis hat er während des Studiums unterrichtet. Er ist ein Diplomat, kein Typ, der geradeheraus sagt, was er denkt. Auf Schalke unterscheiden viele immer noch zwischen "denen da oben", den Leuten mit exklusiven Autos und edlen Maßanzügen, und "uns hier unten". Slomka steht mit seinen Jeans und dem samtenen Jackett irgendwo dazwischen.

Zudem ist er ein hoch analytischer Mensch. Solche Leute haben es besonders schwer in Umgebungen, wo die Emotionen dominieren. "Ich komme aus einfachen Verhältnissen", sagt der Sohn eines Arbeiters zwar, aber auf Schalke wirkt er fast so exotisch wie Ralf Rangnick, der sich hier nie aus seiner Professorenschublade befreien konnte. Dabei ist längst klar, dass das Geheimnis der beeindruckenden Saison im von Slomka geprägten Gegenmodell zu Rudi Assauers affektgesteuertem Schalke liegt. Wo Assauer deftige Formulierungen hervorstieß, formuliert der 39-Jährige sauber und exakt, wo der frühere Manager mit rauchiger Stimme provozierte, mahnt Slomka zur Besonnenheit. „Die Gelassenheit ist Mirko Slomkas größte Stärke“, sagt Clubmanager Andreas Müller anerkennend.

Die Contenance hat Slomka auch in schweren Situationen noch nie öffentlich verloren, in der zur Hysterie neigenden blau-weißen Fußballwelt wirkt diese Kontrolliertheit wie ein Wunderelixier. Im Kern arbeite er seit über einem Jahr akribisch daran. "Eine hohe Geschwindigkeit im Spiel zu erreichen, ohne hektisch zu sein", laute das oberste Gebot, erklärt Slomka. Er ist der erste Trainer seit dem Umzug der Schalker in die Arena 2001, dem es gelingt, Tempo und Gelassenheit auch im Umfeld zu verankern.

Selbst der seit Jahren Interna an die "Bild"-Zeitung ausplaudernde Maulwurf schweigt unter Slomka, der eine besondere Nähe zu den Spielern pflegt. Selbstverständlich stellte er sich an die Seite der Mannschaft, als sie wochenlang nicht mit Journalisten sprach, und nahm ihr so den Druck. "Ich konnte das voll mittragen", sagt er. Zu Beginn des Schweigens im November wurde über Slomkas Entlassung diskutiert, wenige Wochen später war Schalke der heißeste Meisterschaftsanwärter.

Doch neben dieser breiten Spur des Erfolgs verläuft diese andere Linie durch die Karriere des Niedersachsen. Immer, wenn es irgendwo schwierig ist, wenn es Konflikte gibt, dann geht Mirko Slomka als lächelnder Profiteur aus der Situation hervor. Nicht selten bleibt dabei jedoch jemand auf der Strecke.

Schon sein erstes Engagement als Cheftrainer hatte dieses Muster. Als A-Jugendtrainer von Tennis Borussia Berlin legte er der Clubführung im Sommer 2000 ein Konzept für die Zukunft vor. TeBe war gerade die Lizenz für den Profifußball entzogen worden, "es herrschte Chaos", wie Slomka sich erinnert. Robert Jaspert, der die Amateure trainierte, bewarb sich auch um den Job, doch Slomka bekam die Zusage. Der unterlegene Kollege soll damals vor allem menschlich enttäuscht gewesen sein.

Im Januar 2006 war Ralf Rangnick, Slomkas Vorgänger auf der Schalker Bank, derart desillusioniert, dass er den Kontakt völlig abbrach. Dabei war Slomka fünf Jahre lang Rangnicks Assistent, beide waren sehr gute Freunde geworden. "Darüber möchte ich eigentlich nicht mehr sprechen", sagt Slomka heute, und auch Rangnick hat kein Interesse daran, die Geschichte neu aufzurollen. Die Ursache des Bruchs war Slomkas Verhalten in den Tagen der Amtsübernahme. Er schickte nach seiner Einigung mit Schalke einfach eine SMS an Rangnick. Das war es.

Auch die Episode mit Frank Rost gehört in diese Reihe. Der Torhüter wurde im vergangenen Herbst auf die Bank versetzt, "aus rein sportlichen Gründen", wie Slomka bis heute versichert. Schon drei Monate zuvor hatte der Trainer bestimmt, dass der erfahrene Spieler die Kapitänsbinde abgeben müsse. "Weil ich in diesem Amt jemanden wollte, der im Zentrum des Platzes Einfluss nehmen kann", erklärt er.

Geplant oder nicht, Rosts schleichende Entmachtung gehört zum Fundament des Schalker Erfolgs, denn sie war der letzte Schritt weg vom alten Assauer-Schalke. In jedem Fall ist nun Marcelo Bordon der unangefochtene Chef unter den Spielern, sein Wirken sei ein "riesiger Bestandteil des Erfolges", sagt Slomka. Denn der Kader, der lange als zerstrittener Haufen galt, präsentiert sich nach der Verschiebung der Machtpole als homogene Einheit.

Aber die meisten Spieler wurden noch von Rudi Assauer verpflichtet, es ist Rangnicks Philosophie, die das Spiel prägt. Wo genau liegt da Slomkas Anteil jenseits seiner beruhigenden Wirkung. Klar zu erkennen ist noch nicht einmal, ob er die Stilllegung des Schalker Selbstzerstörungstriebes bewusst betrieben hat oder ob er nach Jahren der internen Kämpfe ein Schlachtfeld der Verwundeten und Gefallenen betreten hat, auf dem die Widerstände lange gebrochen waren.

Sicher ist nur: Slomka hat ziemlich gut mit der Mannschaft gearbeitet. Lincoln ist endlich zu einem modernen Fußballer geworden, und Manuel Neuer zur neuen Nummer eins zu machen, war ein Geniestreich. Auch das Vertrauen in den stolpernden Kevin Kuranyi und dessen wundersame Wandlung von der unscheinbaren Raupe zum Schmetterling sind große Trainerleistungen. "Fachliche Qualitäten hat er, sonst hätte ich nicht so lange mit ihm zusammen gearbeitet", sagt Rangnick. Mirko Slomka hat sich auf Schalke immerhin Respekt verschafft.



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