07. Dezember 2012, 15:49 Uhr

Europaweite Fußball-EM 2020

Poker um die Spielstätten

Von Birger Hamann

Berlin, Cardiff oder Istanbul: Wo finden die Spiele der Fußball-EM 2020 statt? Die Entscheidung der Uefa, das Turnier europaweit auszutragen, könnte auch für kleine Städte eine Chance sein - wenn nicht hinter den Kulissen geklüngelt wird.

Yes, we can: Das war die Botschaft, die der englische Fußballverband eiligst verbreitete. Der revolutionäre Beschluss der Uefa, die Europameisterschaft 2020 in mehreren Städten über den ganzen Kontinent verteilt auszutragen, war gerade erst bekanntgegeben worden, da ließen die Engländern wissen, dass sie das Endspiel gerne austragen würden. Im Wembley-Stadion, natürlich, in der "Kirche des Fußballs", wie Pelé den Spielort einst nannte.

Ob es das Finale wird, bleibt abzuwarten; aber man kann davon ausgehen, dass in London 2020 EM-Spiele ausgetragen werden. Wo noch? Eine Frage, für die beim heutigen Stand der Dinge Dutzende Antwortmöglichkeiten gibt. Weil die Uefa bei ihren Kriterien ganz viel Raum für Spekulationen gelassen hat.

In "12 oder 13 Städten über Europa verteilt" soll das Turnier ausgetragen werden, ließ Uefa-Präsident Michel Platini wissen. Allerdings müssten es nicht zwangsläufig nur Hauptstädte sein, in denen gespielt wird. Große, mittlere, kleine Städte - alles soll dabei sein. Uefa-Generalsekretär Gianni Infantino sagte zudem, man setze "auf einen guten Mix aus Ländern, die noch nie eine EM hatten, und denen, die schon einmal ein solches Turnier ausgetragen haben". Wunderbar, EM-Spiele könnten demnach also in nahezu jeder Stadt Europas ausgetragen werden, die über ein passables Stadion verfügt.

Ganz so beliebig wird es aber nicht werden. Bei der Vergabe der EM-Partien 2020 werden wohl in erster Linie die üblichen Verdächtigen zum Zuge kommen. Das Stade de France bei Paris etwa. Berlin mit seinem Olympiastadion. Und Wembley natürlich.

Große und moderne Fußballarenen vor allem in Westeuropa

"Es wird wahrscheinlich kaum Überraschungen geben", glaubt Thomas Krämer vom Magazin "Stadionwelt". Vor allem in Westeuropa stehen die großen Arenen, in denen Fußballgroßereignisse wie Champions-League-Finale stattfinden. Dazu zählen das Camp Nou in Barcelona, mit knapp 100.000 Plätzen das größte Stadion Europas, das Estadio Santiago Bernabéu in Madrid und die Arena in München. Auch das Estádio da Luz in Lissabon, das Giuseppe-Meazza-Stadion in Mailand, das Wiener Ernst-Happel-Stadion oder die Arena in Amsterdam dürften gute Chancen haben. Die Friends Arena in Stockholm ist brandneu. Und in Kiew steht ein Olympiastadion, das zur vergangenen EM für wahnwitzige 585 Millionen Euro umgebaut wurde.

Einziger Haken an der bisherigen Auswahl: Die Länder, in denen die genannten Städte liegen, haben bereits eine EM ausgerichtet. Aber die Uefa will ja auch diejenigen berücksichtigen, die bislang noch kein Turnier veranstalten durften. Und da wird die Auswahl schon kleiner. Das Olympiastadion Luschniki in Moskau käme in Frage, die erst vor einem Jahr eröffnete Arena Nationala in Bukarest auch, in Tiflis soll ein neues, großes Stadion entstehen.

Glasgow hätte zwei Stadien von internationalem Standard

Eine echte Chance wäre das Turnier aber vor allem für Städte in kleinen Ländern, die niemals eine EM ausrichten könnten. "Schottland und Wales" nennt Stadionexperte Krämer. Glasgow hat mit dem Ibrox Stadium (Rangers) und dem Celtic Park gleich zwei Stadien von internationalem Standard. Das beeindruckende Millennium Stadium in Cardiff bietet 74.500 Zuschauern Platz.

Problem beider Standorte: Sie liegen geografisch nahe an London. Und damit kommt die sportpolitische Ebene ins Spiel. Denn die Uefa muss natürlich ihren vollmundigen Ankündigungen, ein Turnier in ganz Europa ausrichten zu wollen, auch Taten folgen lassen. Und wenn der gesamte Kontinent, von Portugal bis Russland, von Schweden bis zur Türkei, eingebunden werden soll, wird es am Ende nicht viele Spielorte geben, die geografisch allzu eng beieinander oder womöglich in ein und demselben Land liegen.

Platini lässt bisher alle Fragen dahingehend unbeantwortet. "Im Moment haben wir ein weißes Blatt Papier. Noch ist alles offen", sagt der Uefa-Präsident. Legt man die Kriterien seines Verbandes zugrunde, wäre aber kaum ein Standort so geeignet wie Istanbul, der mit dem Atatürk-Olympiastadion und der Türk Telekom Arena gleich über zwei große und moderne Spielstätten verfügt. Istanbul ist keine Hauptstadt, zudem fand in der Türkei noch keine EM statt.

Auch aus sportpolitischen Gründen wäre Istanbul eine clevere Wahl der Uefa, dann wären nämlich wohl auch die Türken zufrieden. Schließlich wollten sie die EM 2020 allein ausrichten und hatten als einziges Land gegen Platinis Idee eines europaweiten Turniers gestimmt. Bekommt Istanbul daher Spiele? Womöglich sogar das Finale?

Erst im Frühjahr 2014 wird es Antworten auf diese und alle anderen Fragen geben. Bis dahin wird um die Austragung der lukrativen Partien gekämpft.


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