Milan-Kapitän Montolivo: "Fußball ist ein Spiel für Kinder"
Sie nennen ihn den "Deutschen": Riccardo Montolivo ist neuer Kapitän des AC Mailand. Vor dem Champions-League-Auftakt seines Clubs spricht er über die riesigen Erwartungen bei Milan, dramatische Veränderungen im italienischen Fußball - und warum er bei der WM auf Deutschland treffen will.
Gianni Rivera, Franco Baresi, Paolo Maldini - es waren meist die ganz Großen des Weltfußballs, die beim AC Mailand in den vergangenen Jahrzehnten die Kapitänsbinde trugen. Und irgendwie schien das ja auch zum Selbstverständnis des Weltclubs aus Norditalien zu passen. Seit Saisonbeginn gibt es einen neuen Chef bei Milan, er heißt Riccardo Montolivo.
Montolivo, 28, ist der Gegenentwurf eines Superstars, der Mann, den sie in Italien wegen seiner Deutschen Mutter "Il Tedesco", also "den Deutschen" nennen, gilt als verlässlicher Arbeiter, der seine Fähigkeiten am liebsten in den Dienst der Mannschaft stellt. Aber sein Ansehen im Team ist ausgesprochen hoch, was auch dadurch belegt wird, dass er Kapitän wurde, obwohl er erst vor einem Jahr aus Florenz nach Mailand kam.
Am Abend startet Milan in die Champions-League-Saison, Gegner ist Celtic Glasgow. "Celtic ist ein harter Gegner, schnell und stark, aber wir haben alles, was wir brauchen, um die Schotten zu schlagen", sagt Montolivo, der selbst wegen einer Verletzung fehlen wird. Er warnt auch vor dem Auftakt: Das erste Spiel sei immer das wichtigste, "man darf nichts falsch machen".
SPIEGEL ONLINE hat Montolivo in Mailand getroffen und mit ihm über seine Ziele mit Milan gesprochen, über den italienischen Fußball, der sich gerade neu erfindet - und den großen WM-Rivalen aus Deutschland.
SPIEGEL ONLINE: Signor Montolivo, der Weg ist noch weit, aber welche WM in Brasilien 2014 sehen Sie voraus? Wie wird Italien spielen, wie Deutschland?
Montolivo: Die WM ist noch weit weg, aber ich hoffe, dass mein Abenteuer in der Nationalmannschaft weitergeht und ich daran teilnehme. Um nach Brasilien zu kommen, muss ich bei Milan gut spielen und deshalb denke ich nur an Milan. Was Deutschland angeht, ist es eine hochbegabte Mannschaft und sie wird sicher wie immer unter den Favoriten sein.
SPIEGEL ONLINE: Mit Deutschland verbindet man bei großen Turnieren immer auch erfolgreiche Elfmeterschießen. Fürchten Sie eigentlich ein Aufeinandertreffen mit dem Löw-Team?
Montolivo: Nein, es sind immer faszinierende Spiele, ich hoffe, dass wir aufeinandertreffen! Ich glaube, dass sich die Deutschen gegen uns ein bisschen schwer tun. Auch bei der vergangenen EM haben wir sie ja geschlagen - während 90 Minuten, ohne Elfmeterschießen. Aber Deutschland hat ebenfalls eine fantastische Mannschaft und gewinnt seine Spiele häufig, ohne ein Elfmeterschießen zu benötigen.
SPIEGEL ONLINE: Wenn man einen Elfmeter verschießt, dann "bricht die Welt über dir zusammen" (Riccardo Montolivo nach dem vergebenen Strafstoß im Viertelfinale der EM 2012; die Red.): Wie gehen Sie mit dieser emotional schwierigen Situation um?
Montolivo: Einen Elfmeter bei einer EM zu verschießen, ist vielleicht der schlimmste Moment für einen Fußballer; denn wenn man verschießt, könnte das das Ende eines Traums sein - wir hätten in dem Moment aus der EM ausscheiden können. Aber nur derjenige kann einen Elfmeter verschießen, der zu einem Elfmeter antritt. Dann denke ich, dass einen der Gedanke daran erst verlässt, bis man einen anderen versenkt hat. Beim Confederations Cup habe ich einen Elfmeter gegen Spanien geschossen und während ich mir dort den Ball zum Schießen hinlegte, kam mir das kurz in den Sinn. Zum Glück war er drin.
SPIEGEL ONLINE: Mit 14 Jahren waren Sie mit Ihrem Vater das erste Mal im Mailänder Stadion San Siro. Welche Erinnerung haben Sie daran? Und welches Gefühl empfinden Sie heute, mit 28 Jahren, als Kapitän dort zu spielen?
Montolivo: Das ist das Allerspannendste, weil ich aus einer Familie mit "Milanisti" stamme, und das erste Spiel im Stadion war Milan gegen Sampdoria, ein 3:2! Ich erinnere mich an ein unglaubliches Stadion, auch weil ich glaube, dass das Stadion San Siro das schönste der Welt ist. Und wer hätte je gedacht, dass ich 14 Jahre später den Rasen als Kapitän der Mannschaft betrete, das hätte ich nie erwartet, keiner hat das!
SPIEGEL ONLINE: Wer ist stolzer - Sie oder Ihr Vater?
Montolivo: (lacht) Ich weiß es nicht. Er sicher auch, weil mein Vater ins Stadion ging, um Rivera (Gianni Rivera, Anm.d.Red.) zu sehen und deshalb denke ich, dass es auch für ihn ein unglaubliches Gefühl ist. Es ist eine große Ehre, Kapitän zu sein.
SPIEGEL ONLINE: Wo sehen Sie die Aufgaben eines Kapitäns?
Montolivo: Ein Kapitän muss die Führung übernehmen, aber nicht allein. Ich glaube, dass es in einem Team sieben, acht Spieler geben muss, die die Richtung vorgeben. Die Kraft und die Persönlichkeit eines Teams kommen nicht von einem allein.
SPIEGEL ONLINE: Und der Kapitän?
Montolivo: Der Kapitän vertritt innerhalb wie außerhalb des Spielfeldes die gesamte Mannschaft, aber ein Kapitän allein kann wenig ausrichten, er braucht die anderen Spieler, die den harten Kern ausmachen, um den Weg zu weisen. Der Kapitän sollte vielleicht der erste unter ihnen sein.
SPIEGEL ONLINE: Welches Ziel hat Milan in dieser Saison?
Montolivo: Unser Ziel ist, etwas zu gewinnen. Die Champions League ist dabei am wichtigsten. Aber auch am schwierigsten.
SPIEGEL ONLINE: Und Ihr persönliches Ziel?
Montolivo: Die Champions League ist ein Traum. Aber es wäre schön, dieses Jahr irgendeine Trophäe in die Höhe zu halten, sei es Pokal, Meisterschaft oder Champions League. Sie sind alle verschieden, haben unterschiedliche Werte, aber wir müssen wieder gewinnen.
SPIEGEL ONLINE: Derzeit erfinden sich Milan sowie der ganze italienische Fußball neu. Die Vereine setzen im Gegensatz zu früher junge Spieler ein...
Montolivo: Das ist wahr. Bis vor wenigen Jahren konnten Milan und andere italienische Vereine die Spieler kaufen, die sie haben wollten. Heute müssen sie in junge Spieler und in die eigene Jugendarbeit investieren. Das ist etwas, an das die großen Vereine kaum gewöhnt waren.
SPIEGEL ONLINE: Und für das sie nicht viel Zeit bekommen. Stimmt es, dass im italienischen Fußball immer noch die Geduld fehlt für eine langfristige Entwicklung?
Montolivo: Ja, sehr, weil es diesen riesigen Erfolgsdruck gibt. Oft sind dann die Urteile bezüglich eines jungen Spielers voreilig, d.h. dass er von einem Monat zum anderen oder von einer Woche zur anderen von außen völlig voneinander abweichend beurteilt wird.
SPIEGEL ONLINE: Das passiert auch den erfahrenen Spielern.
Montolivo: Ja, das stimmt. Aber bei den jungen Spielern wäre ein bisschen mehr Geduld angebracht. Wir haben in der vergangenen Saison sehr viel verändert und junge Spieler eingesetzt, die jetzt in der Nationalmannschaft spielen. Das heißt, sie sind von einem Namenlosen zu einem Nationalspieler geworden. Milan hat in dieser Hinsicht große Arbeit geleistet. Die Vorstellung hier ist, einen Mix aus hochbegabten jungen und aus profilierten Spielern zu schaffen.
SPIEGEL ONLINE: Wie kann das gelingen?
Montolivo: Ich glaube, dass es ein Vorteil ist, den Trainer nicht gewechselt zu haben, weil er die Stärken und Schwächen der Mannschaft kennt - und auch die Mannschaft kennt den Trainer.
SPIEGEL ONLINE: Drei Bedingungen für Erfolg?
Montolivo: Professionalität, Opferbereitschaft und Leidenschaft für das, was man tut.
SPIEGEL ONLINE: Welches ist das schönste Geschenk im Fußball? Und welches im Leben?
Montolivo: Die Freude, jeden Tag spielen zu können, am Training teilzunehmen, meine Leidenschaft zu meiner Arbeit gemacht zu haben. Das ist das Schönste. Und auch die Möglichkeit, sich mit großartigen Siegern auseinanderzusetzen. Und im Leben, da hoffe ich, dass die schönsten Dinge noch kommen werden, weil ich keine Kinder habe. Das ist wahrscheinlich die größte Freude, die ein Mensch haben kann.
SPIEGEL ONLINE: Wie beenden Sie den Satz: "Fußball ist ein Spiel für "?
Montolivo: für Kinder. Keiner sollte vergessen, dass Fußball ein Spiel ist und auch nicht den Spaß und die Spiellust, die einen begleitet haben, als man Kind war.
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- Riccardo Montolivo, 28, begann seine Fußballkarriere in Bergamo, wo er zunächst in der Jugend und dann in der Serie B auflief. 2005 wechselte der zentrale Mittelfeldspieler nach Florenz, dort wurde er Kapitän und Nationalspieler. Seit 2012 spielt Montolivo, der eine deutsche Mutter hat, beim AC Mailand.
DPA
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